Interview mit Jessica Schröder, Selbstbestimmt Leben ISL e.V. Kritik am Barrierefreiheitsgesetz: "Wirtschaftshörig"

Im Mai 2021 hat der Bundestag ein Gesetz zur Stärkung der Barrierefreiheit beschlossen. Es soll allen Menschen ermöglichen, Geräte und Dienstleistungen wie Computer, Tablets, Bank- und Fahrkartenautomaten barrierefrei zu nutzen. Mit dem Beschluss setzt Deutschland eine EU-Richtlinie um. Unzureichend, findet Jessica Schröder von der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V. (ISL) Sie kritisiert die langen Übergangsfristen und bedauert, dass die private Wirtschaft nicht stärker in die Pflicht genommen wurde.

Eine blinde Frau steht vor einem Geldautomat.
Jessica Schröder setzt sich für die Interessen von Menschen mit Sehbehinderungen ein. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR Selbstbestimmt: Sie sind blind, welche Barrieren im Alltag stören Sie am meisten. Anders und mal ganz praktisch gefragt: Wie heben Sie Geld ab?

Jessica Schröder, Selbstbestimmt Leben (ISL e.V.): Ich bin geburtsblind. Ich sehe überhaupt nichts mehr, null Prozent, auch nicht hell oder dunkel. Die meisten Geldautomaten funktionieren immer noch nur per Touchscreen, das heißt, man muss den Bildschirm berühren. Es gibt keine Sprachausgabe, also keinen so genannten Screenreader, der vorliest, was auf dem Bildschirm zu sehen ist. Das bedeutet also, dass ich in den meisten Fällen kein Geld abheben kann.

Nicht-barrierefreie Automaten bis 2040 in Betrieb

Was ändert das gerade verabschiedete Barrierefreiheits-Stärkungsgesetz an diesem Umstand?

Das Gesetz betrifft einige wenige digitale Produkte und Dienstleistungen, die künftig barrierefrei werden sollen. Dazu gehören dann Bank- oder Ticketautomaten für Bus oder Bahn. Der größte Knackpunk ist mal abgesehen von den Übergangsfristen, dass die ganze bauliche Umwelt nicht barrierefrei gestaltet werden muss.

Halten Sie das Gesetz für zukunftsweisend?

Die Banken können ihre alten, nicht barrierefreien Automaten bis 2040 weiter nutzen und das wollten sie auch unbedingt mit dem Argument, das sei sonst zu teuer und nicht machbar. Leider wird diese Haltung durch die Politik befeuert und befürwortet.

Sie stehen in Berlin mit den Politikern des Bundestages in Kontakt, da Sie in einem Interessensverband arbeiten. Warum ist das Gesetz nicht konsequenter gemacht worden?

Barrierefreiheit wird in Deutschland immer noch so gesehen: Wenn Barrierefreiheit eingeführt wird, wenn die Privatwirtschaft zur Umsetzung verpflichtet wird, gehen alle pleite. Es ist dann die Rede von einer Überforderung für die Wirtschaft, statt die möglichen Innovationen zu sehen.

Deutschland ist der Wirtschaft mehr hörig und verpflichtet als den Menschenrechten und den Menschen mit Behinderung.

Jessica Schröder Interessensvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V.

Was können Menschen mit Beeinträchtigungen dagegen tun?

Ich glaube, eine Solidarisierung untereinander ist sehr wichtig und auch, dass wir wieder sichtbarer werden. Wir sind selbstbestimmt, wir haben Menschenrechte, wir sind genauso gut, wunderbar, schlecht, kritikfähig wie alle anderen, wir haben die gleichen Rechte wie alle anderen Menschen, egal, ob wir eine Beeinträchtigung haben oder nicht.

Frau Schröder, vielen Dank für Ihre Arbeit und viel Kraft und viel Erfolg für den weiteren Weg!

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Programmtipp: Das Juni-Magazin zum Thema Barrierefreiheit

Moderator Martin Fromme steht vor dem MDR-Gebäude in Leipzig. Er hat kurze, dunkelbraune Haare und trägt eine Brille. mit Video
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MDR FERNSEHEN So, 13.06.2021 08:00 08:30
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt | 13. Juni 2021 | 08:00 Uhr