Sachbuch Kulturgeschichte zu Pfingsten: "Der heilige Geist"

An Pfingsten kam der heilige Geist auf die Jünger Jesu herab, im Brausen des Sturmes und in Feuerzungen, so schildert es die biblische Apostelgeschichte. Die Überzeugung, dass Gottes Geist in der Welt wirkt, bestimmt das Christentum. Die Idee, dass dieser Geist Menschen inspirieren, verwandeln und zum Handeln bringen kann, hat die Kultur der westlichen Welt mitgeprägt. Und selbst da, wo die Prägekraft des Religiösen nachlässt, ist dieser Geist weiter spürbar: in künstlerischer Inspiration, in politischen Utopien und philosophischen Freiheitsideen, wie der evangelische Theologe Jörg Lauster in seiner kürzlich erschienenen Kulturgeschichte des heiligen Geistes überzeugend darlegt.

Der Geist ist von Anfang an dabei. Schon seinen Auftritt am ersten Schöpfungstag beschreibt die Bibel in bewegenden Bildern. "Der Geist Gottes schwebte über dem Wasser", heißt es zu Beginn des Buches Genesis.

Dieses Schweben des Geistes über den Wassern ist ein Wort im Hebräischen, das wir eigentlich übersetzen müssten mit dem Flügelschlag eines großen Vogels. Damit ist in einer wunderbaren Art und Weise artikuliert, dass Gott in dieser Welt präsent ist.

Jörg Lauster

Vielgestaltiger heiliger Geist

Die Bibel findet viele Bilder für die Gegenwart des Geistes, diese Kraft, die verwandelt und Neues werden lässt. Der Geist zeigt sich als Atem, Windhauch und Sturmbrausen. Als Taube kommt er auf Jesus herab, in Feuerzungen auf seine Jünger. Der Geist kann die Natur erfüllen, Menschen ergreifen und sogar Geschichte schreiben, wie Jörg Lauster in seinem Buch herausarbeitet. Wobei sich seine Wirksamkeit nur aus den Erfahrungen erschließt, die Menschen mit dem Geist machen. Wie Meister Eckhart, der große mittelalterliche Mystiker.

Das ist diese außergewöhnliche innere Ruhe, dieses Aufgehoben-Sein in einer höheren Ordnung, diese Zustimmung zum Lauf der Dinge. Der Mystiker selbst nennt das: ein Leben führen ohne Warum. Das ist nicht die Antwort auf unsere Fragen, sondern das Erlöschen unserer Fragen, das sind sehr eingehende Beschreibungen der Geistesgegenwart.

Jörg Lauster

Vernünftige Überprüfung erforderlich

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Der heilige Geist in Gestalt einer Taube bei der Taufe Jesu durch Johannes Bildrechte: imago/United Archives International

Meister Eckhart ist einer der großen Denker des heiligen Geistes, der Renaissance-Theologe Marsilio Ficino aus Florenz ein anderer. Ficino ist davon überzeugt, dass der Mensch in seinem künstlerischen Schaffen Gottes schöpferische Kreativität umsetzt. Damit weitet er den Inspirationsbegriff, wie der Buchautor anmerkt. – Doch wie lassen sich die Wirkungen des heiligen Geistes überhaupt erkennen? Jörg Lauster, der liberale Theologe, empfiehlt eine Überprüfung durch die Vernunft. Damit sich das, was wir für Inspiration halten, nicht später als Spinnerei oder Illusion entpuppt.

Schließlich trennt nur ein schmaler Grat die Be-Geisterung vom Fanatismus. So beriefen sich auch die Prediger der Kreuzzüge und Religionskriege auf den heiligen Geist. Zu Unrecht, meint Lauster. Denn "der Geist wirkt zum göttlich Guten in dieser Welt. Und alle Berufungen auf den heiligen Geist, die Böses wollen, sind schlichtweg falsche Berufungen", so der Autor.

Wichtige Widerstandsmomente

Zur Rezeptionsgeschichte des heiligen Geistes zählt der evangelische Theologe schließlich auch Hegels Theorie vom Weltgeist – für Lauster eine der schönsten Übersetzungen des Christentums in die Moderne.

Er hat gesagt, es gibt immer wieder Momente in der Geschichte, wo sich ein Widerstand meldet gegen das Faktische, gegen das Böse, gegen die Kehrseite des Guten. Und diese Widerstandsmomente, erlauben uns, an so etwas wie Fortschritt zu glauben. Denn diese Stimme des absoluten Geistes lässt sich in der Geschichte einfach nicht zum Verstummen bringen.

Jörg Lauster

Jörg Lausters Biografie des heiligen Geistes ist klar, sprachlich elegant und mit gelegentlicher, feiner Ironie geschrieben. Anschaulich entfaltet der Autor die Vielgestaltigkeit jener Kraft, die Menschen in der Hoffnung auf das Gute zum Besseren treibt, sie politische Utopien und philosophische Freiheitslehren hervorbringen lässt. Auch wenn, nach den Gewalterfahrungen des 20. Jahrhunderts, die großen Entwürfe bescheidener geworden sind.

Angaben zum Buch Jörg Lauster:
Der heilige Geist
Eine Biographie

ISBN 978-3-406-76627-5
Verlag C.H.Beck, 2021

29,95 EUR

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Mai 2021 | 06:00 Uhr