500. Todestag Wie sich der Katholik und Humanist Johannes Reuchlin dem Judenhass entgegenstellte

Vor fast genau 500 Jahren, am 30. Juni 1522 starb Johannes Reuchlin, der als erster Humanist Deutschlands gilt. Aufsehen erregte er, als er sich Anfang des 16. Jahrhunderts öffentlich gegen den Judenhass stellte. Reuchlins Werk ist auch 500 Jahre nach seinem Tod noch immer aktuell. Michael Hollenbach berichtet.

Er war Staatsmann und Jurist, wurde vom Kaiser geadelt und verstand sich als Förderer der hebräischen Sprache. Doktor Johannes Reuchlin - ein Großonkel des Luther-Weggefährten Philipp Melanchthon - geriet mitten in einen Streit um die Forderung nach Verbrennung aller jüdischen Schriften. Reuchlin, der zu den wenigen im Lande gehörte, die Hebräisch konnten, wandte sich entschieden gegen diese Forderung.

Verbrennt nicht, was ihr nicht kennt! Die Bücher der Juden enthalten die Lehre ihres Glaubens. Damit beleidigen sie keinen anderen Menschen. In ihrem Glauben sind sie, genau wie die Christen, allein Gott verantwortlich.

Johannes Reuchlin

Zu den jüdischen Schriften gehören auch die Schriften, die Christen als das Alte Testament bezeichnen. Die konnte man schlecht konfiszieren oder beseitigen. So sind Christen zutiefst mit dem Judentum verbunden, erklärt Volker Leppin, Theologe an der US-amerikanischen Yale-University. 

Reuchlin verteidigte in seinem Buch "Augenspiegel“ die jüdischen Schriften. Mehr als zehn Jahre stritt er mit dem zum Christentum konvertierten Juden Joseph Pfefferkorn, mit Kölner Dominikanern, mit dem Kaiser und dem Papst gegen das Verbot und die Verbrennung der jüdischen Bücher. Mit Erfolg - die Schriften wurden nicht verbrannt.

Für Toleranz unter den Religionen

Zugleich verurteilte Papst Leo X. Reuchlins "Augenspiegel" als 'skandalös'; ein Buch, das – so der Papst – "die frommen Ohren der Christen verletzten und die unfrommen Juden begünstigen" würde. Dabei war Reuchlin nicht unbedingt ein Freund der Juden. Auch er sah - und da war Reuchlin ganz Kind seiner Zeit – die Schuld an der Kreuzigung Jesu bei den Juden. Ihm ging es um etwas Anderes.

"Für ihn ist das Christentum die Wahrheit. Er rückt kein Stück von dem Wahrheitsanspruch des Christentums ab. Gerade das ist das Großartige: Ich kann eine bestimmte Überzeugung haben, aber ich muss bitte damit leben, dass andere eine andere Überzeugung haben. Nur so funktioniert tatsächlich das Miteinander", so Volker Leppin.

Papst Leo X. (1475-1521)
Papst Leo X. (1475-1521) verurteilte Reuchlins Streitschrift als skandalös Bildrechte: IMAGO / United Archives International

Kein Anhänger der Reformation

Johannes Reuchlin war knapp 30 Jahre älter als Martin Luther. Der Humanist lieferte Luther mit seinen Grundlagen des Hebräischen das Handwerkzeug für dessen spätere Bibelübersetzung, denn Luther konnte nicht so gut hebräisch. Überschwänglich schrieb er:

Reuchlin ist ein Werkzeug des göttlichen Ratschlusses. Ich trage seine Bücher im Herzen.

Martin Luther

Reuchlin kannte Luthers reformatorische Thesen, blieb aber beim alten Glauben, so der Göttinger Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann. 

"Er war ein frommer Anhänger der römischen Kirche, auch der Idee, dass man durch sittliche Anstrengung einen Beitrag zum Heil leiste. Die Radikalität der reformatorischen Rechtfertigungslehre, die alles von der Gnade Gottes abhängig macht, die war ihm suspekt."

Reuchlin: "Zurück zu den Quellen"

Reuchlin ist auch 500 Jahre nach seinem Tod noch immer aktuell. Die Religionswissenschaftlerin Melike Helimergin bietet in Reuchlins Geburtsstadt Pforzheim Stadtführungen – auch in türkischer Sprache - auf den Spuren des Humanisten an.

Pforzheim hat die zweithöchste Migrationsrate in Deutschland und ist daher besonders multikulturell. Die Stadt passe wunderbar zu Reuchlin, so die Wissenschaftlerin.

Da war einer wie Reuchlin und hat gesagt: Geht an die Quellen, macht euch ein eigenes Bild davon. Für mich ist es eine Grundidee eines jeden Glaubens: Lies, eigne dir Wissen an, um dir dann eine eigene Interpretation zu erlauben.

Religionswissenschaftlerin Melike Helimergin

Älteste hebräische Torarolle
Zurück zu den Quellen: Die alten Schriften im Original lesen Bildrechte: IMAGO / Milestone Media

Für den Theologieprofessor Volker Leppin ist Reuchlin jemand, der nicht nur damals "Denkbewegungen entwickelte, die ein Miteinander ermöglichten". Gerade in der heutigen Zeit, in der wir scharfe innergesellschaftliche Auseinandersetzungen erleben, ist die Auseinandersetzung mit dem Werk eines solchen Denkers ein Geschenk.

Am Ende seines Lebens hatte Johannes Reuchlin drei Ketzerprozesse überstanden und halb Europa in Aufruhr versetzt. Ohne es zu wollen, zettelte der Hebraist eine europaweite Debatte an, die viele erreichte und bewegte.

Seiner Bedeutung war er sich schon damals sehr bewusst. Auf seinen Grabstein ließ er eingravieren: "Ihr werdet euch an mich erinnern."

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Religion und Gesellschaft | 19. Juni 2022 | 09:05 Uhr

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