Reportage Tschechien: Unterwegs im Land der Esoterik-Pioniere

Tschechien gehört zu den Ländern mit dem weltweit größten Esoterik-Markt. Derzeit macht eine Initiative Furore, die selbsternannte Göttinen und Gurus auf die Schippe nimmt – auch, um vor den Heilsbringern in privater Mission zu warnen. Hunderte Millionen Euro ist der Esoterik-Markt schwer. Ein Boom, der auch mit der schwindenen Rolle der Kirchen zu tun hat, wie Petr Fiala glaubt – heute ist der einstige Hochschulprofessor der Ministerpräsident von Tschechien, das er mal als "Labor der Säkularisation" beschrieben hat.

Astronomische Uhr im Prag 4 min
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Was kommt nach der Kirche? Anscheinend keine neue Aufgeklärtheit, wie der Blick nach Tschechien nahe legt. In dem Land boomt die Esoterik. Doch im Internet wird jetzt auch gegen selbst ernannte Gurus mobil gemacht.

MDR KULTUR - Das Radio So 22.01.2023 06:00Uhr 03:43 min

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Das Internet-Video zeigt eine junge Frau. Sie schwärmt von ihren ersten Erfahrungen mit einer selbsternannten Göttin: "Die Verbindung mit meiner galaktischen Familie war ein großes Ankommen, ein großer Wasserfall der Liebe. Liebe, nach der ich mein ganzes Leben lang gesucht habe. Als ich mich jetzt in der Meditation mit meinen galaktischen Eltern verbinden konnte, hat mich das mit so viel Liebe überspült, dass ich endlich weiß, was mir fehlte."

"Jäger der Täuschungen" warnen vor Esoterik-Geschäftemacherei

Solche Video-Schnipsel sind in Tschechien gerade ungeheuer populär: Eine private Initiative sammelt sie und stellt Esoterik-Gurus und ihre Werbefilme wie diesen hier auf sozialen Netzwerken bewusst nebeneinander – um sich über sie lustig zu machen, aber vor allem, um vor dubiosen Geschäftemachern zu warnen. Profit ziehen aus menschlicher Verletzlichkeit – so nennen die Initiatoren deren Geschäftsmodell. "Lovci Klamu" – frei übersetzt "Jäger der Täuschungen" – heißt die Gruppe, Ivana ist ihre Sprecherin, sie sagt: "Am Anfang hatte ich nicht den Eindruck, dass wir damit viel bewegen. Wir haben einfach diese Blase im Internet entdeckt, die uns bis dahin ganz unbekannt war. Die Esoterik-Welt ist so schillernd – wir glauben immer, dass uns nichts mehr überraschen kann, aber dann finden wir doch wieder etwas Neues."

Religionssoziologe: Kirche spielt in Tschechien keine relevante Rolle mehr

Das erzählt Ivana in einem der wenigen Interviews, die die "Jäger der Täuschungen" dem tschechischen Rundfunk gegeben haben. Die Gruppe agiert aus der Anonymität heraus, denn es ist eine mächtige Branche, mit der sie sich anlegen. Einer, der sich nicht vor der Öffentlichkeit scheut, ist Zdenek Nespor. Er ist ein profilierter Kenner der Esoterik-Szene in Tschechien und Professor an der renommierten Karls-Universität in Prag.

In Sachen Esoterik sei Tschechien weltweit führend, erklärt der Religionssoziologe. Einen Grund dafür sieht er in den geringen Mitgliedszahlen der Kirchen, den niedrigsten in der ganzen Europäischen Union: "Das Feld, das die Kirchen in anderen Gesellschaften schon sehr lange oder noch besetzen, liegt bei uns brach. Deshalb bieten sich hier üppige Gelegenheiten für die verschiedensten privaten und unternehmerischen 'Anbieter von Heiligtümern', wie ich sie nenne."

Heilsbringer in privater Mission

"Anbieter von Heiligtümern" – das ist sein Sammelbegriff für ein weites Feld, das in Tschechien schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts stark beackert wurde. Damals war Esoterik im übrigen Europa höchstens ein Randphänomen. Heute ist das Spektrum in Tschechien nochmals breiter geworden. Zdenek Nespor unterscheidet zwischen verschiedenen esoterischen Strömungen, zwischen legal und betrügerisch, zwischen harmlos und sektiererisch: "Man findet Leute, die zum Beispiel Bücher darüber schreiben, wie sie Außerirdische trafen. Manche haben solche Begegnungen regelmäßig, die können nicht anders als darüber Bücher zu schreiben – und deren kommerzieller Erfolg interessiert sie gar nicht, sie wollen sich einfach nur mitteilen. Das ist das eine Extrem. Das andere Extrem sind diejenigen, die richtig viel Geld verdienen und die versuchen, aus Interessenten feste Anhänger zu machen."

Petr Fiala sieht Tschechien als "Labor der Säkularisation"

Ein Mann an einem Rederpult
Über Tschechien als "Labor der Säkularisation" schrieb Petr Fiala, studierter Politologe und heute Ministerpräsident, ein Buch. Bildrechte: picture alliance/dpa/CTK | Vit Simanek

Der Esoterik-Markt setze in Tschechien jährlich hunderte Millionen Euro um, wenn nicht gar Milliarden – genauere Schätzungen seien nicht möglich, so Nespor. Ebenso ist unklar, wie die starke spirituelle Szene die Gesellschaft verändert.

Genau über diese Frage hat ein Politikwissenschaftler vor einigen Jahren ein Buch geschrieben, das er "Labor der Säkularisation" nannte. Seine These: Tschechien sei in dieser Hinsicht ein Experimentierfeld für die westliche Welt. Der Name des Autors ist Petr Fiala – heute ist der einstige Hochschulprofessor in Tschechien Ministerpräsident.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. Januar 2023 | 08:15 Uhr