Neue Kontaktstelle Ukraine-Krieg: Wie helfen wir Geflüchteten mit Behinderung?

Der Krieg hat Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer in die Flucht getrieben. Darunter sind Menschen mit Behinderung, die besonders schwer betroffen sind. Vereine wie der Martinsclub oder Verbände wie der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) halfen spontan und kamen an ihre Grenzen. Doch Hilfe, sei es nun in Form von Spenden oder ganz praktischer Unterstützung, ist weiter nötig, wie Reiner Delgado vom DBSV im MDR-Gespräch betont. Nun engagiert sich der Bund mit einer neuen Kontaktstelle.

Russlands Überfall auf die Ukraine hat zu einer massenhaften Flucht aus den unmittelbar betroffenen Gebieten geführt. Darunter sind auch Menschen mit Behinderung. Viele Vereine und Verbände halfen spontan. Eine führende Rolle spielte gleich im März der Verein Martinsclub aus Bremen. Mitarbeitende fuhren an die polnisch-ukrainische Grenze. In einem zehntägigen Einsatz wurden mehr als 70 Menschen mit Behinderung von dort aus in Sicherheit gebracht, wie Thomas Bretschneider vom Martinsclub e.V. im Gespräch mit MDR Selbstbestimmt berichtet. Einige aus dem Team seien zunächst vor Ort geblieben. So sei der Martinsclub zur Schaltzentrale geworden, koordinierte Fahrdienste und Hilfsangebote. Eine Aufgabe, für die die Struktur eines kleinen Vereins nicht ausgelegt ist, wie Bretschneider betont. Ein großer Träger, der die Arbeit übernimmt, sei nicht gefunden worden: "Das frustriert."

DBSV: Spontane Hilfe bei der Flucht und vor Ort

Nicht nur die Hilfe bei der Flucht, auch die vor Ort wird für behinderte Menschen weiter durch viele kleine Einzelinitiativen geleistet. Die sehen sich mit hunderten Anfragen konfrontiert. Den Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) erreichte der erste Hilferuf ebenfalls im März, wie Reiner Delgado im MDR-Gespräch erklärt: "Wir haben die Nachricht bekommen, es gebe da blinde Kinder mit ihren Lehrern und Müttern, ungefähr 100 Personen, ob wir da was tun können. Mit unserem Berliner Landesverein haben wir dann eine Aktion gestartet, dass fünf Leute nach Polen gefahren sind, dort Busse gechartert haben und dann kamen Mitte März 86 Personen in Berlin an."

Inzwischen seien fast alle verteilt, so Delgado. Mit Unterstützung vom Verband für Blinden- und Sehbehindertenpädagogik sollten Kinder die Perspektive haben, in die Schule gehen zu können: "Es ist jetzt noch eine Familie hier in Berlin, weil die Uroma Corona bekommen hat und im Krankenhaus ist. Oma, Mutter und Tochter wohnen gerade noch bei mir zu Hause, bis die Uroma dann wieder gesund ist."

Spenden und praktische Hilfe

Delgado betont, es werde weiter Hilfe benötigt: "Man kann uns Unterstützung anbieten." Unter DBSV.org/ukraine gibt es ein Online-Formular, um zu spenden, aber auch um ganz praktisch tätig zu werden; den Geflüchteten bei der Orientierung im neuen Umfeld und bei Behördenangelegenheiten zu helfen oder Platz zum Wohnen anzubieten. Gesucht werden Dolmetscherinnen und Dolmetscher, die Ukrainisch oder Russisch sprechen und die auch aus der Ferne über Telefon aktiv werden können. Angeboten werden können darüber hinaus auch intakte Hilfsmittel, beispielsweise Langstöcke, Sehhilfen oder Smartphones. Der Verband ermittelt, wo Sachspenden benötigt werden, so dass sie dann direkt an Bedürftige geschickt werden können.

Bund richtet Kontaktstelle für Geflüchtete mit Behinderung ein

Indessen hat der Bund eine neue Kontaktstelle für aus der Ukraine geflüchtete Menschen mit Behinderungen und Pflegebedürftige geschaffen. Sie soll vermitteln zwischen Organisationen, die Menschen mit Behinderung oder Pflegebedarf aus der Ukraine evakuieren und Einrichtungen in Deutschland, die Menschen aufnehmen können. Partner ist dabei das Deutsche Rote Kreuz, wie das Bundessozial- und das Bundesgesundheitsministerium mitteilten. Bundessozialminister Hubertus Heil erklärte dazu, in den ersten Kriegswochen seien ganze Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen evakuiert worden. Sie seien meist völlig entkräftet und traumatisiert in Deutschland angekommen. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach betonte, Pflegebedürftige benötigten in Deutschland rasch niedrigschwellige Hilfen.

Die Präsidentin des Deutschen Roten Kreuzes, Gerda Hasselfeldt, erläuterte, je länger der russische Angriffskrieg auf die Ukraine andauere, desto länger werde es auch einen Bedarf an bundesweiter Koordinierung der Aufnahme und Versorgung von Menschen mit Behinderungen und pflegebedürftigen Personen geben. Mit der Bundeskontaktstelle würden daher gleichzeitig von den Ländern 16 Landeskoordinierungsstellen aufgebaut, die die Betreuungssituation vor Ort im Blick hätten und auch konkrete Unterbringungsangebote vermitteln könnten.

Bundeskontaktstelle für Geflüchtete mit Behinderungen: Hotline

Die Bundeskontaktstelle ist telefonisch zu erreichen unter 030 / 85 404 789 (Mo-Fr, 9 bis 17 Uhr) oder hier.
E-Mail: bundeskontaktstelle@drk.de
Dieser Service wird z.Z. ausschließlich auf Deutsch angeboten.

Melden können sich Melden Sie sich:
Organisationen, die geflüchtete Menschen mit Behinderung und/oder Pflegebedarf evakuiert
Organisationen oder Einrichtungen mit Kapazitäten zur Unterbringung von Geflüchteten
Einrichtungen, die bereits Geflüchtete aufgenommen haben

Hilfen für geflüchtete Menschen mit Behinderung aus der Ukraine

Das Selbstbestimmt-Magazin im Mai 2022

Eine Gruppe junger Männer in roten Jacken. Davor ein Mann mit schwarz-weißem Dress auf dem die Rückennummer 22 und Deutscchland steht. 29 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Logo "selbstbestimmt" mit DGS-Piktogramm 29 min
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt - Das Magazin | 08. Mai 2022 | 08:00 Uhr