Reportage Beziehungskrisen: Wie Corona spaltet

Corona entzweit die Gesellschaft wie kaum ein Thema zuvor. Langjährige Freundschaften zerbrechen wegen unterschiedlicher Ansichten, Familien streiten sich. Wie soll man aber damit umgehen, wenn Menschen, die einem nahestehen, plötzlich eine völlig andere Wahrnehmung der Realität haben?

Querdenker demonstrieren gegen die Coronamaßnahmen der Regierung
"Querdenker" demonstrieren gegen die Coronamaßnahmen der Regierung Bildrechte: Peter Podjavorsek

Viele kennen es: Ein Mensch aus dem nahen Umfeld vertritt seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie plötzlich obskure Ansichten und behauptet, dass das Virus nicht existiert. Oder dass Bill Gates hinter allem steckt und Menschen beim Impfen gechipt werden, damit sie von den Mächtigen kontrolliert werden können.

Nicht alle Kritiker der staatlichen Corona-Maßnahmen denken so radikal, nicht alle sind Verschwörungsgläubige. Aber Corona spaltet: Familien, Freundschaften, unsere Gesellschaft. Allzu häufig scheitern Versuche, sich in freundschaftlich-kritischer Weise auseinanderzusetzen.

MDRfragt: Wie wirkt sich Corona auf ihr privates Umfeld aus? Das ist das Ergebnis der aktuellen Befragung von MDRfragt – dem Meinungsbarometer für Mitteldeutschland, an der sich knapp 24.000 Menschen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen beteiligt haben.

• Corona spaltet Familien und Freundeskreise: Knapp die Hälfte hat sich wegen Corona mit Familie und Freunden gestritten.

• Beim Großteil derjenigen, bei denen es Streit gab, hatte dieser Auswirkungen auf die Beziehungen, bei 15 Prozent davon wirkten sich die Streitigkeiten sogar stark auf die Beziehung aus.

• Etwa zwei Drittel sind der Meinung, dass Corona die Gesellschaft dauerhaft spalten wird.

Argumentieren gegen Verschwörungsmythen?

Richard Z. ist mit Verschwörungsmythen aufgewachsen. Es dauert Jahre, bis sich Richard vom Weltbild seines Vaters lösen kann. Ein befreundeter Kollege konfrontiert Richard immer und immer wieder mit seinen Ansichten. 

Der hat angefangen, alles zu hinterfragen: Wie meinst du das? Da schafft man es nicht, sinnvoll zu argumentieren. Ich musste am Ende mein ganzes Weltbild hinwerfen.

Richard Z.

Das Verhältnis zu Richards Vater – und zu seinem Bruder, der ebenfalls Verschwörungs-Mythen anhängt – verschlechterte sich zunehmend. Mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie eskalierte schließlich der Konflikt.

Zu Weihnachten eskalierte es. Überall der Hass, jeder wusste alles besser. Bei meinem Bruder und Vater herrschte Einigkeit: Wir werden auf jeden Fall verarscht. Was soll ich denn da erzählen?

Richard Z.

Auch Richards Mutter ist davon überzeugt, dass die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie zu radikal sind, dass die Menschen zu sehr darunter leiden. Doch mit ihr gelingt es Richard, im Gespräch zu bleiben, trotz unterschiedlicher Ansichten.

Was heißt, querdenken?

Marcus Fuchs, der Gründer von Querdenken Dresden, spricht auf einer Demonstration
Marcus Fuchs auf einer Demonstration von "Querdenken Dresden" Bildrechte: MDR/Dirk Heth

Marcus Fuchs lebt in einem Dorf in der Nähe von Dresden. Der 32-Jährige arbeitet als IT-Experte. Sich selbst sieht er eher als einen unpolitischen Menschen. Bis Corona kam. Er hat das Gefühl, dass grundliegend etwas schief läuft im Staat – und gründet "Querdenken Dresden".

Marcus Fuchs ist kein Corona-Leugner. Aber er glaubt, dass die Gefahren völlig überschätzt werden, die Maßnahmen der Regierung zu radikal sind und die Demokratie beschädigen.

Wir wollen ja den Diskurs in der Gesellschaft ermöglichen. Das bedeutet, dass wir niemanden ausgrenzen dürfen, sonst erzeugen wir ja wieder eine Spaltung.

Marcus Fuchs Querdenken Dresden

Dabei werfen viele den "Querdenkern" vor, genau diese Spaltung zu betreiben. Seit sich Marcus für "Querdenken" engagiert, haben sich viele seiner alten Freunde von ihm abgewandt.

Zwei Drittel meines vorherigen Freundeskreises, zu denen habe ich kaum oder keinen Kontakt mehr. Ich bin etwas enttäuscht, dass die die Kehrseite der aktuellen Politik nicht sehen.

Marcus Fuchs Querdenken Dresden

Letzter Ausweg: Kontaktabbruch?

Bei Andrea S. waren Gespräche mit ihrer Mutter irgendwann gar nicht mehr möglich. Diese hatte sich immer mehr in Verschwörungstheorien verstiegen und war für eine sachliche Auseinandersetzung nicht mehr zugänglich. Nur noch ein Thema beherrschte die Gespräche: die Corona-Pandemie.

Dabei hatte Andrea zu ihrer Mutter zeitlebens ein gutes Verhältnis. Umso mehr setzte ihr der Konflikt zu. Irgendwann begab sich Andrea in eine Therapie und ihre Therapeutin empfahl ihr schließlich, den Kontakt zur Mutter abzubrechen.

Tobias Meilicke ist Leiter der Veritas, einer Beratungsstelle für Betroffene von Verschwörungserzählungen in Berlin. Er rät dazu, den Kontakt zu den betroffenen Personen so lange wie möglich aufrecht zu erhalten. Auch wenn es schwierig ist.

Je mehr wir uns von diesen Personen lossagen, desto mehr treiben wir sie die Isolation. Das heißt, sie sind nur noch Teil der verschwörungsgläubigen Szene. Das macht aber den Ausstieg sehr schwer, weil sie keine Brücken mehr ins alte Leben haben.

Tobias Meilicke Leiter der Veritas, Beratungsstelle für Betroffene von Verschwörungserzählungen

Ausblick

Rund eineinhalb Jahre sind seit Beginn der Corona-Pandemie vergangen. Endlich sind die Zahlen der Infizierten zurückgegangen, immer mehr Menschen werden geimpft. Mit dem Ende des Lock-Downs können sich die Leute wieder begegnen. Corona? Die meisten wollen nichts mehr davon wissen. Doch was ist mit den Gräben, die aufgerissen wurden?

Ich glaube, dass Verschwörungserzählungen uns langfristig erhalten bleiben. Es gibt sehr viele Informationen, die wir nicht so schnell nachprüfen können. Und es gibt sehr viele Menschen, die inzwischen an Verschwörungen glauben. Insofern bleibt das eine Herausforderung, auch für Familien.

Tobias Meilicke Leiter der Veritas, Beratungsstelle für Betroffene von Verschwörungserzählungen

Buchtipp Woher kommt die Vehemenz in der Auseinandersetzung? Wie gehen wir damit um, als Einzelne, als Gesellschaft? Welche Strategien gibt es, wieder ins Gespräch zu kommen oder soll man es einfach lassen?

Pia Lamberty, Katharina Nocun:
Fake Facts: Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen
Quadriga, 2020
ISBN 978-3-86995-095-2

Pia Lamberty, Katharina Nocun:
Gefährlicher Glaube: Die radikale Gedankenwelt der Esoterik
Quadriga; 25. Februar 2022
ISBN: 978-3869951119

Mehr zum Thema: Verschwörungserzählungen

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran - Beziehungskrisen: Wie Corona spaltet | 22. Juli 2021 | 22:40 Uhr