Inklusion Jenseits der Werkstatt: Jenaer Verein findet Jobs für junge Menschen mit Behinderung

Obwohl Personal überall gesucht wird, nutzen nur die Hälfte der Thüringer Unternehmen die Chance, Menschen mit Behinderung zu beschäftigen. Warum eigentlich? Und was lässt sich dagegen tun? Das Jenaer Zentrum für selbstbestimmtes Leben arbeitet nach dem Prinzip: "Erst platzieren, dann qualifizieren" und zeigt, dass es kreative Lösungen zur beruflichen Inklusion jenseits der Werkstätten gibt. Laut JZsL-Leiterin Barbara Vieweg stehen nicht die Schwächen oder die Diagnose eines Menschen im Mittelpunkt, sondern was er kann und gerne möchte.

Das Jenaer Zentrum für selbstbestimmtes Leben (JZsL) will gleichberechtigte Teilhabe auch im Arbeitsleben. So hat sich der Verein darauf spezialisiert, Menschen mit Einschränkungen bei der Suche nach einem Job auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu unterstützen. Beispielsweise Michael Linek. Der 33jährige hat eine Lernbeeinträchtigung und ist inzwischen tätig als Lagerhelfer bei einem großen Versandhändler für Büromaterial.

Jenaer Zentrum für selbstbestimmtes Leben (JZsL)

Das Jenaer Zentrum ist den Zielen der "Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben"  (ISL) verpflichtet. Die Dachorganisation gründeten behinderte Frauen und Männer 1990. Als Ziel wurde die absolute Chancengleichheit formuliert. Die Inklusion von Menschen mit Behinderung verstehen die ISL-Mitstreitenden als ein Menschenrechtsthema. Das Jenaer Zentrum für selbstbestimmtes Leben leistet folgendes:

  • Beratung zu Fragen der beruflichen Teilhabe und schulischen Inklusion
  • Beratung von Arbeitgebern und Firmen, die Menschen mit Behinderung beschäftigen wollen
  • Unterstützung beim Übergang aus der Werkstatt für behinderte Menschen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt
  • Organisation einer Unterstützten Beschäftigung – im Auftrag der Agentur für Arbeit bei der Eingliederung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt.
  • Leistungen im Rahmen der Unterstützten Beschäftigung auch über das Persönliche Budget beantragt werden.

Was heißt Unterstützte Beschäftigung?

Engagiert für Inklusion in Jena
Michael Linke beim Aufräumen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nach dem Hauptschulabschluss hatte Michael Linek zunächst eine Lehre im Verkauf gemacht, aber lange keine Arbeit gefunden. Dann bekam er vom Arbeitsamt eine so genannte Unterstützte Beschäftigung bewilligt und so die Hilfe, die er brauchte. Finanziert wird sie von der Agentur für Arbeit, um die Vermittlung gekümmert hat sich das Jenaer Zentrum für selbstbestimmtes Leben. Sozialpädagogin Katrin Maier-Rehm nahm Michael Linek von der Bewerbung bis zum Arbeitsvertrag "an die Hand" und erklärt das Vorgehen so: "Wir gucken ganz genau, wer braucht was: Ist es Job-Coaching am Arbeitsplatz, Integration im Team oder müssen wir die Belastbarkeit schrittweise trainieren."

Wir gucken ganz genau, wer braucht was. Das ist ganz individuell und das, finde ich, ist das Entscheidende in der Maßnahme.

Katrin Maier-Rehm, Sozialpädagogin Jenaer Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen e.V.

Im Vordergrund stand dabei nicht die Frage nach den Schwächen oder der Diagnose, sondern was Michael Linek machen will und sich zutraut: Und der wollte was Handfestes mit Körpereinsatz, aber auch im Team mit anderen Menschen und nicht ausgesondert werden.

Kurz erklärt: Unterstützte Beschäftigung vermittelt vom JZsL

  • Die Unterstützte Beschäftigung richtet sich an behinderte Menschen, die nicht in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung sondern auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten wollen und können und dazu Unterstützung benötigen.
  • Das JZsL hilft bei der Suche, der Vermittlung bis zum Abschluss eines Arbeitsvertrages und startet auch einen weiteren Versuch, sollte es beim ersten Mal nicht klappen.
  • Die meisten Teilnehmenden beim JZsL sind derzeit junge Erwachsene mit Lernbehinderung, geistiger oder psychischer, manchmal auch mit einer Körper- oder Sinnesbehinderung.
  • Alle Teilnehmenden treffen sich einmal die Woche, um sich über Probleme austauschen und sie gemeinsam lösen zu können.
  • Ziel ist eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt.
  • Das JZsL vermittelte Jobs nach eigenen Angaben bislang in ganz verschiedenen Bereichen: KFZ, Umzugsdienstleistungen, Lagerarbeit, Pflege, Informations- oder Haustechnik, Handwerk, Bäckerei, Küche, Büro, Service und Reinigung, Tierpflege

JZsL: "Erst platzieren, dann qualifizieren"

Engagiert für Inklusion in Jena
Personalverantwortliche Dana Wiskandt-Wieser Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Helfer-Jobs entstehen, weil Abteilungsleiter und Personalverantwortliche wie Dana Wiskandt-Wieser von der Böttcher AG genauer hinschauen: Welche Handgriffe kann man aus den Stellen der Fachkräfte auslagern? Für wen können die so entstandenen Tätigkeiten passen? Für ihre Firma heißt das: "Generell beginnen die Teilnehmer im Wareneingang, das heißt, mit einfachen Arbeiten, wie: Ware auspacken und vereinzeln. Dann besteht die Option zu sagen: Wir probieren mal den Einsatz in der Entsorgung oder im Warenausgang, wo wir jetzt schon Mitarbeiter tätig haben, die auch übers Jenaer Zentrum für selbstbestimmtes Leben zu uns gekommen sind."

Engagiert für Inklusion in Jena
Das Jenaer Zentrum für selbstbestimmtes Leben wird von Barbara Vieweg geleitet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein Selbstläufer ist die Unterstützte Beschäftigung nicht. Zwei Jahre lang besteht die Förderung, am Ende soll ein Arbeitsvertrag zustande kommen. Damit das gelingt, braucht es den ständigen Kontakt aller Beteiligten miteinander. Am wichtigsten sei die klare und offene Kommunikation, so Dana Wiskandt-Wieser: "In dieser Zeit ist es wichtig, dass die Leute erlernen, selbstständig zu arbeiten. Das loten wir mit Unterstützung des JZsL aus: Was können sie, in welchen Bereichen können wir sie einsetzen." Das Motto des JZsL lautet: "Erst platzieren, dann qualifizieren".

Erster Arbeitsmarkt
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Vorstand Frasiak: "Möglichkeit, Mitarbeiter an Bord zu holen"

Engagiert für Inklusion in Jena
Vorstand Danilo Frasiak sieht Inklusion auch als Chance für seinen Betrieb. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bei der Böttcher AG haben derzeit 17 Menschen mit Beeinträchtigungen einen Arbeitsvertrag. Obwohl Personal überall gesucht wird nutzen nur die Hälfte der Thüringer Unternehmen die Chance, Menschen mit Behinderung zu beschäftigen. Vorstand Danilo Frasiak nimmt in Kauf, dass es Organisationsaufwand bedeutet und Kreativität erfordert, auf die Bedürfnisse von Mitarbeitenden mit Behinderung einzugehen: "Der Gewinn ist: Wir haben eine größere Möglichkeit, Mitarbeiter an Bord zu holen, so dass wir unsere Aufgaben gut erledigen können."

Das Jenaer Zentrum für selbstbestimmtes Leben wird von Barbara Vieweg geleitet. Sie sagt, Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber zu finden, sei überraschender Weise gar nicht so schwer, wenn sie gezielt angesprochen würden und sich unterstützt fühlten. Die Herausforderungen, die durch gesundheitliche Probleme oder Ausfall entstehen können, verschweigt sie nicht. Dennoch betont sie, dass es für das JZsL erstmal kein Ausschlusskriterium gebe. Vermittelt würden Menschen mit einer Lerneinschränkung genauso wie mit psychischen Problemen oder chronischen Krankheiten: "Die Behinderung ist gar nicht so im Mittelpunkt, es geht erstmal immer darum, was derjenige kann und gerne möchte." Ziel sei am Ende eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Den Werkstätten fehle es da weiterhin an Durchlässigkeit. Als Einrichtung der beruflichen Rehabilitation gilt dort kein Mindestlohn.

Stichwort: Werkstätten für Menschen mit Behinderungen

Die ersten Werkstätten für Menschen mit Behinderungen wurden in den 1960er-Jahren gegründet. Seitdem hat sich das Verständnis von Inklusion weiterentwickelt. Kritikerinnen sehen in den WfbM ein Hindernis für Inklusion und verweisen darauf, dass das Werkstätten-System der 2009 auch von Deutschland ratifizierten UN-Behindertenrechtskonvention entgegensteht. So soll nach Artikel 27 jeder die Möglichkeit haben, den Lebensunterhalt durch eine Arbeit zu verdienen, "die frei gewählt oder frei angenommen wird". Die Initiative Jobinklusive stellt dazu fest: "Menschen mit Behinderungen wird der Weg aus der Schule – oder einer Berufsunfähigkeit – in die Behindertenwerkstatt oft alternativlos vorgegeben."

Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) sind kein herkömmlicher Betrieb, sondern eine rehabilitative Leistung zur Teilhabe am Arbeitsleben. So gilt dort auch kein Mindestlohn, sondern ein Entgelt von im Durchschnitt ca. 1,35 Euro die Stunde. Die Beschäftigten können ihre Lebensunterhalt nicht selbst bestreiten, sie erhalten neben dem Entgelt Leistungen der Grundsicherung oder eine Rente wegen voller Erwerbsminderung. Außerdem werden ihre Renten- und Krankenkassen-Beiträge bezahlt.

Laut Jobinklusive waren
2020 mehr als 300.000 Menschen in Werkstätten beschäftigt. Demnach haben 75,5 Prozent eine sogenannte geistige Behinderung, 20,97 Prozent eine psychischen Behinderung und 3,48 Prozent eine körperliche Behinderung. Entgegen der UN-Empfehlung von 2015, die Werkstätten in der Bundesrepublik schrittweise abzuschaffen, steige die Zahl der Werkstätten, so Jobinklusive: "Im Jahr 2018 gab es 736 Behindertenwerkstätten in Deutschland, mit insgesamt 2.884 Standorten. 2002 waren es noch 668 Werkstätten." Verwiesen wird auf ein neues Phänomen: "In den letzten Jahren steigt der Anteil von Beschäftigten, die eine psychische Behinderung haben und oft vom allgemeinen Arbeitsmarkt kommen." Laut Jobinklusive bezahlt der Staat für einen Werkstattplatz im Durchschnitt 16.592 Euro pro beschäftigter Person.

Engagiert für Inklusion in Jena
Engagiert für Inklusion in Jena Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Michael Linek arbeitet nun 40 Stunden in zwei Schichten und bekommt so viel Lohn, dass er keine Sozialleistungen mehr braucht und selbstbestimmt leben kann:

"Ich bin schon stolz drauf, hier jeden Tag was zu machen mit Kollegen, da bin ich glücklich."

Inklusion in Jena: Best Practice?

Engagiert für Inklusion in Jena
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das JZsL ist der einzige Verein im Osten, der sich nach der Wende der "Selbstbestimmt Leben"-Initiative (ISL) gründete. Das macht Jena aus Sicht von Barbara Vieweg besonders. Ein glücklicher Umstand war es, dass die Partnerstadt Erlangen eins der ältesten Zentren für selbstbestimmtes Leben in Deutschland hat. Das inspirierte und verschaffte Knowhow.

Eine Auge auf die Inklusion in der Stadt hat auch Marcus Barth, der betont, dass er sich als Beauftragter für Menschen mit Behinderung hauptamtlich um deren Belange kümmern darf. Das sei einmalig in Thüringen, habe in Jena aber eine gewisse Tradition: "Man kann Geld immer nur einmal ausgeben. Und es ist eine politische Entscheidung, ob man es auch für behinderte Menschen ausgibt, ob man Geld ausgibt für barrierefreie Wohnungen oder ob man den Nahverkehr barrierefrei ausbaut." Interessanterweise gab es in Jena Barth zufolge schon vor der Wende erste Ansätze, nämlich für barrierefreie Plattenbauten. "Das gab es nur in Jena."

Wenn er sich was wünschen dürfte? "Also, um es kurz zu machen: Ich würde mir wünschen, dass Barrierefreiheit den gleichen Status bekommt wie der Brandschutz. Dann bräuchte man nicht mehr zu diskutieren, ob die Steine auf dem Fußweg richtig verlegt hat oder ob irgendwo wieder ein Aufzug fehlt."

Mehr zur Werkstätten-Debatte

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt - Das Magazin | 08. Mai 2022 | 08:00 Uhr