Neue Studie "Inklusion an Schulen kommt nicht voran"

Die meisten Eltern befürworten das inklusive Lernen, die Ergebnisse sind ermutigend. Dennoch tut sich Deutschland bei der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention immer noch schwer, wie eine Studie der Bertelsmann-Stiftung jetzt feststellt.

Schüler kommunizieren untereinander im bilingualen Unterricht auf Deutsch und Gebärden mit den Lehrerrinnen
Bilingualer Unterricht auf Deutsch und Gebärden wie an dieser Erfurter Schule ist die große Ausnahme. Bildrechte: dpa

Der Ausbau des gemeinsamen Unterrichts von Schülern mit und ohne Behinderung geht nur schleppend voran. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Stiftung Bertelsmann, die am Donnerstag vorgestellt wurde. Mehr als zehn Jahre nach dem Beitritt zur UN-Behindertenrechtskonvention tue sich Deutschland trotz "punktueller Fortschritte" schwer. Dabei gebe es große Unterschiede zwischen den Bundesländern. Nicht die Eltern, sondern die Politik bremse beim Ausbau.

"Exklusionsquote" fast unverändert, dennoch Erfolge

Während im Schuljahr 2008/09 4,8 Prozent der Mädchen und Jungen der ersten bis zehnten Klassen Förderschulen besuchten, waren es laut Studie 2018/19 immer noch 4,2 Prozent. Damit sei die "Exklusionsquote" ähnlich hoch. Dabei lernten Schüler mit Förderbedarf in inklusiven Klassen tendenziell besser. Sie erzielten durchschnittlich bessere Resultate und erreichten öfter den Hauptschulabschluss als jene in Förderschulen, heißt es in der Untersuchung. Auch seien Eltern inklusiv lernender Kinder insgesamt zufriedener mit den Schulen, Klassen und Lehrkräften. Angesichts dieser Ergebnisse werde deutlich, dass mehr Inklusion möglich sei, erklärte dazu der Vorstand der Bertelsmann Stiftung, Jörg Dräger. Er forderte die Politik auf, mehr Mut zu zeigen.

Allerdings gab es kritische Rückmeldungen vor allem zur Raum- und Personalausstattung inklusiver Schulen. Aktuelle Befragungen unter Lehrkräften zeigen laut Stiftung, dass sich ein Drittel bis die Hälfte für die Arbeit in inklusiven Klassen "unzureichend vorbereitet und schlecht begleitet" fühle.

KMK-Daten und Eltern-Umfrage

Für ihre Studie ließ die Stiftung Daten der Kultusministerkonferenz auswerten und Eltern befragen. Beinahe alle der gut 4.000 Mütter und Väter (94 Prozent) sprachen sich dafür aus, dass Kinder mit und ohne körperliche Behinderung gemeinsam lernen. Auch der inklusive Unterricht mit Kindern mit Sprach- oder Lernschwierigkeiten stößt mit 71 beziehungsweise 66 Prozent auf Zustimmung. Nicht einmal die Hälfte (48 Prozent) findet jedoch, dass inklusives Lernen im Falle einer geistigen Behinderung möglich sei.

Verband mahnt Unterstützung an

Indessen mahnte der Verband Bildung und Erziehung mehr Unterstützung an. Das beginne bei den schulbaulichen Voraussetzungen, reiche über eine inklusionsfreundliche Schulkultur und müsse die Fortbildung der Lehrkräfte unbedingt im Blick haben, erklärte der Bundesvorsitzende Udo Beckmann. Ihm zufolge zeigten die Schulschließungen wegen der Corona-Pandemie, "dass wir insbesondere für die Kinder mit Förderbedarfen kaum Lösungen anbieten können und sie gleichzeitig nur sehr eingeschränkt von ihren Eltern unterstützt werden können". Auch bei den Schulöffnungen werde an diese Kinder kaum gedacht.

Bertelsmann-Studie: Regionale Unterschiede

Der Blick in die Bundesländer zeigt laut Studie beim Abbau des "exklusiven" Lernens große Unterschiede: Die Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg sowie das Flächenland Schleswig-Holstein machten demnach in dem Zehn-Jahres-Zeitraum deutliche Fortschritte. In Ländern wie Baden-Württemberg, Bayern oder Rheinland-Pfalz sei der Anteil der Kinder und Jugendlichen auf Förderschulen jedoch noch gestiegen. Diese sogenannte "Exklusionsquote" liegt den Angaben zufolge derzeit zwischen 0,9 Prozent in Bremen und 6,1 Prozent in Sachsen-Anhalt. In Nordrhein-Westfalen beträgt sie 4,6.

Mehr sonderpädagogische Förderung

In Deutschland erhalten der Studie zufolge immer mehr Kinder und Jugendliche eine sonderpädagogische Förderung. Im Schuljahr 2018/19 hatten demnach 544.640 Schüler einen bestätigten Förderbedarf. Das waren 7,4 Prozent aller Schüler. Zehn Jahre zuvor waren es noch 5,9 Prozent.  Einerseits seien die Lehrer kompetenter, was Diagnosen angeht, und wirken Förderbedarfe nicht mehr so stigmatisierend, begründete die Stiftung den Anstieg. Andererseits bekämen die Schulen in vielen Bundesländern mehr Lehrer zugewiesen, wenn sie Schüler mit Förderbedarfen unterrichteten. Das könnte zu mehr Diagnosen verleiten - allerdings zugunsten der Mädchen und Jungen.

In der Mediathek ansehen

Auch interessant

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt | 08. Dezember 2019 | 08:00 Uhr