Debatte Vom Entzug der Freiheit: Wie viel Strafe muss sein?

Ob Sozialstunden, Geld- oder Freiheitsstrafe: Sie gelten als probates Mittel, Vergehen und Verbrechen zu ahnden. Doch sind Gefängnisse wirklich "Besserungsanstalten"? Im Januar-Magazin war Moderatorin Nadja Storz nah dran an Geschichten über den Entzug von Freiheit und fragt, wie sinnvoll Bestrafung ist. Auskunft gibt u.a. Kuratorin Isabel Dzierson vom Deutschen Hygiene-Museum, wo demnächst - wenn es die Pandemie zulässt - die Schau "Vom Entzug der Freiheit" wieder zu sehen ist.

Mann in weihnachtlich dekorierter Gefängniszelle
Das Innere einer Gefängniszelle. Bildrechte: Grégoire Korganow, French Prisons, 2010–2013

"Das Gefängnis sagt viel darüber aus, wie wir in unserer Gesellschaft zusammenleben", erklärt Isabel Dzierson. Gemeinsam mit Partnern des Musée des Confluences in Lyon und dem Internationen Rotkreuz- und Rothalbmondmuseum in Genf hat sie die Ausstellung "Vom Entzug der Freiheit" konzipiert. Wenn es die Umstände erlauben, soll die Schau ab März auch wieder im Deutschen Hygiene-Museum zu sehen sein. Durch die Zusammenarbeit eröffne sie eine europäische Perspektive auf das Thema, betont die Dresdner Kuratorin.

Wie das Leben im Gefängnis aussieht

Nah dran -  Gefängnisausstellung 14 min
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Interview zur Dresdner Schau "Vom Entzug der Freiheit" Kuratorin Isabel Dzierson im Interview

Kuratorin Isabel Dzierson im Interview

Ob Sozialstunden, Geld- oder Freiheitsstrafe: Sie gelten als probates Mittel, Vergehen und Verbrechen zu ahnden. Doch sind Gefängnisse wirklich "Besserungsanstalten"? Kuratorin Isabel Dzierson im Interview.

Nah dran Do 28.01.2021 22:40Uhr 14:29 min

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Gezeigt wird in der Schau "Vom Entzug der Freiheit", wie Gefängnisse entstanden sind. Dazu wird die Architekturgeschichte erläutert, vor allem aber gezeigt, wie der Alltag in den Zellen aussieht. Fotos und Objekte veranschaulichen, wie kreativ sich Gefangene in ihren engen Zellen einrichten. Schach mit Figuren aus Seife, ein Minikoran, der Heilige Georg aus Dosenblech und Silberpapier. Versteckte Handys in Zigarettenschachteln. Manche nutzen Wasserflaschen als Hanteln, stählen so ihren Körper. Zu sehen sind Tattoos "als letztes Ressort, was man frei gestalten kann", so Dzierson. Nicht ausgespart werden auch Themen wie die sexuelle Gewalt, der Insassen ausgeliefert sind oder eine mangelnde Gesundheitsversorgung, aus Dsziersons Sicht alles Dinge, die über den normalen Freiheitsentzug hinaus gehen. "So würden die Probleme, die sich für die Insassen im Zusammenleben ergeben, deutlich. Davon betroffen sei ebenso das Verhältnis von Gefangenen und Angestellten.

Das Gefängnis resozialisiert die meisten Gefangenen nicht in der Form, wie wir uns das als Gesellschaft wünschen würden.

Isabel Dszierson Kuratorin

Das gesellschaftliche Begehren, Unrecht zu bestrafen, taucht schon in der Bibel auf. Doch im Laufe der Zeit hat sich die Art der Bestrafung verändert. Mit der Französischen Revolution beginnt ein Umdenken. Von den rein körperlichen Strafen und den Todesstrafen weg zu kommen sei dabei der richtungsweisende Gedanke gewesen, sagt Dzierson.

Kein Erfolgs-, sondern ein "Drehtür-Modell"

Isabel Dszierson
Blick in eine andere Welt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mit Blick auf die Rückfallquote von Strafgefangenen sei das Gefängnis aber kein Erfolgsmodell, stellt Isabel Dzierson fest. Viele Menschen, die einmal inhaftiert gewesen seien, würden immer wieder rückfällig. Sie landeten wieder und wieder im Gefängnis, weil sie die Resozialisierung nicht schaffen. Diesen Effekt bezeichne man als sogenannten Drehtür-Vollzug. Dahinter steht das Problem, dass eine derartige Institution nicht auf die Bedürfnisse des Einzelnen eingehen könne, erklärt Dzierson. Dafür mangle es an Ressourcen, das Personal sei bereits überlastet. Dabei sei der europäische und vor allem der deutsche Strafvollzug eigentlich darauf angelegt, Menschen nach einer Haftstrafe wieder in die Gesellschaft zu integrieren.

"Verhindern, dass eine Tat wieder passiert"

In Deutschland gab es im März 2020 knapp 60.000 Inhaftierte. Bei ungefähr zwei Dritteln könne man hinterfragen, ob der geschlossene Vollzug die richtige Form sei, sagt Kuratorin Dzierson. Dass Menschen Strafe für begangenes Unrecht fordern, sei normal. "Aber wir möchten ja möglichst verhindern, dass eine Tat wieder passiert", betont sie.

Strafen und Gefängnis neu zu denken, heiße nicht, dass jeder in der Gesellschaft machen dürfe, was er wolle. Es gehe darum, Formen der Kontrolle und Sanktionierung zu finden, damit die Menschen hinterher wieder besser zusammenlebten. Beispielsweise sei die elektronische Fußfessel in Frankreich weiter verbreitet als in Deutschland, sagt Dzierson.

Die Kuratorin plädiert dafür, darüber nachzudenken, was der "Entzug von Freiheit" mit uns selbst zu tun habe. Das Thema rücke schneller näher als man denke.

"Vom Entzug der Freiheit" - Die Ausstellung im Deutschen Hygiene-Museum Dresden Die Ausstellung ist in Dresden voraussichtlich ab März 2021 wieder zu besichtigen. Kuratorinnen sind Isabel Dzierson (Dresden), Marianne Rigaud-Roy (Lyon), Sandra Sunier (Genf).


"Im Gefängnis. Vom Entzug der Freiheit"
Bis 31. Mai 2021
Deutsches Hygiene-Museum
Lingnerplatz 1
01069 Dresden

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen, 10 bis 18 Uhr

Eintritt:
9 Euro, ermäßigt 4 Euro, Kinder bis 16 Jahre frei, Familienkarte 14 Euro

Die ganze Sendung

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MDR FERNSEHEN Do, 28.01.2021 22:40 23:10
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https://www.mdr.de/investigativ/video-464006.html

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 28. Januar 2021 | 22:40 Uhr