Eine abgerissene DDR-Fahne weht im Wind.
Bildrechte: HR/MDR/Alexander Preuss

Aufruf an die DDR-Öffentlichkeit "Für unser Land"

Ost-Berlin, 28. November 1989: Angesichts der tiefen Krise, in der sich die DDR befindet, veröffentlichen 31 Intellektuelle aus der DDR ihre Idee für einen reformierten Sozialismus und rufen die DDR-Bürger zur Unterzeichnung auf. Hunderttausende folgen. Doch der Appell verhallt, zu vielen Menschen in der DDR geht es nicht mehr um Reformen. Auch Helmut Kohl hat andere Pläne.

Eine abgerissene DDR-Fahne weht im Wind.
Bildrechte: HR/MDR/Alexander Preuss

In der Leipziger Universität hält Christa Wolf am 21. November 1989 eine Vorlesung, die sie zuversichtlich mit den Worten beendet, der Fortgang der Revolution läge bei den Leipzigern in guten Händen. Doch sie muss sich durch das Publikum eines besseren belehren lassen: Auf der Montagsdemonstration Tags zuvor, an der über 200.000 Menschen teilnahmen, sei der Ruf "Deutschland einig Vaterland" erklungen. Für die Schriftstellerin ist diese Korrektur das auslösende Moment, an dem Aufruf "Für unser Land" mitzuarbeiten.

Was jetzt kommen müsste, ist eine große Initiative zur Rettung der bewahrenswerten Züge ins unserem Land.

Christa Wolf am 21.11.1989, zitiert nach Jörg Magenau: "Christa Wolf. Eine Biographie" (2013)

Für einen reformierten, demokratischen Sozialismus

Der Aufruf "Für unser Land" ist ein Appell an die Menschen in der DDR, sich gegen eine Wiedervereinigung mit der Bundesrepublik und für eine eigenständige DDR einzusetzen und für eine Reformierung des Landes, für Frieden, soziale Gerechtigkeit und den Schutz der Umwelt einzutreten. Initiatoren und Erstunterzeichner sind Künstler und Wissenschaftler sowie Vertreter der Kirche und der Opposition. Sie plädieren für einen reformierten, demokratischen Sozialismus in der DDR, der nicht durch die BRD "vereinnahmt wird".

Der Aufruf wird von Stefan Heym am 28. November 1989 auf einer Pressekonferenz im internationalen Pressezentrum in Berlin an die Öffentlichkeit gebracht.

Einen Tag später erscheint der Appell in allen Tageszeitungen, mit einem nachdrücklichen "Entweder-Oder": Entweder eine eigenständige DDR, um "eine solidarische Gesellschaft zu entwickeln, in der Frieden und soziale Gerechtigkeit, Freiheit des Einzelnen, Freizügigkeit aller und die Bewahrung der Umwelt gewährleistet sind" oder "ein Ausverkauf unserer materiellen und moralischen Werte".

Von der Idee zum Aufruf

Die Idee zu diesem Aufruf hat Dick Boer, Pfarrer der Niederländischen Gemeinde in der DDR. Zwei mögliche Wege arbeitet er für die DDR aus: Zum einen schlägt er eine Konföderation von BRD und DDR vor. Diese sieht die Abdankung der SED und die Einbindung des Landes in die westliche Wirtschaft vor. Der andere Weg zielt auf Erhalt der DDR und Erneuerung des Sozialismus. Dieser Idee folgend bringt der Pfarrer je einen Repräsentanten aus der Kirche, der Opposition und des SED-Reformflügels zusammen:

  • Günter Krusche, 1989 Generalsuperintendent der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg
  • Konrad Weiß, Regisseur und Bürgerrechtler, 1989 Sprecher der Bürgerbewegung "Demokratie Jetzt"
  • Dieter Klein, SED, 1989 Professor für Politische Ökonomie und Prorektor für Gesellschaftswissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin

Christa Wolf 1989
Christa Wolf während einer Rede, 1989. Bildrechte: IMAGO

Die drei erarbeiten je einen Entwurf zum Aufruf. Am 25. November wird bei einem Treffen in einem Hörsaal der Berliner Charité ein gemeinsamer Text erstritten, den Christa Wolf einen Tag später in die Endfassung bringt. Diese wird schließlich einigen vorher ausgewählten Prominenten vorgelegt, die die Initiatoren als "Erstunterzeichner" vorgeschlagen hatten. Zu ihnen gehören auch prominente Künstler wie Frank Beyer, Volker Braun, Sighard Gille und Tamara Danz.

Erste Abstimmung über Zukunft der DDR

Der Aufruf ist einer der ersten Möglichkeiten für die Menschen in der DDR, über die Zukunft ihres Landes abzustimmen. Über eine Million unterschreiben bis zum Ende der Aktion am 19. Januar 1990, so viel wie bei keiner anderen Aktion dieser Zeit. Die meisten geben ihre Zustimmung zu einer eigenständigen, reformierten DDR. Auch in der Volkskammer liegt die Erklärung aus. Doch als sich Egon Krenz, damals Generalsekretär der SED und Vorsitzender des Staatsrates, mit den Zielen der Erstunterzeichner solidarisiert und ebenfalls unterschreibt, kommt es zum Eklat. Die Initiatoren betonen, der Aufruf sei keine staatlich organisierte Aktion. Als schlichte Provokation sehen sie die Erklärung von Wolfgang Schwanitz, seine Mitarbeiter stünden hinter dem Aufruf. Schwanitz ist damals Leiter des Amtes für Nationale Sicherheit, wie seit Mitte November das Ministerium für Staatssicherheit heißt.

Die Zeit überrollt den Aufruf

Viel wird über den Aufruf im Land diskutiert, doch die Zeit rollt darüber hinweg. Denn zeitgleich legt der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl während einer Haushaltsdebatte im Deutschen Bundestag in Bonn mit seinem "Zehn-Punkt-Programm" ein deutschlandpolitisches Konzept zur schrittweisen Wiederherstellung der deutschen Einheit vor. Und überrumpelt damit alle: die eigene Partei, den Koalitionspartner, die Opposition, Washington und Moskau. Nur die USA unterstützen den Vorstoß. Kohl gelingt es damit, ohne konkreten Zeitplan auf die deutsche Einheit hinarbeiten zu können. Am 1. Dezember billigt der Bonner Bundestag den Plan.

Keine Experimente

Das DDR-Fernsehen enthüllt unterdessen Woche für Woche Details aus dem schönen Wandlitz-Leben der Politbüromitglieder, und macht Fakten über Machtmissbrauch und Korruption, über den Verfall der Wirtschaft und der Städte publik. Angesichts des drohenden wirtschaftlichen Kollaps' ist an das Experiment, die DDR zu erneuern, nicht mehr zu denken. Die Rufe des Volkes nach Einheit werden immer lauter. Im Winter 1989 sind nur noch etwa zehn bis 15 Prozent der Menschen für den Erhalt der DDR. Die Mehrheit will jetzt die Wiedervereinigung oder eine Konföderation.

Nach und nach verschwindet der Appell aus den Medien. Christa Wolf zieht für sich Bilanz, als sie am 31. Januar 1990 von der Universität Hildesheim die Ehrendoktorwürde erhält. In ihrer Dankesrede sagt sie: "Dieser Aufruf kam wohl um Jahre zu spät, die Schäden in vielen Menschen und im Land gehen zu tief, der zügellose Machtmissbrauch hat die Werte, in deren Namen er geschah, diskreditiert und zersetzt."

Buchtipp Jana Simon
Sei dennoch unverzagt. Gespräche mit meinen Großeltern Christa und Gerhard Wolf
Verlag: Ullstein Hardcover (1. Oktober 2013)
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten, 19,99 Euro
ISBN-13: 978-3550080401

Jörg Magenau:
"Christa Wolf. Eine Biographie"
Reinbek: Rowohlt 2013,
ISBN: 978-3-499-61085-1

Zuletzt aktualisiert: 17. Juli 2019, 09:10 Uhr