Neues Buch: "Die Frau jenseits der Schleier" Wie die Leipzigerin Karoline Roscher-Lagzouli zur Salafistin wurde

Alles beginnt mit einem Brief an eine Moscheegemeinde: Karoline Roscher-Lagzouli studiert und ist vom Islam fasziniert, sie ist auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, will konvertieren. Ohne es zunächst zu wissen, gerät die atheistisch erzogene, junge Frau in eine salafistisch geprägte Gemeinde. Dort fühlt sie sich geborgen. Sie kleidet sich in lange, fließende Gewänder, "die uns Schwestern zu einer Einheit machen und jede Individualität verschwinden lassen." Was sie zum Salafismus führte – und wieder hinaus, darüber gibt die Leipzigerin jetzt in einem Buch Auskunft: "Die Frau jenseits der Schleier".

In der Vitrine locken orientalische Salate, die Speisekarte überm Tresen ist handgeschrieben. "Habibi Funk" heißt das kleine Café, das Karoline Roscher-Lagzouli mit ihrem Mann im Leipziger Süden betreibt. Die 37-jährige Muslimin hat eine bewegte Vergangenheit. Aufgewachsen ist sie in einem intellektuell und atheistisch geprägten Elternhaus. Mit 21 entdeckte sie während ihres Studiums der Indologie auch den Islam und wurde Muslimin.

Faszination Salafismus: "Auf jede Frage eine klare Antwort"

Warum sie in Köln auch gleich einer strenggläubigen salafistischen Gruppierung beitrat, erklärt sie so: "Bei den Salafis ist das immer sehr klar, sehr einfach. Es gibt auf jede Frage eine klare Antwort, das hat mich schon angezogen." Sie sei damals auf der Suche nach Halt gewesen, nach eindeutigen Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens, erklärt Karoline Roscher-Lagzouli im Rückblick weiter: "Man findet schnell Freundinnen und es ist eine schöne Gemeinschaft. Irgendwann ist man einfach drin und schaut gar nicht mehr nach links und rechts."

Karoline Roscher-Lagzouli war schon damals mit ihrem aus Marokko stammenden Mann verheiratet. Der war als Muslim allerdings wesentlich liberaler eingestellt und wollte mit den Salafisten nichts zu tun haben: "Konvertiten – egal jetzt welcher Religion – wird ja nachgesagt, besonders eifrig zu sein und alles 100-prozentig richtig machen zu wollen. Das kann ich bestätigen."

Stichwort: Salafismus

Der Begriff Salafismus leitet sich aus dem Arabischen von den "frommen Altvorderen" ab, den ersten drei Generationen von Muslimen. Anhänger der "Salafiyya" versuchen, die Lebensweise dieser Vorbilder aus dem 7. Jahrhundert bis in jedes Detail nachzuahmen. Menschliche Gesetze, Demokratie und andere "Neuerungen", zu denen auch andere innerislamische Glaubensrichtungen zählen, werden abgelehnt.

Die Mehrheit der heutigen Salafisten gehört zur puristischen Strömung, sie vertreten die erzkonservativen Lehren des Wahabismus. Als Missionare treten sie für eine Re-Islamisierung der muslimischen Gesellschaft von unten ein. Eine Minderheit bilden trotz ihrer starken Medienpräsenz die Dschihadisten. Diskutiert wird immer wieder über die Gefahr eines politischen Islam in Deutschland.

Konflikt, aber kein Bruch mit den Eltern

Der jungen Konvertitin versprechen die Salafisten einen vermeintlich authentischen Islam: mit Kleidung wie zu Mohammeds Zeiten; auch theologisch berufen sie sich auf die Ursprungszeit des Islam: "Das hat mich schon überzeugt: wenn man den Islam so lebt wie der Prophet und seine Gefährten den Islam gelebt haben, dann musste das ja richtig sein." Konflikte mit ihren bildungsbürgerlichen Eltern waren da vorprogrammiert. Die konnten die Hinwendung ihrer Tochter ausgerecht zu den Ultrafrommen gar nicht verstehen: "Es gab viel Schweigen. Ich habe dann manchmal darauf gedrängt, dass wir drüber sprechen. Das wurde dann als Missionierungsversuch empfunden, und dann habe ich auch wieder aufgehört."

Reaktionäres Frauenbild und autoritärer Umgang mit Kindern

Trotz dieser Gräben ist Karoline Roscher-Lagzouli ihren Eltern dankbar, dass sie immer den Kontakt zu ihr gehalten haben. Mittlerweile hat sie mit den Salafisten gebrochen. Ausschlaggebend waren unter anderem deren reaktionäres Frauenbild und der Umgang mit Kindern: "Also, der Umgangston ist sehr hart und sehr laut, Kinder werden teilweise angeschrien. Ich würde das schon als sehr autoritär bezeichnen, als sehr schwarze Pädagogik."

So erlebte sie es nach ihrem Umzug nach Leipzig in der Al-Rahman-Moschee, deren Imam vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Die Bemerkung eines Gemeindemitglieds gab dann den letzten Anstoß zu ihrem Ausstieg: Man solle als Salafistin kein Blut spenden, da das ja dann auch den Unreinen, den Ungläubigen helfen würde. Daraufhin wandte sich die 37-Jährige von den Ultrafrommen ab. 

Dem Islam immer noch verbunden

Dem Islam blieb sie treu – und zeigt es auch durch ihr Kopftuch: "Es gehört für mich immer noch zum Islam dazu. Es ist schon ein Teil meiner muslimischen Identität, ich fühl' mich da immer noch sehr verbunden."

Dabei musste Karoline Roscher-Lagzouli schon des Öfteren die Erfahrung machen, wegen dieses Stückes Stoff heftig beschimpft zu werden. Auch deshalb hat sie ihr Buch geschrieben:

Mir war es wichtig, eine Brücke zu bauen, diese zwei Welten ein bisschen zu verbinden, auch Verständnis für muslimische Frauen zu wecken. Ich wollte zeigen, dass es eben nicht nur Kopftuch ist, nicht nur Unterdrückung, sondern dass dahinter ein Mensch steht.

Karoline Roscher-Lagzouli

Das Buch "Die Frau jenseits der Schleier" vermittelt einen intensiven Eindruck von einer mutigen Frau, die selbstbewusst ihren Weg geht, auch wenn man als Leser vielleicht nicht jede Wendung dieses Weges nachvollziehen kann. 

Angaben zum Buch Karoline Roscher-Lagzouli:
Die Frau jenseits der Schleier
Mein Weg in den Salafismus und wieder hinaus
Patmos

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. April 2022 | 09:15 Uhr