Aufarbeitung der eigenen Geschichte Die Landeskirche Anhalts in der NS-Zeit

"Die evangelische Landeskirche Anhalts in der Zeit des Nationalsozialismus" – das ist der Titel eines Buches, das frisch erschienen ist, herausgegeben von eben jener Landeskirche. Es ist eine Geschichte von Anpassung und Widerstand in schweren Zeiten.

von Ulli Wittstock, MDR Religion & Gesellschaft

Auferstehungskirche nach einem Gottesdienst anlässlich der Einführung des Gemeindekirchenrates im August 1933
Die Auferstehungskirche in Dessau nach einem Gottesdienst anlässlich der Einführung des Gemeindekirchenrates 1933 Bildrechte: Evangelische Landeskirche Anhalts

Es hat eine Weile gedauert, bis sich die evangelische Landeskirche mit ihrer jüngeren Vergangenheit beschäftigt. Nach dem Ende des Nationalsozialismus gab es zwar eine  Aufarbeitung, doch seitdem fehlt ein umfassendere Überblick. Der liege nun vor, so Johannes Killyen, Mitherausgeber des Bandes.

Ein durchaus wegweisendes Werk, weil zuvor nur Einzeldarstellungen vorhanden gewesen sind. Es wirft etwas Licht in diese dunkle Zeit der Landeskirche, als sich viele Christen hier in Anhalt dem Nationalsozialismus an die Brust geworfen haben.

Johannes Killyen

In ausgewählten Beispielen wird deutlich, wie sehr es eben auch persönliche Entscheidungen waren, die einen zum Mittäter, zum Mitläufer oder eben auch zum Widerständler werden ließen, wobei die Grenzen oft fließend waren. Zum Beispiel Pfarrer Erich Elster, konservativ, ein Deutschnationaler. Dietrich Bungeroth, Pfarrer in Ruhestand hat sich mit dessen schillernder Persönlichkeit beschäftigt.

Ich bin selbst ja Geburtsjahr 1948. In den 1950er-Jahren war ich bei ihm im Kindergottesdienst gewesen. Er hatte auch ein Schauspielstudium gemacht, verkündete auf diese Weise das Evangelium. Also Erich Elster war bestrebt die Kirche in der NS-Zeit zu einen.

Dietrich Bungeroth

Elster wurde Landeschef der deutschen Christen, das waren jene Kirchenmitglieder, die den Nationalsozialismus unterstützten. NSDAP-Mitglied wurde Elster aber nicht. Dennoch blieb sein Engagement nicht unwidersprochen:

Seine Predigten waren sehr beliebt. Aber es gab viele Leute, die nicht zu ihm gingen. Da möcht ich Einen nennen, das war Müller, sein Kantor. Der hat ihm am 31. Dezember 1933 die Gefolgschaft gekündigt. Er hat ihm geschrieben, diese völkischen Predigten seien nicht auszuhalten.

Dietrich Bungeroth

Elster: Kirche und Staat gehören zusammen

Rudolf Wilkendorf
Rudolf Wilkendorf, Juristischer Oberkirchenrat der Ev. Landeskirche Anhalts bestimmte maßgeblich die Kirchenpolitik im Sinne der Deutschen Christen. Bildrechte: Evangelische Landeskirche Anhalts

Zu dieser Zeit gibt es in der Landeskirche Anhalt etwa 120 Pfarrer. Eine Minderheit, nämlich rund dreißig engagieren sich in der Bekennenden Kirche. Hier sammeln sich jene, die sich dem NS-Einfluss auf die Kirche widersetzen. Für Pfarrer wie Erich Elster ist das unverständlich. Nation und Kirche gehören aus seiner Sicht zusammen. Dabei mag auch die persönliche Erfahrung eine Rolle gespielt haben.

Erich Elster beschreibt in seiner Biografie auch die Verletzung vor Verdun, sei sozusagen sein Ritterschlag gewesen. Er hat dann zum Gedenktag an Verdun immer eine große Installation aufgebaut: aus Birkenkreuzen und Stahlhelmen. Und wenn man die Gemeindeboten liest, ist man entsetzt. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass das Evangelium auf diese Art gepredigt wurde.

Dietrich Bungeroth

Kampf gegen Bedeutungsverlust

Aber nicht nur die langen Schatten eines verlorenen Weltkrieges wirkten in vielen Gemeinden nach, sondern auch die Erfahrung eines zunehmenden Bedeutungsverlustes der Kirche.

Anhalt war seit jeher - seit dem 19. Jahrhundert - eine sehr stark vom Arbeitermilieu geprägte Region gewesen. Die Kirchenbindung hat stark abgenommen und damals erhofften sich viele Christen, dass das Christentum wieder zu alter Stärke wiederfindet.

Johannes Killyen

Und zunächst scheint sich diese Hoffnung auch zu bewahrheiten. Die Deutschen Christen um Erich Elster erhalten Zulauf. Die Kirchenbücher der Auferstehungsgemeinde künden von einem kleinen Glaubenswunder.

1933, 34, 35 steigen die Konfirmationen – es ist unglaublich - um 100 Prozent. Es ist ja anfänglich auch für viele nicht ersichtlich, dass der NS-Staat kirchenfeindlich eingestellt war. Aber nach zwei Jahren ist dieses Strohfeuer weg, die Leute stellen fest: das bringt keine Punkte.

Dietrich Bungeroth

Nach dem Krieg verlieren zwei Pfarrer in Anhalt wegen zu großer Systemnähe ihre Anstellung. Weitere müssen ihre Gemeinde wechseln. Erich Elster bleibt jedoch im Amt, auch weil er die Unterstützung des Gemeindekirchenrats hat.

Das Buch Die Evangelische Landeskirche Anhalts in der Zeit des Nationalsozialismus (1933 bis 1945)

Publikation zum Studientag am 19. November 2015

Hrsg. von der Kirchengeschichtlichen Kammer der Ev. Landeskirche Anhalts Dessau-Roßlau, 2019

ISBN 978-3-9819215-7-1
8,00 EUR

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Religion & Gesellschaft | 15. September 2019 | 09:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. September 2019, 10:46 Uhr