Resozialisierung in der Haft? "Man bleibt ein Ausgestoßener"

Wegen Mordes wird Pedro Holzhey zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Im Gefängnis versucht er aktiv, seine Tat aufzuarbeiten. Doch das gelingt nur mit viel Eigeninitiative. Nach Ende seiner Haft engagiert er sich im Verein Set Free e.V., einem Netzwerk für Gefangene, gemeinsam mit Angelika Lang. Die Kriminologin und Gefängnisseelsorgerin kennt das Problem und plädiert dafür, die Form der Haftstrafe zu überdenken.

Pedro Holzhey
Pedro Holzhey wurde vor vier Jahren aus der Haft entlassen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Ich hab die Schuld für meine Tat von Anfang an akzeptiert. Das stand nie in Frage." Pedro Holzhey hat einen Menschen getötet. Das Urteil lautete: Lebenslänglich. Knapp 15 Jahre seines Lebens hat er hinter Gittern verbracht.

Allein gelassen mit der Tat

Sofort nach der Tat weiß Pedro Holzhey, dass er schweres Unrecht begangen hat. Trotzdem bricht für ihn die Welt zusammen, als er seine Haft antritt. Er lernt, was es bedeutet, vor dem Leben zu kapitulieren: "Ich wusste nicht mehr, wozu ich da bin und was mit mir passiert, ob es noch eine Zukunft gibt, wie ich jemals mit den Menschen draußen in Kontakt treten kann. Oder ob ich nochmal sagen darf, was gewesen ist."

Der Diplomingenieur weiß, dass es zu seiner Strafe gehört, dass nichts mehr normal ist. In der Zelle fühlt sich Pedro Holzhey einsam und mit von ihm begangenen Tat allein gelassen.

Haftschock kann hilfreich sein

Menschen einfach wegzusperren, sei nicht die Lösung, sagt die Kriminologin und Gefängnisseelsorgerin Angelika Lang im Bistum Dresden-Meißen. Mit Pedro Holzhey engagiert sie sich in dem Verein "Set Free", der eine Brücke bauen will zwischen Strafvollzug und Gesellschaft. Strafen seien nichts anderes als eine Form der Vergeltung, sagt Lang. "Was manchmal hilfreich ist, ist ein Haftschock, also dass auf eine Straftat Konsequenzen folgen." Aber danach müsse es weitergehen, betont die Seelsorgerin. Für Opfer und Täter sei am besten, wenn gelinge, dass der Täter die Verantwortung übernehme."

Pedro Holzhey
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Pedro Holzhey hat das Gefängnis als Ort der Kontrolle und Vereinsamung erlebt, an dem neben Gewalt auch Drogen ihren Platz haben. Doch die Möglichkeit der Aufarbeitung, sagt Pedro Holzhey, gebe es in Gefängnissen selten. Eine Ursache, glaubt er, sei der Personalmangel. "Ich habe sehr schnell nach der Tat händeringend nach Fachkräften gesucht, die sich mit mir anschauen können, wieso ich diese Tat begehen konnte." Erst nach fünf Jahren habe er in Aussicht gestellt bekommen, in den letzten drei Haftjahren möglicherweise sozialtherapeutische Hilfe zu bekommen.

Gefängnisstrafe in sich widersprüchlich

Mit Eigeninitiative hat der heute 63-Jährige schließlich doch eine Psychologin und einen Seelsorger gefunden, mit denen er seine Schuldgefühle aufarbeiten konnte. Doch Pedro Holzhey stellt fest, dass die lange Haftstrafe letztlich nichts bewirkt hat von dem, was sich die Gesellschaft davon versprochen hat. Selbst nach seiner Entlassung vor vier Jahren fühlt er sich stigmatisiert, wenn er seine Haftstrafe anspreche.

Man gehört zu einer Randgruppe, ist ein Ausgestoßener und bleibt es auch.

Pedro Holzhey Erster Vorsitzender von Set Free e.V.

Genau das verdeutlicht laut der Gefängnisseelsorgerin Angelika Lang das grundlegende Dilemma einer Gefängnisstrafe: "Wenn wir möchten, dass Straftäter nicht wieder rückfällig werden und versuchen, sie in die Gesellschaft zu integrieren, ist es ein Widerspruch in sich, sie auszuschließen."

Angelika Lang plädiert für mindestens einen schrittweisen Übergang zurück in die Gesellschaft und für Wiedergutmachungs-Verfahren zwischen Tätern und Opfern. Und Pedro Holzhey findet, wenn Ausschluss und Stigmatisierung das Ergebnis von Strafe seien, sei es ein schlechtes Ergebnis.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 28. Januar 2021 | 22:40 Uhr