Nachrichten & Themen
Mediathek & TV
Audio & Radio
KalenderGottesdiensteDorfkirchenJüdisches LebenKontakt
Bildrechte: imago/gezett

Erinnerung an Heiner Müller

Die Welt als Schlachthaus

Stand: 28. Dezember 2020, 18:19 Uhr

Er gilt durch Stücke wie "Mauser" und "Die Schlacht" als einer der wichtigsten deutschsprachigen Dramatiker der Nachkriegszeit: Heiner Müller. Am 9. Januar 1929, vor 85 Jahren, wurde er im sächsischen Eppendorf geboren. In Waren an der Müritz wuchs er auf, in Berlin ging er seine ersten und dramatischsten Schritte in die Welt.

Am 9. Januar 1929, vor 85 Jahren, wurde Heiner Müller im sächsischen Eppendorf geboren. Wer an ihn denkt, hat eine schwarze Brille vor Augen und Zigarrenqualm in der Nase. Zu Hause war er in Berlin und in der Welt. Und nach Brecht gilt er durch Stücke wie "Mauser", "Die Schlacht" und "Hamletmaschine" als einer der wichtigsten deutschsprachigen Dramatiker der Nachkriegszeit. Müllers literarisches Werk kennzeichnet eine lebenslange Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Diktatur. Die Eindrücke seiner Kindheit im Sachsen der nationalsozialistischen Herrschaft haben Müller geprägt ebenso seine Erfahrungen mit der DDR seit 1949.

Erster "Vatermord"

Heiner Müller sah die Geschichte zeitlebens als Perpetuum mobile der Zerstörung. Die Welt war in seinen Augen Totentanz und Schlachthaus - ein Ort vergeblicher, sich ständig fortzeugender Gewalt. Die Revolution war der Gegenentwurf und unerreichte Utopie. Diese Auffassung geht auf früheste eigene Erfahrungen zurück. Als Vierjähriger erlebt er 1933, wie die SA seinen Vater verhaftet und ihn im Konzentrationslager Sachsenhausen interniert. Die Verhaftung des Vaters trifft den Jungen schwer. Er fühlt sich gedemütigt. Den Vater empfindet er damals als klein und schwach:

Ich stand mit meiner Mutter vor dem Tor und durfte nicht ins Lager. Zu meinem Vater. Und ich habe danach, das hat mir meine Mutter immer erzählt, im Schlaf immer gefragt, warum er nicht über den Zaun springt. Und das war schon eine Vatertötung, dass er so schwach war.

Heiner Müller

Nach der Entlassung des Vaters verschlägt es die Familie nach Waren an der Müritz, wo sich der Junge von den Gleichaltrigen ausgegrenzt fühlt und Zuflucht in der Literatur von Schiller, Dostojewski, Nietzsche und Poe fand. 1945 zum Volkssturm eingezogen, gerät er bei Kriegsende für kurze Zeit in amerikanische Gefangenschaft. Später arbeitet er als Hilfsbibliothekar in der Bücherei Waren - und hat dort seiner Autobiografie zufolge zahlreiche Bücher für seine eigene Sammlung entwendet. Er holt sein Abitur nach und absolviert einen Lehrgang für angehende Schriftsteller. 1950 geht Müller nach Ost-Berlin. Als seine Eltern 1951 der DDR den Rücken kehren, bleibt er: "Ich fühlte mich irgendwie als Kommunist".

In Ost-Berlin arbeitet Müller zunächst als Journalist beim "Sonntag" und später für die "Neue deutsche Literatur". Im Herbst 1953 lernt er auf einer Veranstaltung der "Arbeitsgemeinschaft Junger Autoren" Ingeborg Schwenkner kennen, die noch mit ihrem Mann Herbert Schwenkner zusammenlebt. Heiner Müller zieht bei dem Paar ein. 1955 heiraten Inge Schwenkner und Heiner Müller.

Ehe und Arbeit mit Inge Müller

Müller verdient sein Geld zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Schriftstellerverbandes, später auch als Schriftsteller und Dramaturg. Heiner und Inge Müller arbeiten gemeinsam an Gedichten, Prosa und Theaterstücken. Sie arbeiten so eng zusammen, dass es der Literaturwissenschaft bis heute oft schwerfällt, die Urheberschaft der Texte den einzelnen Autoren zuzuordnen. Für das Stück "Der Lohndrücker" (1958) bekommen Inge und Heiner Müller 1959 gemeinsam den Heinrich-Mann-Preis. Inge Müller leidet sehr unter dem Kriegstrauma und nimmt sich 1966 das Leben:

Sie hatte ein massives Trauma aus dem Krieg. Sie war Luftwaffenhelferin ... sie kam in den letzten Kriegswochen auf Urlaub nach Berlin. Das Haus, in dem ihre Eltern wohnten, wo sie auch gewohnt hatte, war zerbombt. Die Eltern lagen wahrscheinlich im Keller. Sie hat ihre Eltern ausgegraben, aus dem Keller, und ihre Reste auf dem Friedhof vergraben. Sie selbst war zwei Mal verschüttet. Und sie war schwer traumatisiert dadurch. (…) Ihr Leben war ein heroischer Kampf gegen den Wunsch, sich zu töten.

Heiner Müller

Nach Inges Tod ordnet Heiner Müller den größten Teil der Texte seiner eigenen Autorenschaft zu. Auch das Stück "Der Lohndrücker" ist in den gesammelten Werken Heiner Müllers zu finden. Wie er später sagte, habe seine Frau Inge lediglich die Recherchearbeit zu dem Stück beigetragen.

Besonders Müllers frühe Stücke wie "Der Lohndrücker" oder "Die Korrektur" zeigen deutlichen Brecht-Einfluss: Müller schreibt und inszeniert Lehrstücke, will zum Lernen anregen. Im Unterschied zu Brecht, der dieses Ziel mit dramatischen Mitteln der kritischen Distanz und Reflexion verfolgte, bringt Müller mit seinen Stücken Furcht und Schrecken auf die Bühne. Müller will schockieren und über den Schock zum Lernen anregen. Dieses Prinzip zieht sich durch Müllers gesamte Theaterarbeit.

Müller fällt aus der Gunst

Wenn Müller bis dahin aufgrund seiner Geschichtsauffassung und seines familiären Hintergrunds noch in der Gunst des DDR-Literaturbetriebs stand, vergibt er sich diesen Bonus Anfang der 1960er-Jahre. Mit den beiden Stücken "Die Umsiedlerin – oder das Leben auf dem Lande" (1956-1961) und "Der Bau" (1963/64) überschreitet Heiner Müller ideologische Grenzen. "Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande" beleuchtet die menschlichen Folgen der Bodenreform. "Der Bau" ist eine Bühnenfassung des im damaligen SED-Regime heftig umstrittenen Romans "Spur der Steine". Es kommt zu ernsthaften Konflikten mit der SED, in deren Folge Müller-Aufführungen verboten werden. Der Autor wird sowohl aus dem Schriftstellerverband der DDR als auch aus der SED ausgeschlossen.

Müller bleibt ein Hinterfrager der Zustände. Er wendet sich antiken Stoffen zu und thematisiert das Problem politischen Handelns, der Spannung zwischen der Realität des Menschen und der politischen Idee auf diesem Weg.

Ost-Berlin, Welt, Ost-Berlin

Mitte der 1970er-Jahre macht die DDR ihren Frieden mit ihrem Schriftsteller und Dramatiker Heiner Müller. Müller zeigt sich dem System gegenüber loyal, und darum gewährt man ihm immer wieder Reisen in den Westen. Oft werden seine Stücke in der Bundesrepublik uraufgeführt - und oft inszeniert Müller diese Stücke selbst. 1975 lehrt er an der Universität im texanischen Austin. Nie bleibt Müller im "kapitalistischen Ausland", immer kehrt er wieder zurück nach Ost-Berlin.

Was mich ärgert, wenn ich in Köln durch die Fußgängerzone gehe, oder durch irgendeine beliebige Fußgängerzone, dann ärgert mich die Unschuld dieser Menschen. Die sind alle unschuldig. Und das ist für mich fast mit Ekel verbunden. Diese Unschuld. Die sind an nichts schuld, an nichts schuld gewesen und sind auch jetzt an nichts schuld und sind subjektiv wirklich unschuldig. Und das bin ich nicht. Vielleicht komme ich darum immer wieder zurück.

Heiner Müller

1986 erhält Müller sogar den Nationalpreis der DDR. In seiner Autobiografie wird Müller später dazu schreiben: "Der Nationalpreis war keine Ehre, sondern ein Politikum. Der Volksmund sprach von der Massenorganisation der Nationalpreisträger." Wie viele andere Künstler der DDR auch, hat Müller ein pragmatisches Verhältnis zum Nationalpreis. War doch die Folge, dass "kein Funktionär in irgendeiner Bezirksstadt mehr sagen konnte: 'Müller wird nicht gespielt!'" Nach der Auszeichnung ist Müller der meistgespielte Autor des Landes.

Den Prozess der Vereinigung der beiden Teile Deutschlands seit 1989 begleitet Müller mit Kommentaren, Vorschlägen, in der Diskussion. Bei der Großdemonstration am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz ist er einer der Hauptredner.

Mir war ziemlich früh klar, wenn gesagt wird, 'Wir sind das Volk', wird daraus schnell 'Wir sind EIN Volk' und daraus wird dann ziemlich schnell 'Du sollst keine anderen Völker haben neben mir'. Und da habe ich sehr gut verstanden, warum der Brecht so misstrauisch war gegen das Wort 'Volk'. Er hat nie Volk gesagt, immer nur Bevölkerung. Nur andererseits kannst du keine Massen bewegen mit dem Spruch 'Wir sind die Bevölkerung'."(lacht)

Heiner Müller im Gespräch mit Alexander Kluge

Nach der Diktatur

Nach dem Zusammenbruch des SED-Staates arbeitet Müller in erster Linie als Regisseur. Während in Berlin die Mauer fällt, probt er am Deutschen Theater Shakespeare/Müllers "Hamlet/Hamletmaschine" mit Ulrich Mühe in der Hauptrolle. Im Frühjahr 1990 kommt das Stück als achtstündiger Theatermarathon auf die Bühne. Müller heiratet seine vierte Frau, die Fotografin Brigitte Maria Mayer. Mit ihr hat er eine Tochter.

Von der Geschichte her ist es uralt: älterer Mann sucht junge Frau. Ich hab mal ein Text geschrieben, es ist ein Wunder, dass so ein Knochen ein Fleisch abwirft. Und ich wundere mich immer wieder, dass es mir gelungen ist, noch so ein gutes Kind herzustellen. Und da bin ich schon stolz drauf.

Heiner Müller

Im September 1991 inszeniert Müller "Mauser" und andere eigene Texte. Im März 1992 wird Müller als Co-Intendant in das fünfköpfige Leitungsteam des "Berliner Ensembles" am Schiffbauerdamm berufen. Sein Debüt als Opernregisseur gab er 1993 in Bayreuth mit einer nach Kritikermeinung "genialen" "Tristan und Isolde"-Inszenierung. 1995 wird Heiner Müller alleiniger Intendant des Berliner Ensembles. Bald darauf, am 30. Dezember 1995, starb er an Speiseröhrenkrebs.

Die letzte Verwandlung zum Toten ist Sterben. Und diese letzte Verwandlung ist allgemein. Auf die kann man sich verlassen.

Heiner Müller

Feste für Heiner Müller

Veranstaltungen"Muss man Heiner Müller mögen?"
Müller-Monat in Waren/Müritz
diverse Veranstaltungen:
am 9. Januar, 11:20 Uhr: Enthüllung einer Gedenktafel für Heiner-Müller

"Ich will nicht wissen, wer ich bin"
Gespräch und Film
9. Januar 2014, 19.30 Uhr
Forum Gestaltung , Magdeburg

"Ein Fest für Heiner"
Berliner Ensemble
Theater am Schiffbauerdamm
Bertolt-Brecht-Platz 1
Berlin

"P14 Heiner Müller ABC"
Lesung
09.01.2014, 19 Uhr
Volksbühne Berlin

"Quartett"Das Stück von Heiner Müller haben derzeit zwei Theater im Repertoire:

Das Anhaltisches Theater Dessau
Das Nationaltheater Weimar

Kurzbiografie Heiner Müller* Geboren am 9.1.1929 in Eppendorf (Sachsen)
* Oberschule; Reichsarbeitsdienst
nach 1945: Abitur, Angestellter beim Landratsamt in Waren/ Müritz, Arbeit in einer Bücherei und journalistische Tätigkeit
* 1954-55 wissenschaftlicher Mitarbeiter des Schriftstellerverbandes, danach Redakteur der Monatszeitschrift "Junge Kunst", seit 1957 Schriftsteller und Dramaturg
* 1958-59 Mitarbeiter des Maxim Gorki Theaters Berlin
* 1959 Heinrich-Mann-Preis (zusammen mit Inge Müller)
* 1961 nach der Uraufführung seines Werkes "Die Umsiedlerin" Verbot des Stücks und Ausschluß des Autors aus dem Schriftstellerverband
* ab 1970 Dramaturg am Berliner Ensemble
* 1976 Wechsel vom Berliner Ensemble zur Volksbühne, Berlin
* 1979 Mülheimer Dramatikerpreis für Germania Tod in Berlin (Inszenierung der Münchner Kammerspiele)
* seit 1983 Mitglied der Akademie der Künste der DDR
* 1985 Georg-Büchner-Preis
* 1990 Kleist-Preis
* 1991 Europäischer Theaterpreis
* 1990-1993 letzter Präsident der Akademie der Künste/Ost
* ab 1992 Leitungsmitglied des Berliner Ensembles, seit 1995 alleiniger Künstlerischer Leiter
* Heiner Müller stirbt am 30.12.1995 in Berlin

LiteraturMÜLLER MP3
Tondokumente 1972 bis 1995
Kristin Schulz (hg.)
MP3 CD: 192 Seiten
Alexander Verlag, 2011
ISBN-10: 3895811297

Heiner Müller: Gesammelte Werke
Suhrkamp Verlag, 7.100 Seiten
ISBN-10: 351842047X

Heiner Müller: Krieg ohne Schlacht. Leben in zwei Diktaturen.
KiWi-Taschenbuch
ISBN-10: 3462041002

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 30. Dezember 2020 | 06:40 Uhr