Tagung Gefährliche Seelenführer? Geistiger und geistlicher Missbrauch

Viel ist in den letzten zehn Jahren über den sexuellen Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche  diskutiert worden. Die Kirche selbst hat sich mit der Aufarbeitung vor allem der eigenen Schuld oft sehr schwer getan – und tut es noch. Die katholische Akademie des Bistums Dresden-Meissen hat nun in dieser Woche ihr Augenmerk in einer Tagung auf eine weitere Form des Missbrauchs gerichtet: Den geistigen und geistlichen Missbrauch, der oft anderen Formen des Missbrauchs vorausgeht.

Eine Frau alleine in einer Kirche
Bildrechte: imago images/photothek

Es ist ein schwieriges Thema, dass unter erschwerten Bedingungen diskutiert wurde. Die Katholische Akademie des Bistums Dresden-Meißen lud dazu ein, über geistigen und geistlichen Missbrauch  in der katholischen Kirche zu diskutieren – pandemiebedingt  in  den virtuellen Raum. Der Leiter der Akademie, Thomas Arnold, erklärt worum es geht.

Was heißt es, wenn Leute Macht ausüben und über die Freiheit einer Person bestimmen und dazu als Legitimation Gott nehmen? Uns scheint, das ist eine Fragestellung, die besonders Religionsgemeinschaften betrifft. Deswegen müssen wir uns mit der Frage als Kirche auseinandersetzen. Immer unter der Wahrnehmung, dass wir Lernende sind.

Thomas Arnold, Leiter der Katholischen Akademie

Beim geistlichen Missbrauch nutzen Seelsorger den Glauben ihrer Opfer, um diese zu ihrem eigenen Vorteil zu manipulieren, etwa mit der Suggestion, es sei "Gottes Wille", was da geschehe. Geistlicher Missbrauch tritt oft in Kombination mit anderen Formen – etwa dem sexuellen –  auf und ist für die Opfer doppelt schmerzhaft.

Dem Thema Gehör verschaffen

Bei der Leipziger Tagung ging es darum, das Thema geistiger und geistlicher Missbrauch überhaupt erst einmal auf die Agenda zu setzen und eine breite Diskussion aus verschiedenen Blickwinkeln anzuregen. Deshalb wurden nicht nur Theologen, sondern auch Psychiater, Psychologen und Juristen eingeladen. Besonders wichtig sei aber der Blickwinkel der Betroffenen, meint Akademiedirektor Thomas Arnold.

Der Theologe Thomas Arnold
Thomas Arnold Bildrechte: dpa

Wir müssen auf Betroffene schauen. Und die Betroffenen ganz zu Beginn zu Wort kommen lassen. Nicht aus Mitleid, nicht aus Betroffenheit, sondern dass wir die Wahrnehmung ändern. Wir wissen nicht, wie es geht - sondern wir müssen uns an dem Schicksal, an den Biografien der Menschen orientieren und daraus ableiten, wie wir unsere Strukturen als Kirche, als Religionsgemeinschaft zu gestalten haben.

Thomas Arnold

Zwei Betroffene sind es, die von ihrem Leidensweg innerhalb christlicher Glaubensgemeinschaften erzählen. Sie berichten davon, wie sie sozial isoliert und dazu gebracht wurden, sich ganz und gar unterzuordnen, ohne Rücksicht auf ihre seelische und körperliche Gesundheit. Wie von ihnen verlangt wurde, sich bis zur Selbstaufgabe in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen, sogar das eigene Leben aufs Spiel zu setzen. 

Die Zahl der Fälle geistlichen Missbrauchs ist zurzeit überhaupt nicht abzuschätzen. Trotzdem sei die Kirche gefordert, sagt Bischof Felix Genn, Vorsitzender der Kommission für geistliche Berufe und kirchliche Dienste der Deutschen Bischofskonferenz.

Weil es sich einfach gezeigt hat, dass in vielen geistigen Begleitungen und Bewegungen so etwas passiert. Das wird uns Bischöfen mitgeteilt, und dann haben wir die Aufgabe, darauf nicht nur zu reagieren, sondern dann aus der Reaktion zum Handeln zu kommen.

Bischof Felix Genn

Wie umgehen mit Missbrauchsverdacht?

Doch konkrete Maßnahme zur Ahndung solcher Fälle und zur Prävention zu finden, ist gar nicht so einfach. Jetzt soll zunächst ein Kriterienkatalog für geistlichen Missbrauch erarbeitet werden. Das ist aber gar nicht so einfach, weil der Übergang zwischen spiritueller Führung und Manipulation fließend ist.

Zudem wurden Vorschläge zur Prävention diskutiert. Etwa eine bessere Ausbildung und Supervision von Seelsorgerinnen und Seelsorgern. Außerdem wurden eine strengere Aufsicht seitens der Kirche und geschulte Ansprechpartner für geistlichen Missbrauch gefordert. Auch die Notwendigkeit unabhängiger, qualifizierter Beschwerdestellen wurde betont.

Myriam Wwijlens
Myriam Wwijlens Bildrechte: Pressestelle Bistum Erfurt

Wir haben aus den Missbrauchsverfahren gelernt, dass es wichtig ist, dass es unabhängige Personen gibt, Menschen, die außerhalb der Institution stehen, die sich diese Beschwerden anhören. Zugleich aber muss ich als Kirchenrechtlerin sagen: Wenn diejenigen, die zuhören, nicht mit der Institution vertraut sind, können sie auch nicht immer wissen, was die Grenzen von dem sind, was gemacht und was nicht gemacht wird.

Myriam Wijlens, Kirchenrechtlerin aus Erfurt

Geistlicher Missbrauch habe auch eine theologische Dimension, sagt der Dresdner Bischof Heinrich Timmerevers.

Wie verstehen sich unsere Seelsorger? Haben sie eine Prägung, dass sie mit dieser Offenheit den Menschen begegnen können, dass sie Platz lassen für Gottes Wirken und sich nicht an die Stelle des handelnden und liebenden Gottes setzen? Das ist die große Versuchung.

Bischof Heinrich Timmerevers

Das Bistum Dresden-Meißen hat mit dieser Tagung der Diskussion um geistlichen Missbrauch ein öffentliches Forum gegeben. Ob die Bischofskonferenz das Thema aufnimmt und konkrete Maßnahmen erarbeitet, bleibt offen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Religion & Gesellschaft | 15. November 2020 | 09:15 Uhr

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