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Blick in die Lange Straße, die ehemalige Touristenmeile in Grimma aufgenommen zwei Tage nach der Flut-Katastrophe am 15. August 2002 Bildrechte: dpa

Hochwasser der Mulde 2002Die Spuren der Flutkatastrophe bei den Einwohnern von Grimma

Stand: 08. August 2022, 14:48 Uhr

Vor 20 Jahren wurde Grimma zum Symbol für die Zerstörungen durch die Flut: Die historische Altstadt versank in den braunen Fluten der Mulde, doch das wahre Ausmaß der Schäden wurde erst deutlich, als das Wasser wieder zurückging: überall aufgerissene Straßen und zerstörte Häuser. Und so war und ist es auch für viele Bürgern aus Grimma. Für sie ist die Flut noch heute sehr lebendig. Andreas Roth mit einer Spurensuche in der Stadt an der Mulde.

Auf Fotografien der in Grimma lebenden Künstlerin Barbara Dietel ist zu sehen, was ihr im August 2002 von Galerie und Atelier blieb: Ihre Keramikplastiken sind verschlammt und zerbrochen. Ihre Bilder türmen sich zu einem graubraunen Müllhaufen auf. Auf ihm steht Barbara Dietel mit einer Schaufel in der Hand und versucht sogar zu lächeln.

"Es hat mich erstaunlicherweise nicht so sehr getroffen. Es sind materielle Dinge, habe ich geglaubt. Meine Werke - grob geschätzt sind mindestens 60.000 Euro verlustig gegangen - sind nie ausgeglichen worden. Das war schon schmerzlich“, erzählt die Künstlerin.

Einsatzkräfte der Feuerwehr suchen nach Bewohnern in den Häusern Bildrechte: dpa

Die Flutkatastrophe lässt Barbara Dietel bis heute nicht los. Ihr neues Atelier steht auf einer Anhöhe in Grimma, fernab der Mulde. Sie hat sich quasi heraufgearbeitet. Und sie ist dankbar für all die Hilfe nach der Flut. Dennoch bleiben die Enttäuschungen von nicht eingelöste Versprechen aus der Politik und von dem Alleingelassen werden einer freiberuflichen Künstlerin mit einem Totalschaden. Auf das Wasser aber, sagt Barbara Dietel, sei sie nicht wütend.

Ich liebe Wasser, denn Wasser ist unser Lebenselixier. Aber wir müssen lernen, dass wir ein Teil von der Natur sind und damit wirklich anders leben. Uns fehlt eine gewisse Demut der Natur gegenüber.

Barbara Dietel

Viel Unterstützung erfahren

Pfarrer Torsten Merkel in der Frauenkirche von Grimma Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Pfarrer Torsten Merkel steht am Baderplan, in der Mühlenstraße, Grimmas tiefsten Punkt. Dort bekommt man bei jeder Flut zuerst nasse Füße. Auch vor 20 Jahren kam im Pfarrhaus das Hochwasser zeitig an. Bis heute ist es nicht aus dem Gedächtnis der Grimmaer verschwunden, weiß der evangelische Pfarrer der Frauenkirche.

"Die Spuren sind noch spürbar - aber sie können ganz gut damit leben. Was mich immer wieder überrascht ist, wie widerstandsfähig die Menschen sind. Ich denke, das kommt auch aus der Unterstützung, die sie erfahren haben“, glaubt der Pfarrer.

Wenn das Erlebte auf der Seele lastet

Marina Göthner geht durch ihren Garten. Die alte Stadtmauer ist ihr Gartenzaun, hinter ihr ragt jetzt die neue Flutschutzmauer auf - und direkt dahinter fließt ruhig die Mulde. Durch die neue Schutzmauer fühlt sie sich nun sicherer.

Ganz anders als am 13. August 2002. Damals ist Marina Göthner in der gefluteten Frauenkirche zwölf Stunden lang eingeschlossen und kümmert sich dort mit anderen um rund sechzig Schutzsuchende. Was sie bei der Rettung erlebt, lässt sie bis heute nicht los.

"Wir haben gesagt: Ins erste Boot kommen Frauen und Kinder – das war eigentlich ganz, ganz gefährlich, denn es war so eine Strömung, wenn da jemand rausgekippt wäre. Das hat mich lange beschäftigt: Wenn da was passiert wäre, hätte ich das mein Leben nicht mehr losgekriegt", erinnert sich die Grimmaerin.

Auch in den Wochen nach der Flut versucht Marina Göthner im Helferzentrum der Kirche für andere da zu sein und merkt erst später, wie sehr all das Erlebte auf ihrer eigenen Seele lastet. Sie spürt es an der inneren Leere, als 2013 erneut eine Flut Grimma heimsucht. Und sie muss auch daran denken, als sie die Hochwasserbilder aus dem Ahrtal im letzten Jahr sieht.

Die Grimmaer seien sehr viel sensibler geworden. Wenn es in Grimma mal lange regnet, gebe es eine Art Völkerwanderung an die Mulde, so Göthner.

Die Grimmaer beobachten die Pegelstände der Mulde sehr, sehr genau. Das geht mir auch so. Das ist schon mit Angst besetzt.

In ihrem Garten sieht Marina Göthner täglich die hohe Kante der neuen Flutschutzmauer. Auf einen Test, ob die wirklich hält, würde sie gern verzichten.

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | Religion & Gesellschaft | 08. August 2022 | 18:05 Uhr