Zum 75. Geburtstag Der stille Braun

Auch wenn er keine Schlagzeilen macht und eher als Grübler gilt - Volker Braun gehört dennoch zu den wichtigsten deutsch-deutschen Autoren der Nachkriegszeit. Am 7. Mai feierte er seinen 75. Geburtstag. Pünktlich dazu erschien sein zweites Werktagebuch auf knapp 1.000 Seiten, auf denen er seine Beobachtungen von 1990 bis 2008 dokumentiert und er doch weit mehr als nur Persönliches protokolliert. Eine besondere Ehrung erfährt der Dichter in einer Anthologie aus dem Lehmstedt-Verlag, in der ihm über 100 Künstler und Kollegen im Zwiegespräch herzlich begegnen. Lesen Sie hier ein Porträt des stillen Volker Braun, des unbelehrbaren Utopisten und Welterklärers.

"Nicht in einer besonders glücklichen und verblüffenden Art der Darstellung des Gegebenen, sondern im Aufbrechen des Gegebenen" sah Volker Braun ein Mittel gegen die Erstarrung in der DDR. Der Enthusiasmus für den Aufbau eines anderen, sozialistischen Deutschlands war lange verflogen. Der Alltag in der DDR war grau, der Fortschritt schwerfällig, der revolutionäre Prozess im Stillstand. Trotdzem: Braun war von Anfang an dabei, blieb - nicht ohne Zögern und Misstrauen - bis zum Ende und warb für eine bessere DDR.

Volker Braun, geboren 1939 in Dresden, erlebte die Bombardierung seiner Stadt. Nach dem Abitur arbeitete er in einer Druckerei, schuftete als Tiefbauarbeiter im Kombinat Schwarze Pumpe und als Maschinist im Tagebau Burghammer, bevor er 1960 endlich zum Philosophie-Studium in Leipzig zugelassen und Mitglied der SED wurde.

"Keuchend" auf dem Bitterfelder Weg

Undatierte Aufnahme der DDR-Schriftstellerin Brigitte Reimann.
Die DDR-Schriftstellerin Brigitte Reimann Bildrechte: dpa

Ein Jahr zuvor fand im Elektrochemischen Kombinat Bitterfeld eine Autorenkonferenz des Mitteldeutschen Verlages statt. Auf dieser ersten "Bitterfelder Konferenz" wurden zum einen Schriftsteller aufgefordert, in die Betriebe zu gehen und in sogenannten "Brigadetagebüchern" den Arbeitsalltag zu beschreiben und zum anderen Arbeiter aufgerufen, selbst "schöpferisch tätig" zu werden. Produktion und Kunst sollten näher zusammenrücken. Demnach lautete das Motto der "Bitterfelder Konferenz": "Greif zur Feder, Kumpel!"

Die Laienkunst erlebte einen Aufschwung, viel war aber nicht zu holen. Der Schriftstellerin Brigitte Reimann, die 1960 nach Hoyerswerda zog und im Kombinat Schwarze Pumpe in einer Brigade mitarbeitete und einen Literaturzirkel im Betrieb gemeinsam mit Siegfried Pitschmann leitete, zog eine ernüchternde Zwischenbilanz - mit einer Ausnahme:

Vorige Woche hat sich der Zirkel schreibender Arbeiter konstituiert. Von 20 Eingeladenen waren 4 erschienen; keine Potenzen nehme ich an. Nur der kleine Volker Braun, Abiturient und seit 4 Jahren in der Produktion, scheint begabt zu sein.

Brigitte Reimann 14. Februar 1960

Im April 1964 fand die zweite Bitterfelder Konferenz statt, diesmal mit der Aufgabe, die "Bildung des sozialistischen Bewusstseins" zu fördern. Doch der Bitterfelder Weg endete, das Konzept, Berufs- und Laienkunst zusammenzuführen, scheiterte. Volker Braun selbst hatte wenig Hoffnungen: Viele gehen den Weg nur "keuchend", schrieb er 1964:

Denn es reicht nicht, dass einer bestimmte Bereiche tätig kennt; er braucht die bewusste Haltung des praktischen Eingreifens, die nur durch öffentliche Übung an so große Geräten wie es Staaten sind erlernbar ist (in Klubs und Vereinen bleibt es bei bodenturnerischen Vorübungen), er muss verfügen kölnnen über die Wirklichkeit (nicht nur über den Ausschnitt), er baucht die Gewissheit dieser Macht. Literatur muss die Geste dieser Macht sein."

Volker Braun in "Provinzialismus und Masseninitiative", in: "Es genügt nicht die einfache Wahrheit - Notate

Turbulenter Lyrikabend macht ihn bekannt

Zwischen Mauerbau 1961 und dem 11. Plenum 1965 herrschte in der DDR ein kulturpolitisches Tauwetter. Vieles war nun möglich, wie zum Beispiel Stephan Hermlins Lyrikabend, der in die Geschichte einging. Per Zeitungsannonce suchte Hermlin von der Ost-Berliner Akademie der Künste unveröffentlichte Gedichte für eine Lesung. Rund 1.250 Arbeiten wurden eingereicht, aus denen er Texte von 27 Autoren auswählte und am 11. Dezember 1962 vortrug. Im Publikum saßen u.a. Wolf Biermann, Sarah und Rainer Kirsch, Bernd Jentzsch, Uwe Gressmann. Die Gedichte wirkten frisch und streitlustig.

Am Ende präsentierte Hermlin sieben Gedichte des damals 23-jährigen und noch nahezu unbekannten Volker Braun. Einen Tag danach meldete sich Bodo Uhse, der damalige Chefredakteur der neuen Zeitschrift "Sinn und Form". In der ersten Ausgabe erschienen fünf Gedichte von Braun - ein Erfolg, der ihn um ein Haar seinen Studienplatz gekostet hätte.

Kommt uns nicht mit Fertigem! Wir brauchen Halbfabrikate! / Weg mit dem Rehbraten! Her mit dem Wald und dem Messer! / Hier herrscht das Experiment und keine steife Routine."

Volker Braun, aus dem "Zyklus für die Jugend", vorgetragen von Stephan Hermlin beim Lyrikabend in der Akademie der Künste 1962