Rechercheprojekt #Ableismustötet: Warum Menschen mit Behinderung in Heimen Gewalt erleben

Ende April 2021 wurden in einer stationären Behinderteneinrichtung in Potsdam vier Menschen mit Behinderung getötet. Aus diesem Anlass hat die Aktionsplattform AbilityWatch ein Rechercheprojekt auf den Weg gebracht. Es geht darum, strukturelle Gewalt in Heimen zu dokumentieren und Betroffenen zu helfen.

Drei Personen an einem Schreibtisch
Raul Krauthausen und Anne Gersdorff sind Teil des Rechercheprojekts #Ableismustötet. Bildrechte: Miamedia/MDR

Ende April 2021 sind in Potsdam in einem Heim für behinderte Menschen vier Tote und eine schwer verletzte Frau gefunden worden. Verurteilte Täterin ist eine Pflegerin. In der Öffentlichkeit herrschen Schock und Trauer. Die Rede ist von einem tragischen Einzelfall, doch ist es das wirklich? Der Verein AbilityWatch, eine Selbstvertretungs-Plattform von Menschen mit Behinderung, beginnt eine Analyse. Anne Gersdorff ist eine der Aktivistinnen: "Nach den Morden in Potsdam hatte ich das Gefühl, man muss zeigen, dass Potsdam kein Einzelfall ist, sondern dass Gewalt gegenüber Menschen mit Behinderung sehr oft in unserer Gesellschaft vorkommt."

Recherche kann für Klarheit sorgen

Zusammen mit einem inklusiven Team aus Wissenschaftler:innen und Journalist:innen recherchiert sie im Projekt #Ableismustötet bekannte Fälle aus den Medien. Dort melden sich auch Betroffene, darunter Anja Müller. Ihr Bruder Jens lebte lange in einem Heim. Dort wurde er mutmaßlich vernachlässigt, misshandelt und bekam schädigende Medikamente. Erst als er ins Krankenhaus kam sah sie, wie schlecht es ihm ging: "Da kommt sehr viel zusammen, etwa die Behandlung mit Medikamenten, die sehr stark sediert haben. Wir kannten ihn als körperlich normal entwickelten Menschen. Hinterher war er Windelträger, abgemagert und konnte kaum laufen."

Frau liest Dokument
Anja Müller (Name geändert) will vor Gericht Klarheit erkämpfen. Bildrechte: Miamedia/MDR

Anja Müllers Bruder hat oft Angst. Der direkte Kontakt mit Fremden belastet ihn, deswegen filmen wir ihn nicht. Er lebt heute in einer eigenen Wohnung, seine Schwester kümmert sich um die Pflege. Inzwischen zeigt er ihr, was er erlebt hat: Zum Beispiel hat er Angst davor, mit einem Lappen geschlagen zu werden. Die Schwester vermutet, dass das so im Heim passiert ist. Der Grund dafür: Ihr Bruder ist von der Erkrankung Echolali betroffen: "Er spricht Sätze nach, die man zu ihm sagt. Dass er kontextbezogene Dinge nachspricht, ist ein Hinweis für uns. Zum Beispiel beschäftigt ihn bis heute, dass man Angst haben muss, einen Scheuerlappen ins Gesicht zu bekommen, wenn man etwas verschüttet."

Ihr Bruder leidet auch körperlich. Er hat sehr lange schädigende Psychopharmaka bekommen. Die Begründung dafür ist fragwürdig. Anja Müller hat nun sowohl das Heim als auch den zuständigen Arzt verklagt. Deswegen nutzt sie bis zur Klärung einen anderen Namen und darf von den erhobenen Vorwürfen nicht als Tatsachen sprechen: "Ich wünsche mir eine fundierte, eine tiefgehende Erklärung, was dort passiert ist. Zum anderen wünsche ich mir natürlich auch Gerechtigkeit, die meinem Bruder dadurch wiederfahren soll. Im Hinblick darauf finde ich auch wichtig, dass sich etwas für und an der Situation für Menschen mit Behinderung ändern muss."

Forderung: Unabhängige Kontrollen in Heimen

Frau im Rollstuhl
Anne Gersdorff: "Wir kriegen kaum mit, was in stationären Einrichtungen für Menschen mit Behinderung geschieht." Bildrechte: Miamedia/MDR

Zu selten trauen sich etwa Pflegekräfte zu melden, wenn Heimbewohnern Gewalt angetan wird und zum Beispiel willkürlich Freiheitsrechte entzogen werden. Das ist nur eines der dokumentierten Probleme. Wer in den stationären Einrichtungen lebt, hat meist schwere körperliche oder geistige Beeinträchtigungen und kann sich kaum selbst helfen. Die Bewohnerinnen und Bewohner sind dem System ausgeliefert. Oft würden sie auch keine Ansprechpersonen für ihre Probleme kennen, sagt Aktivistin Anne Gersdorff vom Rechercheprojekt #Ableismustötet: "Wir glauben, Menschen mit Behinderung würden dort gut versorgt. Das führt dazu, dass wir uns als Gesellschaft keine andere Lösung überlegen müssen. Wir haben eine Art 'satt-sauber-abgeschoben'-Prinzip. Diese Einrichtungen sind aber sehr abgeschlossen. Das bedeutet, wir kriegen kaum mit, was dort passiert."

Wie Studien belegen, haben Menschen mit Behinderung ein 2- bis 4-Mal so hohes Risiko, Gewalt zu erleben, als Menschen ohne Behinderung. Besonders hoch ist es für Frauen mit Lernschwierigkeiten. Wie Inklusionsaktivist Raúl Krauthausen sagt, fordert #Ableismustötet deswegen schnell mehr Transparenz und Mitbestimmung : "Wir fordern als allerdringlichste Maßnahme, dass die Heimaufsichten unangemeldet kommen und dass sie unabhängig sind."

Bewohner:innen sind dem System ausgeliefert

Denn wie Raúl Krauthausen sagt, liegen die Ursachen der Probleme in den Strukturen der Einrichtungen, denen die Bewohner:innen ausgeliefert sind: "In Einrichtungen wie Behindertenwohnheimen gibt es ein ganz klares Machtgefälle: Ich als Bewohner:in brauche Unterstützung des Pflegepersonals. Wenn ich zum Beispiel auf Toilette muss oder mir jemand beim Anziehen helfen muss, habe ich nicht die Wahl, wer das macht und wie das jemand macht, sondern ich bin darauf angewiesen, dass es jemand macht." Tote in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung wie in Potsdam oder nach der Flut im Ahrtal 2021 sind damit nur die Spitze des Eisbergs.

Das sieht auch Anne Gersdorff so: "Die Menschen mit Behinderung, die dort leben, brauchen Mitspracherecht: Wer pflegt sie, von welchen Menschen sind sie umgeben, wie wohnen sie, welche Rahmenbedingungen finden sie vor."

Das Recherche-Projekt will weiterhin Gewaltfälle in Heimen für Menschen mit Behinderung öffentlich sammeln und schnell Veränderungen bewirken. Auf den Internetseiten von Abilitywatch gibt es außerdem Kontakte zu Beratungsstellen.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt | 12. Juni 2022 | 08:00 Uhr