Starks - App für Gehörlose im Kino
Bildrechte: Greta und Starks

Interview Aus Liebe zum Film

"Greta" und "Starks" heißen die Apps der gleichnamigen kleinen Firma aus Berlin. Sie ermöglichen Seh- und Hörgeschädigten ganz neue Filmerlebnisse. Wer sind die Macher der App? Wie funktioniert und finanziert sich das Ganze? Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem DOK Leipzig Festival? Und welche Zukunftsvisionen gibt es die Nutzung und Optimierung der Apps? Fragen an Andres Schüpbach von "Greta & Starks".

Starks - App für Gehörlose im Kino
Bildrechte: Greta und Starks

Wer sind die Macher von "Greta und Starks"? Wer gehört zum Team?

Andres Schüpbach von Greta und Starks
Bildrechte: Greta und Starks

Meine Chefin Seneit Debese hatte 2011 die Idee zu de Apps. Sie machte eine Reportage für den MDR über Kidisti Weldemichael, eine blinde junge Frau. Diese sagte ihr, dass sie gerne mit sehenden Freundinnen und Freunden ihre Freizeitgestaltung plant. Nur ins Kino gehe sie nie mit, da sie leider den Filmen nicht folgen kann. Danach hat Frau Debese den Prototypen entwickelt und erste Tests durchgeführt. In dieser Phase kamen auch Herr Vazquez und ich selber zum Team. Heute arbeiten im Team: Seneit Debese (CEO), Andres Schüpbach (Project Manager), Maren Vöge (PR, Kinokommunikation), Jose Vazquez (Entwickler) und Hendrik Piper (Finanzen).


Wie kam es zu den APP-Namen "Greta" und "Starks"?

Wir haben zwei Apps entwickelt und wir wollten, dass diese keinen technischen Namen bekommen, sondern einen emotionalen, der unsere Liebe zu Film ausdrückt. Ein Filmpaar zum Beispiel, eben Greta & Starks. Diese Namen gefielen uns im Brainstorming besonders gut, wir haben uns in sie verliebt!


Wie finanziert sich das Ganze?

Wir bieten mit unserem Service an, dass bestehende Audiodeskriptionen und Untertitel überall, flächendeckend in jedem Kino, OpenAir-Kino, auf DVD, Video-on-Demand und im TV zugänglich sind. Der Produzent, Verleiher oder Rechteinhaber beauftragt uns und bezahlt dafür eine Gebühr. Dafür sind die Apps für die Anwender kostenlos, und der Rechteinhaber gewinnt für seine Filme ein neues Publikum.

"Greta" und "Starks" sind seit 2013 am Markt. Wie viele Filme sind bislang verfügbar? Wie viele werden es bis Ende 2017 sein?

Bislang sind auf den Apps Greta & Starks rund 200 Filme zugänglich. Mit laufender Bekanntheit werden es zunehmend mehr Filme. Die Anzahl der Filme bis Ende 2017 hängt stark vom Engagement der Filmverleiher, der Kinos und der App-Anwender ab. Wir geben unser Bestes und sind zuversichtlich, dass der Aufwärtstrend ungebremst fortgesetzt werden kann. Außerdem sind die Apps seit diesem Jahr auch auf Englisch und Französisch verfügbar. Den ersten französischen Film MA VIE DE COURGETTE haben wir soeben für die französische Schweiz und Frankreich bereitgestellt.

Die Technik ist das eine – aber die Filme müssen von Menschen mit Untertiteln / Audiodeskription versehen werden. Wer macht das?

Dafür gibt es spezialisierte Anbieter, die diese Fassungen produzieren. Es ist eine eigene Kunstform, Filme mit Audiodeskription zu beschreiben. Dafür ist der Blickwinkel von blinden Menschen extrem wichtig, da sich die Wahrnehmung zu sehenden Menschen unterscheidet. Blinde Menschen erkennen anhand der Geräusche oft mehr als sehende Menschen, weil sie geübter darin sind Geräusche zu deuten. In der Regel arbeitet neben dem Redakteur und dem Sprecher eine blinde Person als Berater und Co-Redakteur mit.

Der nächste Schritt bei "Starks" soll eine Datenbrille sein. Was soll die können? Wann wird sie auf den Markt kommen?

Die Datenbrille ermöglicht es, Untertitel im Kino ganz bequem auf der Leinwand zu lesen. Man muss also nicht mehr zwischen Smartphone oder Tablet und Leinwand den Blick wechseln, sondern hat die Untertitel wie gewohnt im Bild. Der Vorteil ist, dass wir mit dieser Technologie sowohl Untertitel für hörgeschädigte Menschen anbieten können, aber auch Untertitel in allen beliebigen Sprachen. So kann dann jeder den Film mit den Untertiteln sehen, die er braucht. Jederzeit und Überall. Natürlich ist unsere Datenbrille optimal auf die Bedürfnisse im Kino und unserer Anwender zugeschnitten. So ist sie kompatibel für Brillen- und Hörgeräteträger, 3D-Brillen und natürlich hat sie keine Kamera, damit Filme im Kino nicht abgefilmt werden können.

Die Apps funktionieren im Kino, vorm Fernseher, bei DVD-Nutzung. Auch bei Start des Films übers Web, z.B. per Mediathek, Netflix oder YouTube?

Unsere Technik erkennt den Filmton. Sie spielt also Audiodeskriptionen und Untertitel überall da ab, wo der Film läuft. Somit funktioniert es also auch bei allen Streaming Diensten, Video on Demand, auf Blueray und DVD. Im Moment muss der Anwender für DVD und TV eine spezielle Fassung in der App aussuchen, da sich diese in der Bildlaufrate vom Kino unterscheiden. Wir forschen hier aber auch schon an einer Lösung, die dem Anwender diesen Schritt abnehmen wird.

Ist der Einsatz Ihrer Apps auch für fremdsprachige Filme denkbar? Bzw. für die Verbreitung deutscher Filme im Ausland?

Auf jeden Fall. Schon jetzt ist es möglich, z.B. die deutschen Untertitel zur Originalversion eines Filmes angezeigt zu bekommen. Wir wollen in Zukunft mit unserer Technik vermehrt alle Untertitel die es weltweit für einen Film gibt sammeln und weltweit anbieten. Das ist sicherlich auch spannend für deutsche Filme im Ausland.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Leipziger DOKFEST?

Wir kennen DOK LEIPZIG Festival natürlich schon lange. Auf der Berlinale 2016 gab es schließlich ein Treffen zwischen Frau Debese und einem Teil des DOK Teams. Es entstand die Idee und aus der Idee wurde ernst und jetzt ist das DOK Leipzig Filmfestival das erste, welches deutsche Untertitel und Untertitel für Hörgeschädigte für so viele Filme und für so ein breites Publikum zur Verfügung stellt. Dies war sicherlich auch nur möglich, da das DOK Leipzig Team unglaublich engagiert und offen für Innovationen ist.

Durch wirklich großen Einsatz hat DOK LEIPZIG Team etwas Großes auf die Beine gestellt und liegt hier im weltweiten Vergleich ganz vorne.

Andres Schüpbach

Sie waren beim Festival vor Ort präsent. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Die Apps wurden sehr rege genutzt und die Feedbacks waren positiv. Einige Leute, die keine Smartphone-Erfahrung haben, waren erst skeptisch, aber dann doch überzeugt als sie sahen, wie einfach es funktioniert. Das DOK LEIPZIG Festival hat ja auch Leihgeräte zur Verfügung gestellt, für alle, die kein eigenes Smartphone besitzen. Aber eine endgültige Analyse gibt es steht noch aus.

Warum wurde beim DOKFEST nur "Starks" angeboten, "Greta" nicht.

In erster Linie ist es ein Versuch, unsere Apps für den sprachlichen Abbau von Barrieren zu benutzen. Es ist das erste Mal, dass der Zugang für deutschsprachige Festivalbesucher über Apps angeboten wird. Es betrifft somit eine große Anzahl von Menschen, die diese Filme sehen wollen. Dazu kommt natürlich, dass die Erstellung von Audiodeskription sehr zeitaufwändig ist. Da die Filme für ein Festival oft sehr spät fertig sind, wäre es ein extremer Aufwand, Filme in so breiter Anzahl anzubieten. Aber wir hoffen, dass das in Zukunft trotzdem möglich sein wird.

Zuletzt aktualisiert: 12. Dezember 2017, 15:08 Uhr