Trotz Kontaktbeschränkung Sehnsucht nach Berührung

Die spontane Umarmung, ein liebevolles Schulterklopfen, der Wangenkuss zur Begrüßung – Zeichen der Zuwendung, die derzeit kaum möglich sind. Kontakteinschränkungen beherrschen den Alltag in der Pandemie. Gleichzeitig wächst bei vielen Menschen die Sehnsucht nach Berührung. Denn Körperkontakte sind fürs Leben unabdingbar. Was macht es mit unserer Seele, wenn wir uns nicht mehr anfassen dürfen? Und welche Möglichkeiten gibt es, sich trotz Distanz dennoch nahe zu sein und sich berühren zu lassen?

Eine Frau wird gestreichelt.
Bildrechte: imago images / Westend61

Der Mensch ist ein Körperwesen, angewiesen auf den Kontakt mit anderen. Das erlebt Irene Sonnabend immer wieder. Gemeinsam mit einem Kollegen bietet die Pfarrerin im "Haus der Stille" im evangelischen Kloster Drübeck Einkehr- und Besinnungstage an. Als die Kurse im Sommer nach dem ersten Lockdown wieder möglich wurden, hätten sich viele Teilnehmer über die Unmittelbarkeit der Begegnung gefreut, sagt Sonnabend:

Vor allem von Menschen, die in der Corona-Zeit aus beruflichen Gründen stark auf digitale Medien umsteigen mussten, kam die Rückmeldung: das ist so gut, einfach körperlich in Gemeinschaft zu sein. Kein Zoom, kein Skype, einfach da sein.

Irene Sonnabend, Pfarrerin

Meditationshilfen online

Klosterkirche St. Vitus
Das Kloster Drübeck Bildrechte: dpa

Inzwischen ist das Gästehaus im Kloster Drübeck wieder geschlossen. Statt Einkehr- und Besinnungstagen bietet das "Haus der Stille" auf seiner Internetseite Meditationshilfen zum Herunterladen an. Eine kleine Unterstützung in dieser Zeit des Mangels, in der Menschen auf vieles verzichten müssen, auch auf Berührung. Diese Zeit zwinge Menschen nachzudenken, was ihnen Nähe bedeute und welche Art von Nähe sie bräuchten, meint Theologin Sonnabend.

Ich denke, dass diese Erfahrung mit Corona die Dinge sichtbar macht, wie sie vorher schon waren. Also wenn irgendwo echte innere Nähe war, erlebe ich es so, dass Menschen auf ganz verschiedene Weise kreativ werden, um diese Nähe auch auszudrücken und zu bewahren. Und wo es vorher schon schwierig war oder Einsamkeit da war, wird das jetzt nochmal sehr zugespitzt erfahren.

Irene Sonnabend, arbeitet im "Haus der Stille" im evangelischen Zentrum Kloster Drübeck

Als geistliche Begleiterin rät Irene Sonnabend dazu, der eigenen Sehnsucht nachzuspüren, ohne sofort auf deren Erfüllung zu drängen.

Ich glaube, dass es so etwas wie den ‚Segen des Vermissens‘ gibt. Also ich merke, was ich brauche, was mir wirklich kostbar ist.

Die Theologin Irene Sonnabend

Wonach man sich sehnt

Stattdessen empfiehlt die Pfarrerin, sich von der eigenen Sehnsucht führen zu lassen, sich also zu fragen, was wirkliche Erfüllung bedeuten und wer diese Weg mitgehen könnte. Auf diese Weise könne man sich – gerade in diesem Corona-Winter – klarer darüber werden, worin die eigene Sehnsucht eigentlich bestehe, und wie man die eigene Lebenszeit dafür einsetzen wolle.

zwei junge Frauen mit Gesichtsmasken berühren sich mit den Ellbögen. 30 min
Bildrechte: imago images / Westend61

Ein Kuss, eine Umarmung – körperliche Nähe ist in Corona-Zeiten tabu. Was macht das mit unserer Psyche? Wir fragen den Haptikforscher Martin Grunwald, die Autorin Elisabeth von Thadden und die Theologin Irene Sonnabend.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 04.12.2020 18:00Uhr 29:43 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Und wie lässt sich das praktisch umsetzen? Irene Sonnabend schlägt vor, sich jeden Tag einen Moment der Stille zu nehmen, "Atmen vor Gott", wie sie es nennt. Oder bewusst ein Musikstück zu hören, die Bibel zu lesen. Woraus sich die Frage ergibt, ob sich religiöse Menschen leichter tun im Umgang mit der Pandemie? Die Pfarrerin zitiert einen Satz aus ihrer Arbeit in der geistlichen Begleitung:

Gott berührt uns durch die Wirklichkeit. Und ein Mensch, der glaubt, unterscheidet sich vom Nicht-Glaubenden nur insofern, dass er die Idee davon hat, dass Gott ihn durch das, was er so tagtäglich erlebt, berühren möchte. Und das öffnet die Wahrnehmung in einer Weise, die einen - vielleicht - ein bisschen bereiter macht auch für die guten Dinge, auch für den hoffnungsvollen Umgang mit der Sehnsucht.

Irene Sonnabend, geistliche Begleiterin

Das könnte Sie auch interessieren