Unheilvolle Allianzen Welche Rolle spielt Esoterik bei "Querdenkern"?

Bei den Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen gingen Esoteriker, "Querdenker" und Rechtsextremisten gemeinsam auf die Straße. Wie passt das zusammen: esoterische Praktiken und extremistische Positionen? Bastian Wierzioch berichtet.

Esoteriker auf Querdenkerdemo in München
Auf einer Querdenker-Demo in München 2020 Bildrechte: imago images/Alexander Pohl

Sekten und Esoteriker aller Art profitierten von der Corona-Krise, meldete kürzlich die Katholische Nachrichtenagentur. Einzelne Protagonisten der Querdenker-Szene seien mit Verschwörungsideologen, Reichsbürgern und Esoterikern personell vernetzt. Wie passt das zusammen: Esoterische Praktiken wie Meditation und extremistische Positionen? Welche Rolle spielt Esoterik in der "Querdenker"-Szene?

November 2020 auf dem Leipziger Augustusplatz: Ein hagerer, bärtiger Mann, gekleidet in ein langes orangefarbenes Gewand, gibt auf einer Bühne Anweisungen für eine kurze Meditation. Vor ihm auf dem weitläufigen Platz stehen dicht gedrängt mehr als 20.000 Demonstranten.

Auf dem Platz in einer Innenstadt sitzen Menschen mit Tüchern und Dekcne um die Schultr. azwischen sitzen auch Kinder und hören einem Mann.
Auf der Achtsamkeits-Insel: Eine bunte Mischung von Teilnehmern auf der Demo gegen die Corona-Maßnahmen in Leipzig. Bildrechte: MDR

Was an diesem sonnigen Herbst-Vormittag mit einem spirituellen Happening beginnt, wird am Nachmittag im Chaos enden. Demonstranten attackieren Polizisten und Reporter. Böller und Raketen fliegen. Am Abend durchbrechen Tausende eine Polizeiabsperrung und laufen verbotenerweise über den symbolträchtigen Leipziger Innenstadtring. Mit dabei: Gegner der Corona-Schutzmaßnahmen, Angehörige der "Querdenken"-Bewegung, Rechtsextremisten und Esoteriker.

Nach meiner Einschätzung spielt Esoterik in der "Querdenker"-Bewegung eine große Rolle. Die Esoteriker scheinen mir doch eine der größten und wichtigsten Gruppen zu sein, die das Ganze mit bewegen und befeuern.

Harald Lamprecht, Beauftragter für Weltanschauungs- und Sektenfragen der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens

Alternativer Zugang zur Wirklichkeit

Mantra-Singen, Edelsteintherapie, energetisches Wasser, Channeln, Astralreisen, Traumarbeit, Homöopathie, Rebirthing. Es gibt zahlreiche esoterische Praktiken und Strömungen, deren Anhänger unterschiedlich auf die Corona-Krise reagiert haben.

Es ist ja nun keineswegs so, dass alle, die sonst mit Esoterik liebäugeln, jetzt bei den "Querdenkern" mitlaufen. Das muss man unterscheiden. Und trotzdem scheint es so, dass es dort schon länger einen alternativen Zugang zur Wirklichkeit gibt.

Harald Lamprecht

Dieser Alternativzugang verbindet Esoteriker mit "Querdenkern", die das Virus für eine Erfindung finsterer Mächte halten. Beide Milieus leben von Irrationalität und setzen auf einen intuitiven Zugang zur Welt. Vereint sind sie auch in ihrer Abneigung gegen Schulmedizin und evidenzbasierte Wissenschaft. Beide Milieus bevorzugen alternative Erkenntnissysteme.

Harald Lamprecht, 2009
Harald Lamprecht, 2009 Bildrechte: dpa

Das ist der entscheidende Knackpunkt. Denn das bedeutet, dass in diesem alternativen Wissenschaftssystem das wahr und richtig ist, was sich gut und richtig anfühlt. Die emotionale Zustimmung wird zum entscheidenden Wahrheitskriterium. Das ist natürlich Mist in der Pandemie. Wenn die Vernunft mir sagt, ich soll Dinge machen, zu denen ich emotional schwer eine Zustimmung finde. Etwa, eine Maske tragen.

Harald Lamprecht

Eher unpolitisch

Der Verfassungsschutz wirft der "Querdenker"-Bewegung vor, Misstrauen gegen die Demokratie zu schüren und sich nicht klar von Rechtsextremisten abzugrenzen. Deren demokratiefeindliche Positionen seien Esoterikern eigentlich fremd, meint Harald Lamprecht, Esoterik sei im Kern unpolitisch. Er meint: "Esoterisches Denken ist individualistisch und nicht kollektiv. Insofern findet man selten irgendwelche esoterischen Entwürfe eines besseren Staatswesens."

Es sind also vor allem Gesundheitsfragen rund um Covid-19 sowie die Kritik an den Corona-Schutzmaßnahmen, die Esoteriker gemeinsam mit radikalen "Querdenkern" auf die Straße bringen. Nach anderthalb Jahre Pandemie bilanziert der Weltanschauungsbeauftragte:

Es ist zu befürchten, dass davon was übrigbleibt. Weil ein paar Brandmauern eingerissen wurden. Es gibt offensichtlich kein Empfinden für die Abgrenzung, die wir aber dringend brauchen.

Harald Lamprecht

Beide: Esoteriker wie radikale "Querdenker" sind nur kleine Minderheiten. Ihre neuen Allianzen könnten allerdings das gesellschaftliche Miteinander auch in Zukunft gefährden.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Religion und Gesellschaft | 27. Juni 2021 | 09:05 Uhr