"Das Christentum ist ein Glaube der Hoffnung" Hilft Religion in Krisen-Zeiten?

Der Papst hat eine seiner stärksten "Waffen" schon eingesetzt: Den Segen "Urbi et Orbi", den er eigentlich nur zu Ostern und Weihnachten spendet, erteilte er nun mitten in der Corona-Pandemie. Atheisten mögen darüber lächeln, lässt sich das Virus doch davon nicht beeindrucken. Hilft der päpstliche Segen Gläubigen, besser mit dieser Ausnahmesituation umzugehen? Online-Gottesdienste boomen in allen Konfessionen. Kann Religion in der Krise eine Stütze sein?

Papst Franziskus erteilt auf dem wegen der Coronavirus-Pandemie leeren Petersplatz den Sondersegen Urbi et Orbi
Papst Franziskus erteilt auf dem leeren Petersplatz den Sondersegen. Bildrechte: dpa

Nein, wegen der Corona-Pandemie bete er nicht, sagt Christian Schwarke: "Ich habe im Moment gerade keine Angst davor. Aber individuell hilft ein Gebet natürlich in jedem Falle. Jemand hat mal gesagt, das Gebet ist der Glaube an die Macht der guten Gedanken."

An etwas Positives, etwas Schönes zu denken, könne in keinem Fall schaden. Zu glauben, helfe auch dann weiter, wenn man erkrankt sei, meint der Professor für evangelische Theologie an der TU Dresden: "Es ist hilfreich, wenn wir unser individuelles Schicksal in einen größeren Kontext einordnen können. Dafür bieten Religionen einen Rahmen. Denn ich bekomme das Gefühl, ich bin mit meiner Situation nicht allein."

Doch wenn Gott für alles verantwortlich ist ...

Eine Holzschnitzerei zeigt Sünder im Fegefeuer
Sünder im Fegefeuer Bildrechte: IMAGO

Doch wenn Gott für alles verantwortlich ist, ist er es dann nicht auch für die Pandemie? Ist sie seine Strafe? So wie er einst die Welt in einer Sintflut untergehen, oder Feuer und Schwefel auf Sodom und Gomorrha regnen ließ. Diese Sichtweise wird durchaus in evangelikalen und fundamentalistischen Kreisen vertreten. Dazu meint der Religionssoziologe Alexander Yendell von der Universität Leipzig kurz und knapp, das sei eine "sehr gefährliche Form der Religiosität". Denn dahinter stünde die Idee von der Ungleichwertigkeit der Menschen, von ihrer Einteilung in Tugendhafte und Auserwählte einerseits und in Verderbte andererseits. In dieser Vorstellungswelt würden die Sünder bestraft, früher mit Syphilis, später mit Aids und heute mit Corona. Ein solches Denken widerspreche dem Christentum und werde von den Kirchen abgelehnt, meint Alexander Yendell.

Gebet und praktische Solidarität für Zusammenhalt

Wichtiger sei für Gläubige in Krisenzeiten ohnehin praktisches Handeln, führt Yendell weiter aus: "Die Kirchenmitglieder sind ja nicht einfach 'nur' religiös, sie helfen sich untereinander und sind solidarisch. Da spielt die Kirche natürlich eine große Rolle und kann dazu beitragen, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt bestehen bleibt und dass Menschen über diese Hilfe, ein Stück weit besser mit dieser Krise zurechtkommen."

Das Christentum ist ein Glaube der Hoffnung und nicht einer, der sich in erster Linie darüber Gedanken macht, wie Strafen aussehen.

Christian Schwarke Theologie-Professor der TU Dresden

Nicht in der Apokalypse, sondern Psalmen lesen

Zum Beten gefaltete Hände
Mut Bildrechte: colourbox

Der Dresdner Theologe Christian Schwarke wagt einen historischen Vergleich: "Ich glaube, das, was Kirche 1989/90 getan hat, nämlich den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu befördern, das tut sie auch jetzt wieder." Es bedüfe aber nicht der Institution Kirche, der Glaube selbst gebe Kraft in der Krise, meint Christian Schwarke. Schließlich sei das Christentum ein Glaube der Hoffnung und gerade nicht einer, der sich in erster Linie darüber Gedanken macht, wie Strafen aussehen. Für Jesus gebe es keinen Zusammenhang zwischen Sünde und Krankheit. Das mache Mut in Krisenzeiten.

Zumindest dann, wenn man statt der Apokalypse in der Bibel die Psalmen lese, empfiehlt Schwarke. In den Psalmen werde erst geklagt über eine widrige Situation, in der sich der Beter gerade befinde. "Und dann kommt eine Umkehr, wo er spürt: 'Ach, jetzt werde ich erhört, es wird vorangehen. Das sind Erfahrungen, die Menschen helfen können, in schwierigen Situationen zu sehen: die Geschichte der Welt geht gut aus."

Kirche & Seelsorge in Zeiten von Corona: Gottesdienste im Livestream

#Miteinander stark

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. April 2020 | 09:15 Uhr