Inklusionspreis der Wirtschaft Auerbach: So gelingt Inklusion in der Goldbrötchen Bäckerei

Seit mehr als 15 Jahren setzt sich die Goldbrötchen Bäckerei im vogtländischen Auerbach für Inklusion ein. Nun wurde das Engagement mit dem Inklusionspreis der Wirtschaft gewürdigt.

In der Kategorie "Kleines Unternehmen" wurde die Goldbrötchen Bäckerei Ralf Jahnsmüller aus dem vogtländischen Auerbach zum Sieger gekürt.
Inklusionspreis der Wirtschaft: In der Kategorie "Kleines Unternehmen" wurde die Goldbrötchen Bäckerei Ralf Jahnsmüller aus dem vogtländischen Auerbach zum Sieger gekürt. Bildrechte: zeichensetzen/Harms

Die Goldbrötchen Bäckerei im vogtländischen Auerbach hat sich die Inklusion auf die Fahnen geschrieben. Elf der 46 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind Menschen mit Behinderungen. Jetzt wurde das Engagement mit dem Inklusionspreis der Wirtschaft 2021 gewürdigt. Bäckermeister Gerd Jahnsmüller freute sich mit seinem ganzen Team über diese "riesengroße Ehre".

Vorurteile gegen Menschen mit Behinderung

Vermittelt durch das Integrationsamt Auerbach kam Robert Jähn zur Goldbrötchen Bäckerei. Nach seiner Lehre schrieb er nach eigenem Bekunden über 300 Bewerbungen: "Entweder kam eine Absage oder gar nichts wieder", erzählt er. Jähn führt das auf falsche Vorstellungen und Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderung zurück: "Die Firmen denken, hier ist einer, der hat eine Schwerbehinderung, von 50 oder 60 Prozent, also kann er nur 50 oder 60 Prozent arbeiten. Dabei gibt es heute für alles Arbeitsmittel, die auch gefördert werden", sagt Jähn.

Viele Firmen drücken sich und zahlen lieber die Ausgleichsabgabe als Strafe.

Robert Jähn Mitarbeiter in der Goldbrötchen Bäckerei

Stichwort: Ausgleichsabgabe

Arbeitgeber mit 20 Mitarbeitenden und mehr sind gesetzlich verpflichtet, fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit schwerbehinderten Menschen oder Gleichgestellten zu besetzen. Erfüllen sie diese Quote nicht, müssen sie einen monatlichen Ausgleich an die Integrationsämter zahlen. Momentan handelt es sich um 125 bis 130 Euro.

In den vergangenen zehn Jahren haben Firmen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen rund 453 Millionen Euro sogenannter Ausgleichsabgabe gezahlt, weil sie nicht ausreichend Menschen mit Behinderung beschäftigen. Das geht aus einer MDR-Umfrage von 2018 unter den zuständigen Ministerien und Behörden hervor. In Sachsen wurden demnach von Unternehmen zwischen 2008 und 2017 fast 222 Millionen Euro abgeführt, in Sachsen-Anhalt etwa 135 Millionen Euro und in Thüringen rund 96 Millionen Euro.

In der Kategorie "Kleines Unternehmen" wurde die Goldbrötchen Bäckerei Gerd Jahnsmüller aus dem vogtländischen Auerbach zum Sieger gekürt.
Bildrechte: zeichensetzen/Harms

Firmenchef sieht Potenzial der Inklusion fürs Handwerk

Die Goldbrötchen Bäckerei ist ein Familienbetrieb. Inklusion gelingt hier schon seit 15 Jahren. Beschäftigte mit körperlichen, geistigen und psychischen Behinderungen arbeiten überall mit – in Herstellung, Verkauf oder Service für die fünf Filialen bis hin zu Verwaltung und Warenlieferung.

Gerd Jahnsmüller übernahm das Unternehmen von seinen Eltern und führt es seit 2015 mit seiner Schwester Grit, einer ausgebildeten Konditorin. Beide setzen die inklusive Firmenphilosophie ihres Vaters fort. Gerd Jahnsmüller zufolge bedeutet sie in einer ländlichen Region mit großem Fachkräftemangel einen doppelten Gewinn:

Gerade in handwerklichen Betrieben bleiben viele Arbeitsstellen unbesetzt. Hier hat Inklusion, so wie wir das im Unternehmen praktizieren, großes Potenzial.

Gerd Jahnsmüller Bäckermeister & inklusiver Unternehmer

Zuerst erzählt er nicht von den bürokratischen Herausforderungen, sondern von diversen unterstützenden Angeboten für inklusiv denkende Unternehmer: "Die Stellen werden gefördert, auch die speziell eingerichteten Arbeitsplätze. Ein Mensch mit Behinderung, der vorher dachte, nichts geht mehr, erfährt so, durch diese Maschine oder Vorrichtung geht es. Er findet wieder einen Platz im Arbeitsleben."

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Eine Frau im Rollstuhl und eine an ihrer Seite, gehen mit einem Hund spazieren. 30 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Eine Frau im Rollstuhl und eine an ihrer Seite, gehen mit einem Hund spazieren. 30 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Eine Frau im Rollstuhl und eine an ihrer Seite, gehen mit einem Hund spazieren. 30 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Arbeitsagentur und Sozialverband als Partner

Tatsächlich gibt es für die elf Beschäftigten mit Schwerbehinderung einen Förderplan, der ihre individuellen Fähigkeiten und Bedürfnisse mit der Wirtschaftlichkeit zusammenbringen soll. Dafür arbeitet die Bäckerei eng mit der Agentur für Arbeit, dem Integrationsfachdienst und dem Kommunalen Sozialverband Sachsen zusammen.

So wie die Arbeitsplätze sind auch die Filialen barrierefrei eingerichtet. Treten akute gesundheitliche Beschwerden auf, kann in einem Ruheraum pausiert werden – oder an einen anderen Arbeitsort gewechselt. Zur traditionellen Schaubäckerei des Unternehmens gehört inzwischen die neue Abteilung "Brennholzproduktion und Landschaftspflege", die den Einsatz an der frischen Luft erlaubt.

Probearbeiten

Um festzustellen, welche Tätigkeit in der Goldbrötchen Bäckerei überhaupt in Frage kommt, gibt es ein Probearbeiten, um zu testen: "Mensch, was passt zu dir? Während für den einen die Teigherstellung geeignet ist, kann der andere vielleicht nicht so schwer heben und arbeitet lieber die Produkte weg. Aufgrund unserer Größe sind wir gut aufgestellt und haben für jeden, jede etwas dabei." Auch wenn es durchaus bürokratische Herausforderungen gebe, findet Jahnsmüller, der Aufwand für all die Anpassungen und flexiblen Lösungen lohne:

Der Wille muss da sein – und Herzblut. Ich kann Unternehmern nur sagen: 'Probiert es!' Man sieht dann auch mal, wie Menschen sich freuen! Wenn man Wirtschaftlichkeit und Menschlichkeit miteinander vereint, dann hat man schon gewonnen.

Gerd Jahnsmüller Bäckermeister & inklusiver Unternehmer

Neue Perspektiven für alle

Jahnsmüller erzählt auch von seinem ganz privaten Bezug zum Thema. In der Familie gebe es Verwandte mit Down Syndrom: "Man will ja nicht immer gleich in die Behindertenwerkstatt gehen. Qualifikationen sind ja da. Die Werkstatt ist das eine, aber der offene Betrieb, der Umgang mit anderen Kolleginnen und Kollegen, die keine Behinderung haben, das ist auch sehr wertvoll." Ähnlich sieht das seine Schwester Grit. Sie leitet die Konditorei und beschäftigt ebenfalls Menschen mit Behinderung – so wie Ariana Strobel, die schon seit 2015 zum Team gehört. Nach zwei OPs an der Lendenwirbelsäule und einem Burnout kam sie, vermittelt durch das Integrationsamt, zur Firma. Sie sagt: "Ich bin überall einsetzbar."

Damit ein inklusiver Betrieb funktioniert, sagt Grit Jahnsmüller, brauche es "alle Sinne, um zu fühlen, dass anderen vielleicht etwas fehlt. Es ist ganz wichtig, dass man Menschen achtet, egal ob mit oder ohne Einschränkungen. So versuchen wir das alle, meine ganze Familie. Denn wie schnell kann man selber betroffen sein", erzählt sie, auch mit Blick auf ihren Lebensgefährten, der schwer erkrankte.

Inklusionspreis für die Wirtschaft 2021

Neben der Goldbrötchen Bäckerei Gerd Jahnsmüller wurden die Deutsche Post DHL Group, Ford-Werke und der DokuService Knoll ausgezeichnet.

Initiiert wurde der Preis von der Bundesagentur für Arbeit, der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, der Charta der Vielfalt sowie dem UnternehmensForum. Schirmherr des Inklusionspreises für die Wirtschaft 2021 ist der Bundesminister für Arbeit und Soziales, Hubertus Heil. Eine unabhängige Experten-Jury aus Wirtschaft, Politik und Behindertenorganisationen kürt die Preisträger.

Das UnternehmensForum hatte den Inklusionspreis erstmalig 2012 ausgelobt, seitdem haben sich schon mehr als 350 Unternehmen aus ganz Deutschland für die Auszeichnung beworben. Die Best Practice-Beispiele sollen andere Arbeitgeber motivieren, die Potenziale von Menschen mit Behinderung zu erkennen.

Mehr zur Debatte um die Werkstätten für Menschen mit Behinderung

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt | 13. Februar 2022 | 08:00 Uhr