Friedrich Schorlemmer zum 75. Geburtstag Ein Querdenker, ein Idealist

Deutscher Theologe, Publizist, Autor, Essayist, Mitglied der SPD. So umreißen offizielle Biografien das Tätigkeitsfeld des in Wittenberg lebenden Friedrich Schorlemmer. Geboren wurde der Sohn eines Pfarrers am 16. Mai 1944, also vor 75 Jahren.

von Wolfram Nagel

Friedrich Schorlemmer
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Schon als Schüler verweigert sich Friedrich Schorlemmer der FDJ und muss deshalb sein Abitur auf der Volkshochschule nachholen, um studieren zu können. Bis zur friedlichen Revolution steht er in Opposition zu den Mächtigen der DDR, zur Diktatur der Gerontokraten, wie er sagt. Vor allem engagiert er sich in der christlichen Friedensbewegung. Und heute sind für ihn die Themen "Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung" aktueller denn je.

4. November 1989: Auf dem Berliner Alexanderplatz hören eine halbe Million Menschen dem Wittenberger Theologen Friedrich Schorlemmer zu. Es ist sein erster großer Auftritt jenseits schützender Kirchenmauern. Künstler haben zu der Kundgebung eingeladen. Es geht um die Zukunft der DDR.    

Friedrich Schorlemmer spricht auf der Demonstration am 4.11.1989 in Berlin
Bildrechte: DRA/DDR Fernsehen

Lebten wir gestern noch in der stickigen Luft der Stagnation, die atemberaubend war, so erleben wir jetzt Veränderungen, die atemberaubend sind. Der Wehrunterricht wird abgeschafft, der Zivildienst wird eingeführt.

Friedrich Schorlemmer

Gelungener Coup

Schon 1980 gründet der Theologe in Wittenberg einen Friedenskreis. Und er verteidigt junge Leute, denen Polizei und Stasi verbieten wollen, den Aufnäher "Schwerter zu Pflugscharen" auf ihren Jackenärmeln zu tragen. Während des Kirchentages 1983 lässt er im Lutherhof ein Schwert umschmieden, im Beisein von Tausend begeisterten Zuschauern; seine wohl spektakulärste Aktion als Pfarrer der Lutherstadt und darüber hinaus. Ein anwesendes westdeutsches Fernsehteam sorgt für größtmögliche Öffentlichkeit. Über den gelungenen Coup von damals freut er sich noch heute.

Hat den Herrschaften überhaupt nicht gefallen, aber uns allen hats unglaublich gefallen, hat Langzeitwirkung von Hoffnung und Freude ausgedrückt. Kann man nicht anders sagen. Ein jeder braucht sein Brot, seinen Wein, und Frieden ohne Furcht soll sein.

Friedrich Schorlemmer

Christlichen Friedensaktivisten wie Friedrich Schorlemmer geht es damals gar nicht so sehr um die Provokation. Sie wollen vielmehr, dass sich die Menschen bewegen, dass sie mehr für den Frieden tun, als am ersten Mai Fähnchen zu schwingen.  

Der Unangepasste

In seinem Erinnerungsband "Klar sehen und doch hoffen" von 2012 beschreibt sich Friedrich Schorlemmer als Mensch, der gegen den Strom schwimmt. Ein Querdenker, ein Idealist. So wirbt er noch 1990 für einen dritten Weg, als die Weichen für die schnelle Wiedervereinigung schon längst gestellt sind.  

Was für uns überhaupt nicht zur Debatte stand war, dass wir die Vereinigung als Erstes anstreben wollen, sondern, was wir wollten: die Veränderung, die Selbstveränderung jedes Menschen, die Selbstveränderung in einer Gesellschaft [...]

Friedrich Schorlemmer

Die Ostdeutschen verstehen

Zornig attackiert der Theologe und Publizist in Radiointerviews, Talkshows und seinen Büchern immer wieder die Treuhandpolitik, und damit die Demütigung der ehemaligen DDR-Bürger. Und er wird nicht müde, den Menschen in Westdeutschland die ostdeutsche Seele zu erklären. Im Vorfeld der Bundestagswahl gehört er 1997 zu den Mitunterzeichnern der "Erfurter Erklärung" gegen die politische Ausgrenzung der PDS. Das bringt ihm nicht nur Beschimpfungen aus dem konservativen Lager ein.

Das neoliberal, kapitalistische Denken und Wirtschaften lehnt Friedrich Schorlemmer ab. "Diese Wirtschaft tötet“, zitiert er Papst Franziskus. Aber ihm ist auch klar:   

Ohne Konkurrenz gibt es keine Anstrengung. Daran ist der Sozialismus auch gescheitert, an dieser organisierten Verantwortungslosigkeit.

Mit seinen Büchern schreibt Friedrich Schorlemmer gegen drohendes Unheil an. Er versteht sich als Aufklärer und ist ein begnadeter Redner und Prediger. Dafür hat er 1993 den Friedenspreis des Börsenvereins des deutschen Buchhandels bekommen.  

Friedrich Schorlemmer
Beliebter Gast auf Podiumsdiskussionen: Friedrich Schorlemmer Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kein Berufspolitiker

Obwohl er sich als SPD-Mitglied immer auch politisch engagagiert und einmischt, will er nie Berufspolitiker werden. Auch nicht, als ihm vorgeschlagen wird, für das Amt des Bundespräsidenten zu kandidieren.    

Ich kenne mich zu gut um zu wissen, das hätte mich nur kaputt gemacht. Ich bin dem nicht gewachsen. Und ich will auch nicht in eine Politik hinein, in der ich laufend gucken muss, wie ich meine Anhängerschar um mich herum sammle gegen die Anderen. Und Berater habe, die mich verraten.

Friedrich Schorlemmer

Friedrich Schorlemmer sieht diese "eine Welt" in Gefahr. Doch er hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass eine Umkehr gelingen kann. Und so treiben ihn auch mit 75 Jahren die Fragen der Zeit um, gerade jetzt in der aktuellen Klimadebatte. Er wird nicht ruhen, sind doch viele Hoffnungen von einer friedlicheren und gerechteren Welt noch unerfüllt geblieben.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Religion & Gesellschaft | 12. Mai 2019 | 08:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Mai 2019, 09:24 Uhr