Nachrichten & Themen
Mediathek & TV
Audio & Radio

Religion & Gesellschaft

KalenderGottesdiensteJüdisches LebenKontakt
Verschneites Freiberg mit Petrikirche Bildrechte: IMAGO / Stefan Hässler

"Macht hoch die Tür, die Tor macht weit"Advent 2021: 3G als Zerreißprobe für Kirchen?

von Michael Hollenbach, MDR KULTUR

Stand: 11. Dezember 2021, 04:00 Uhr

Die hohen Corona-Infektionszahlen haben auch Konsequenzen für die Kirchen und die Feier der Gottesdienste. Während Sachsen-Anhalt – mit Bezug auf die Religionsfreiheit – es den Religionsgemeinschaften weitgehend freistellt, selbst Regelungen für die Gottesdienste zu treffen, haben sich Sachsen und Thüringen für klare Vorgaben entschieden. Was das nun für die Kirchen und die Gottesdienste bedeutet, haben wir in Freiberg, Görlitz und Heiligenstadt nachgefragt. Deutlich wird, auch durch viele Gemeinden geht der Impfdebatten-Riss.

"Die Tor macht weit": Das gilt für Gottesdienste in Sachsen auch im zweiten Pandemie-Winter nur sehr bedingt. Freiberger Pfarrer Michael Stahl fasst kurz zusammen, wie sie derzeit stattfinden: "Gottesdienste finden statt mit FFP2-Maske, in verkürzter Form mit nur einem Lied am Schluss, mit Kontakterfassung und Abstandsbestuhlung und einer 3-G-Zugangsregelung."

Mehr aus Religion und Gesellschaft im MDR

3G: Diskussionen vor der Kirchentür

Die Vorgaben, dass nur Geimpfte, Genesene oder Getestete zum Gottesdienst kommen dürfen, ist eine enorme Belastung für die Gemeinden. Nicht nur wegen der Kontrollen, sondern auch wegen kontroverser Diskussionen und Beschimpfungen vor der Kirchentür. Theresa Rinecker, Generalsuperintendentin im Sprengel Görlitz, sagt dazu:

An machen Stellen fühlt es sich wie eine Zerreißprobe an. Inzwischen gibt es da auch eine Erschöpfung in diesem immerwährenden Diskurs.

Theresa Rinecker | Generalsuperintendentin im Sprengel Görlitz

Gottvertrauen vs. Impfschutz im Erzgebirge

Pfarrer Michael Stahl Bildrechte: Jonas Benkert

Die Einschränkungen für den Gottesdienst stoßen unter Protestanten auch auf Widerstand. Beispielsweise bei evangelikalen Christen im Erzgebirge. Dort trifft man bei manchen auf eine Haltung, die eher auf Gottvertrauen als auf Impfschutz setzt. Zum Unverständnis des Freiberger Pfarrers Michael Stahl: "Ich kann sie nicht teilen. Ich bin der Meinung, dass auch Jesus selbst die medizinischen Möglichkeiten, die zur Verfügungen stehen, auch zu nutzen empfohlen hätte."

Heiligenstadt: Impf-Debatte überschattet Miteinander in der Gemeinde

Ähnlich sieht das auch der katholische Propst Hartmut Gremler aus dem thüringischen Heiligenstadt: "Wenn die Frömmigkeit zu stark ist bei manchen Menschen, die dann sagen: 'Wo man zusammen betet, hat kein Virus Platz.' Dann sage ich immer: 'Frömmigkeit und Verstand dürfen sich auch nicht ausschließen.'" In Thüringen gilt ebenfalls die Vorgabe der Landesregierung, dass Gottesdienste nur unter 3-G-Bedingen stattfinden dürfen: "Die Praxis sieht allerdings eher so aus, dass die meisten eine 2-G-Regel vorweisen können, denn getestet sind die wenigsten." Das liege allein schon daran, dass es auf dem Lande am Wochenende gar keine Testmöglichkeiten gebe. Die neuen Gottesdienstbeschränkungen haben so auch Folgen für das Miteinander in der Gemeinde. Bisher – so Propst Gremler - "brauchte man sich nicht outen". Nun seien viele enttäuscht, wer in der Gemeinde nicht geimpft sei. Da sei Vertrauen verloren gegangen.

Das kommt schon durch, dass man sich outen muss, wenn man in die Kirche gehen will. Da hat mancher doch geguckt, weil er seinen Nachbarn vorher anders eingeschätzt hat.

Polarisierung bis zur Hetze

Innerhalb der Gemeinden, aber noch stärker von außen sei die wachsende Polarisierung zu spüren, sagt der Heiligenstädter Probst. So habe er neulich anonyme Schreiben an der Kirchentür und in seinem Briefkasten gefunden, die Hetze und absolut unter der Gürtellinie seien:

Das kommen so Androhungen, die man auch Politikern gegenüber macht, zum Beispiel: 'Euch Pfaffen werden wir nicht vergessen.'

Wenn noch einmal solche Schreiben auftauchten, werde er die Polizei einschalten, sagt Gremler.

Gegen Einschüchterung auftreten: Offener Brief

Corona-Proteste in Freiberg halten Polizei in Atem. Bildrechte: IMAGO / Bernd März

Auch der evangelische Pfarrer Michael Stahl tritt auf gegen Einschüchterungsversuche radikaler Impfgegner. In Freiberg hat er sich mit anderen Bürgerinnen und Bürger in einem Offenen Brief dagegen gewandt, dass die rechtsextremistische Partei Freie Sachsen den Protest gegen die Corona-Maßnahmen für ihre verfassungsfeindlichen Ziele instrumentalisiere: "Der Anlass war, dass diese Corona-Spaziergänge, die es ja schon lange gibt, durch die Freien Sachsen noch mal eine ganz andere Radikalität erreicht haben. Insbesondere gegen diese rechte Vereinnahmung der Freiberger Stadt wollten wir Stellung beziehen."

"Stille Nacht"?

Nicht nur für die Kirchen alles andere als eine besinnliche Adventszeit. Mit Blick auf Heiligabend werden sich die Gemeinden wohl wieder stärker auf die Gottesdienste konzentrieren. Hier gilt dann aber: Statt ein lautes "O Du Fröhliche" anzustimmen, wird es eher ein beschaulicher "Stille Nacht" – Gesang werden – wahrscheinlich gesummt hinter Masken und am besten draußen.

Corona-Regeln für Gottesdienste in Mitteldeutschland

  • Gottesdienste in Sachsen-Anhalt können unter Hygieneauflagen stattfinden; die Religionsgemeinschaften treffen ihre eigenen Regeln mit verpflichtender Wirkung.

  • Für Mitglieder von Kirchen und Religionsgemeinschaften in Sachsen sind Zusammenkünfte unter 3G und mit Hygienekonzept möglich.

  • Gottesdienste in Thüringen sind zulässig, es gelten aber Abstandsregeln und Hygieneauflagen. Außerdem ist die Zahl der zugelassenen Teilnehmer und Teilnehmerinnen je nach lokaler Inzidenz begrenzt.

Kirche in Zeiten der Pandemie: Advent & Weihnachten 2021

Advent feiern

Mehr aus Religion und Gesellschaft im MDR

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 12. Dezember 2021 | 09:15 Uhr