Rückblick: Die Kirchen und das Jahr 2019 Ein Jahr voller Umbrüche für die Kirchen

Dass katholische Bischöfe nun mit der Basis über die Rolle der Frau und das Zölibat diskutieren, ist eine kleine Sensation. Auch der Papst sorgte für eine. Mit dem Rücktritt von Landesbischof Rentzing machte die evangelisch-lutherische Kirche in Sachsen Schlagzeilen. Der zunehmende Antisemitismus, der im Anschlag auf die Synagoge von Halle gipfelte, beunruhigt EKM-Bischof Friedrich Kramer, der seit 100 Tagen im Amt ist. An die Friedliche Revolution wurde in der Leipziger Nikolaikirche erinnert.

Frank-Walter Steinmeier, Elke Büdenbender, Michael Kretschmer und Annett Hofmann nehmen in der Nikolaikirche am traditionellen Friedensgebet teil.
"Das Erreichte nicht vergessen", Bundespräsident Steinmeier (r) und Sachsens Ministerpräsident Kretschmer beim Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche am 9. Oktober 2019 Bildrechte: dpa

Eine geht, einer kommt: Junkermann-Abschied, Kramer führt EKM

Am 6. Juli wurde Landesbischöfin Ilse Junkermann im Magdeburger Dom verabschiedet. Sie war die erste Bischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Die EKM war 2009 aus der Fusion der Evangelisch-Lutherischen Kirche Thüringen und der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen entstanden. Es hätte die Möglichkeit bestanden, ihre Dienstzeit zu verlängern, aber die Synode der EKM entschied sich für einen Neuanfang und wählte im Mai im dritten Wahlgang Friedrich Kramer zu ihrem Nachfolger.

Kramer war zuvor Direktor der Evangelischen Akademie in Lutherstadt Wittenberg. Am 7. September wurde er in Magdeburg ins Amt eingeführt. Dabei wünschte er sich, Kirche solle in der Gesellschaft sichtbarer werden sowie als jung, attraktiv und innovativ wahrgenommen werden. Einen originellen eigenen Akzent setzte er dafür im Dezember mit seinem "Singenden Adventskalender". Er griff selbst zur Gitarre, stellte bekannte und weniger bekannte Lieder der Adventzeit vor und lud zum Mitsingen ein.

Zur Antisemitismus-Debatte erklärte Kramer, "die Kirche hat einen ganz klaren Auftrag mitzuwirken, dass sich solche Einstellungen nicht weiter ausbreiten, sondern sie einzudämmen und zu verhindern". Gerade mit Blick auf die eigene Kirchengeschichte. Ein Schritt zur Aufarbeitung war 2019 die Einweihung eines Mahnmals und die Eröffnung einer Sonderausstellung zum so genannten "Entjudungsinstitut", das 1939 auf der Wartburg gegründet worden war, mit dem Ziel, alle jüdische Einflüsse aus Lehre und Praxis der evangelischen Kirche zu tilgen und sie so an die nationalsozialistische Ideologie anzupassen. In der Schau wird die Geschichte der evangelischen Kirche im Nationalsozialismus genauer beleuchtet.

Rentzings Rücktritt

Die Synode der evangelisch-lutherischen Kirche in Sachsen wählte den Juristen Hans-Peter Vollbach zum neuen Präsidenten des Landeskirchenamtes und der stand gleich zu Beginn seiner Amtszeit vor einer unerwarteten Herausforderung: Landesbischof Carsten Rentzing erklärte am 11. Oktober seinen Rücktritt. Ein in der Geschichte der sächsischen Landeskirche einmaliges Ereignis.

Im Vorfeld war bekannt geworden, dass Rentzing Mitglied einer schlagenden Landsmannschaft ist. Dann tauchten Artikel aus einer neurechten Zeitschrift auf, die er Anfang der 1990er-Jahre als Student geschrieben hatte.

Landesbischof Carsten Rentzing
Ex-Landesbischof Carsten Rentzing Bildrechte: dpa

Rentzing distanzierte sich von den umstrittenen Texten aus seiner Studentenzeit. Aber die Stimmen, die ihm vorwarfen, er kritisiere rechtsradikale Positionen nicht deutlich genug, wurden mehr und lauter. Seine Rücktrittserklärung kam überraschend, anschließendes schwieg er. Erst nach dem Gottesdienst zu seiner Verabschiedung am 15. November 2019 gab er eine öffentliche Erklärung ab, die aber die unterschiedlichen Haltungen zu seiner Person nicht aussöhnten. Wo der Landesbischof außer Dienst künftig arbeiten wird, steht noch nicht fest.

Aktuell wird nach Persönlichkeiten gesucht, die als Kandidaten für die Nachfolge in Frage kommen. Gewählt wird Ende Februar, Anfang März auf einer Sondersynode.

Bistumsjubiläen: Neustart vor 25 Jahren

Die Wiedervereinigung 1990 machte eine Neuordnung der Bistumsgrenzen nötig: Durch die Mauer waren einige katholische Territorien im Osten von ihren Bistümern im Westen abgetrennt. Sie wurden zu DDR-Zeiten von "apostolischen Administratoren" geleitet. Was als kirchenrechtliches Provisorium gedacht war, erwies sich als Wegweisung: In den Zeiten der Trennung war in Erfurt, Magdeburg und Görlitz ein eigenes Selbstbewusstsein gewachsen und eine einfach Rückkehr zu den alten Bistumsgrenzen schien nicht mehr angemessen. So wurden nach Verhandlungen zwischen den Regierungen der neuen Bundesländer und Rom 1994 das Bistum Magdeburg, das Bistum Erfurt und das Bistum Görlitz gegründet.

2019 wurde nun Jubiläum gefeiert und Rückschau gehalten. Dabei wurde auch klar, dass sich nicht alle Hoffnungen, die mit den Neugründungen verbunden waren, erfüllt haben: Die Mitgliedszahlen gingen trotzdem zurück.

Ein Rettungsschiff fürs Mittelmeer

Katharina Fegebank (l-r, Grüne), Zweite Bürgermeisterin von Hamburg, Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, Leoluca Orlando, Bürgermeister von Palermo, und Katharina Stamm, Schatzmeisterin, skypen während einer Pressekonferenz des neuen Bündnises «United4Rescue - Gemeinsam Retten!» mit Carla Saradeth, Crew-Mitglied auf dem Schiff â€Alan Kurdi.
Katharina Fegebank, Zweite Bürgermeisterin von Hamburg, Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der EKD, Leoluca Orlando, Bürgermeister von Palermo, und Katharina Stamm, Schatzmeisterin, skypen während einer PK zum Bündnis "United4Rescue - Gemeinsam Retten!" mit Carla Saradeth, Crew-Mitglied auf dem Schiff Alan Kurdi. Bildrechte: dpa

Die Idee wurde auf dem Evangelischen Kirchentag in Dortmund geboren und auf der EKD-Synode in Dresden Anfang November nach kontroversen Diskussionen konkretisiert: Die EKD will ein zusätzliches Schiff zur Rettung von Ertrinkenden ins Mittelmeer senden und gründete mit anderen engagierten Gruppen und Institutionen einen Verein. Der soll um Spenden werben und schnellstmöglich ein Schiff für diese Aufgabe ausrüsten. Die EKD will das Schiff nicht selbst betreiben, sondern hat sich mit einer zivilen Seenotrettungsorganisation (Sea Watch) zusammengetan.  

Es habe, so der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm, zwar einige böse Briefe und Kirchenaustritte gegeben, aber ebenso viel Zuspruch und Wiedereintritte. Auslaufen soll das EKD-Schiff möglichst bald, idealerweise schon im Frühjahr.

Feuer in Notre Dame

Christen in ganz Europa waren entsetzt, als am 15. April ein Feuer Notre Dame in Paris ausbrach und schwer zerstörte. Die Vereinigten Domstifter zu Merseburg und Naumburg und des Kollegiatstifts Zeitz bekundeten ihre Solidarität am Tag darauf mit einem zehnminütigem Glockengeläut von Naumburger und Merseburger Dom. Zudem riefen sie zu Spenden auf und boten auch praktische Unterstützung an. Im Hinblick auf den Naumburger und Merseburger Dom teilte das Gremium mit, dass es spezielle Sicherheitskonzepte für den Fall eines Feuers gebe.

Missbrauchsproblem auch in der evangelischen Kirche

Lange hatte man unterschätzt, welche Rolle sexueller Missbrauch auch in der evangelischen Kirche spielte. Schließlich kennen die Protestanten weder einen Zölibat noch strenge hierarchische Strukturen. Aber auch hier gibt es Abhängigkeitsverhältnisse und Wegschauen.

Kirsten Fehrs (l), Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck der Nordkirche, und Kerstin Claus, Mitglied im Betroffenenrat, sprechen während einer Pressekonferenz.
Kirsten Fehrs (l), Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck der Nordkirche, und Kerstin Claus, Mitglied im Betroffenenrat Bildrechte: dpa

Vor der Synode in Dresden redete nun erstmals eine Betroffene direkt zu den Synodalen. Kerstin Claus, Journalistin von Beruf und Mitglied im Betroffenenrat, erzählte, was ihr als Konfirmandin angetan wurde, und wie wenig Folgen es für den Täter gehabt habe. Ihre mutige Rede zeigte Wirkung: Die EKD richtet einen Betroffenenbeirat ein und alle Landeskirchen sollen künftig Missbrauchsopfer in gleicher Weise helfen und materiell unterstützen. Allerdings lehnte die EKD Entschädigungszahlungen, wie die katholische Kirche sie diskutiert, ab. Noch, denn die Diskussion darüber wird weitergehen.

Synodaler Weg - Franziskus hebt "Päpstliches Geheimnis" auf

Am 1. Dezember wurden in zahlreichen Kathedralkirchen in Deutschland Kerzen für den Beginn des Synodalen Weges entzündet. Dass katholische Bischöfe nun gemeinsam mit Laien auf Augenhöhe über Machstrukturen, die Rolle der Frau und das Zölibat diskutieren wollen, ist eine kleine Sensation und löste im Vorfeld Nachfragen aus dem Vatikan aus. Im Juni traf ein Brief des Papstes ein, der die deutsche Kirche in Gefahr sah, sich dem Zeitgeist anzupassen und sich von der Weltkirche zu trennen. Form und Vorgehensweise des synodalen Weges tragen der Kritik Rechnung: Radikale Mehrheitsbeschlüsse, die verbindlich sind, wird es nicht geben. Dennoch ist dieser Reformprozess ein Projekt, mit dem viele Hoffnungen verbunden sind. Die erste Vollversammlung wird Ende Januar in Frankfurt/Main stattfinden.

Lisa Kötter, Mitinitiatorin vom Kirchenstreik «Maria 2.0», aufgenommen anlässlich eines Gottesdienstes unter freiem Himmel 4 min
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Eine Synode bezeichnet die Versammlung von Geistlichen und Laien, sie soll beratend wirken und steht für eine neue Form außerhalb der üblichen Strukturen. Initiiert wurde der Synodale Weg von der Bischofskonferenz und dem Zentralkomitee der Deutschen Katholiken. Zwei Jahre lang wollen die deutschen Bischöfe und 200 Frauen und Männer aus den Gemeinden beraten, wie sich die katholische Kirche ändern müsse, um aus der Glaubwürdigkeitskrise herauszukommen. Ein Ziel ist es, nach dem Missbrauchsskandal verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen.

Befördert werden könnte die Aufarbeitung von einer "epochalen" Entscheidung, die Franziskus am 18. Dezember mit der Aufhebung des "Päpstlichen Geheimnisses" publik machte. Damit schafft er die bisher geltende strengste Verschwiegenheitspflicht bei kirchlichen Strafrechtsverfahren wegen Sexualdelikten ab. Die Rechte der Betroffenen und auch von Zeugen würden so gestärkt, erklärte die Erfurter Kirchenrechtlerin Myriam Wijlens, die auch Mitglied der Päpstlichen Kinderschutzkommission ist. Auch wird die Zusammenarbeit zwischen der kirchlichen und der weltlichen Justiz erleichtert. Das Beichtgeheimnis bleibt weiterhin streng geschützt.

Anschlag von Halle, Grundsteinlegung für neue Synagoge in Dessau

Ein Ort zum Beten, Feiern, und zum Lernen soll es werden: Die neue Synaoge in Dessau. 81 Jahre nach der Zerstörung des jüdischen Gotteshauses an gleicher Stelle wurde der Grundstein für eine neue Synagoge gelegt. Ende 2020 soll der Bau in der Askanischen Straße fertiggestellt sein. Laut Statistischem Jahrbuch gibt es in Deutschland 101 Synagogen und 31 Betsäle. Vor 1933 gab es mehr als 3.000. Auch in Magdeburg rückt ein Neubau näher. Zeichen der Hoffnung in Zeiten des zunehmenden Antisemitismus, der zuletzt im Anschlag auf die Synagoge von Halle am 9. Oktober 2019 gipfelte.

Friedensgebet aus der Leipziger Nikolaikirche

Am selben Tag erinnerte die Stadt Leipzig mit einem besonderen Gottesdienst an die Friedliche Revolution vor 30 Jahren. Es bleibe "ein Grund zu großer und tiefer Freude, dass die Diktatur der SED und ihre auf Lüge und Angst gegründete Macht durch Bürgermut" zum Einsturz gebracht worden sei, sagte Nikolaikirchen-Pfarrer Bernhard Stief beim Friedensgebet. Mit Blick auf die Geschehnisse im benachbarten Halle, wo von dem Attentäter an Jom Kippur als höchstem jüdischen Feier- und Versöhnungstag zwei Menschen erschossen worden waren, erklärte Stief, die Gemeinde sei in Gedanken bei den Angehörigen.

In seiner Predigt rief Superintendent Martin Henker dazu auf, das 1989 Erreichte nicht zu vergessen:

Wenn Rassisten, Antisemiten und Wahrheitsverdreher sich rühmen, wie groß ihre Akzeptanz inzwischen geworden sei, dann hilft auch Erinnerung. Angst und Lügen und Hass werden nicht das letzte Wort haben.

Superintendent Martin Henker In Erinnerung an den Herbst '89
Ankunft des neuen, feierlich geschmückten Geläuts auf dem Nikolaikirchhof nach einem Umzug über den Leipziger Ring 45 min
Ankunft des neuen, feierlich geschmückten Geläuts auf dem Nikolaikirchhof nach einem Umzug über den Leipziger Ring Bildrechte: MDR/Schulz/Wendelmann Film

Während des Gottesdienstes, an dem auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier teilnahm, wurde auch das sanierte Geläut der Nikolaikirche in Dienst genommen. Ausgehend von mehreren evangelischen Kirchen waren in Leipzig am 9. Oktober 1989 rund 70.000 Menschen auf die Straße gegangen, dass diese Demonstration friedlich blieb gilt als "Wunder von Leipzig" und als Wendepunkt der Ereignisse im Herbst '89.

Gemeinsamer Religionsunterricht

Die evangelische und die katholische Kirche in Sachsen haben 2019 beschlossen, beim Religionsunterricht künftig zusammen zu arbeiten: Ab 2020 soll an einigen Schulen der Religionsunterricht nicht mehr getrennt sondern "konfessionell-kooperativ" erteilt werden. Ein kleiner Schritt, der auch aus der Not heraus geboren wurde: In manchen Regionen sei es schwer, genügend Schüler einer Konfession in sinnvollen Altersgruppen zu finden. Die Zusammenarbeit macht es möglich, dass künftig mehr Schüler Religionsunterricht bekommen können. Religion ist an sächsischen Schulen seit 25 Jahren ordentliches Lehrfach.

Susanne Sturm, Redaktionsleiterin MDR Religion und Gesellschaft, Katrin Schlenstedt

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Die Geschichte der "Deutschen Christen" gehört bis heute zu den wenig bekannten Kapiteln der protestantischen Kirche in der NS-Zeit. Ihren Ursprung nahm diese Strömung im Wieratal bei Altenburg. Von Wolfram Nagel.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. Dezember 2019 | 09:15 Uhr