Pilotprojekt in Sachen Macht jüdischer Religionsunterricht Schule?

Seit einem Jahr können Kinder in Sachsen am Schulfach jüdische Religionslehre teilnehmen. An jeweils einer Schule in Chemnitz, Dresden und Leipzig startete das Pilotprojekt. In diesem Schuljahr wird das Angebot auf die fünften und sechsten Klassen erweitert. 2024 soll dann das erste Schuljahr sein, in dem Schülerinnen und Schüler ihr Abitur in jüdischer Religion machen können. Auch in Thüringen und Sachsen-Anhalt soll jüdische Religion zu einem ordentlichen Schulfach werden.

Ruth Röcher vermittelt jüdische Kultur
Ruth Röcher beim Unterrichten Bildrechte: dpa

Ruth Röcher ist die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Chemnitz. Seit über 25 Jahre hat sie für die Gleichstellung an Schulen gekämpft. Seit letztem Jahr ist jüdischer Religionsunterricht in Sachsen wieder ein Pflichtfach. Wohlgemerkt: zum ersten Mal seit 1933. Drei Grundschulen waren Teil des Pilotprojekts – in Dresden, Chemnitz und Leipzig. Und Ruth Röcher ist die Lehrerin, die an allen drei Schulen unterrichtete. Ihre Bilanz nach einem Jahr? Es gibt viel aufzuholen.

Der Kenntnisstand ist erschreckend. Ich hatte noch nie Schüler gehabt - und das sind ja jüdische Kinder - die nicht mal das Wort Schabbat kannten. Wo ich auf einem sehr einfachen Level anfangen musste, Schabbat zu erklären. In Sachsen haben wir sehr wenige Familien, bei denen das Judentum zu Hause praktiziert wird und wenn das fehlt - woher soll es dann kommen?

Ruth Röcher, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Chemnitz

Gewinn für alle Schüler

Ein Davidstern wird mit Kreide an eine Schultafel gemalt. 5 min
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MDR KULTUR - Das Radio So 30.08.2020 09:15Uhr 04:39 min

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Die wöchentliche Doppelstunde in den Schulen ist für Ruth Röcher ein enormer Gewinn. Bis vor einem Jahr wurden jüdische Kinder in Sachsen noch ausschließlich in den Gemeinden unterrichtet. Für sie ging es abends dann nicht zum Fußballtraining oder Musikunterricht – sondern zur Religionslehre. Als Schulfach findet der Unterricht nun während der Schulzeit statt und die Schüler bekommen Noten für ihre Leistung. Der jüdische Religionsunterricht ist nun endlich gleichgestellt mit dem christlichen.

Im Nachbarland Thüringen zeigt sich, dass jüdischer Religionsunterricht auch spannend für nicht-jüdische Jugendliche sein kann hat. Alexander Nachama, Rabbiner der jüdischen Gemeinde Erfurt, weiß davon zu berichten.

Alexander Nachama
Alexander Nachama Bildrechte: MDR/Wolfram Nagel

Wir sind im letzten Schuljahr bei 20 Jugendlichen gewesen. Das sind aber vor allem Schüler, die aus Interesse am Unterricht teilnahmen. Also nicht unbedingt, weil sie selbst jüdisch sind, sondern weil sie Interesse an der jüdischen Religion haben und dementsprechend auch mehr darüber lernen wollten.

Alexander Nachama, Rabbiner der jüdischen Gemeinde Erfurt

Nachama unterrichtet eine elfte und eine zwölfte Klasse in jüdischer Religion. Das Erfurter Modell beweist: jüdischer Religionsunterricht kann ein Gewinn für Schüler aller Konfessionen sein. So weit wie das Projekt in Sachsen ist Thüringen aber noch nicht. Alexander Nachama unterrichtet bisher nur an einem Gymnasium. Eine Ausweitung des Projekts auf andere Schulformen oder Stufen ist in Thüringen im Moment nicht geplant.

Erst einmal Bedarfsermittlung

Noch stockender geht es in Sachsen-Anhalt voran.

Der aktuelle Stand beim jüdischem Religionsunterricht in Sachsen-Anhalt ist eigentlich null. Wir haben schon seit vielen Jahren Verhandlungen diesbezüglich geführt. Aber es geht nicht voran. Obwohl die Kinder da sind, die Schulen, das Interesse und seit einiger Zeit auch eine Lehrerin.

Max Privozki, Vorsitzender des Landesverbandes jüdischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt

Das Kultusministerium in Sachsen-Anhalt setzt erst einmal auf eine Bedarfsermittlung. Die jüdischen Gemeinden sollen zählen, wie viele Kinder und Jugendliche auf Grund ihrer Konfession überhaupt am Unterricht teilnehmen würden. Max Privorozki geht es noch um mehr. Nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle fordert er, dass jüdisches Leben generell mehr im Unterricht vorkommen soll. Auch um Antisemitismus vorzubeugen:

Eine Lösung sehe ich nur in der Bildung. Das dauert nicht ein, auch nicht zwei Jahre. Das dauert eine lange Zeit. Aber je eher man beginnt, desto schneller bekommt man Ergebnisse.

Max Privozki

Fremdenhass und die Verbreitung von Vorurteilen gehen auch an der jüdischen Gemeinde nicht spurlos vorbei. Ruth Röcher berichtet, dass manche Eltern Angst haben, ihr Kind für den jüdischen Religionsunterricht anzumelden.

Ich hatte ein Gespräch - hier in Chemnitz - mit Eltern, denen ich erklärt habe, was sie tun müssten: bei der Anmeldung der Kinder: auf Schulebene, bei der Verwaltung. Damit das Kind nicht zum Ethikunterricht kommt, sondern zur jüdischen Religionslehre. Ich habe gesagt, es müsse der Schule mitgeteilt werden, schriftlich. „Ich werde nie in meinem Leben schreiben, dass mein Kind jüdisch ist“, war die Reaktion der Mama.

Ruth Röcher

Für Ruth Röcher ist das Pilotprojekt in Sachsen deshalb ein erster Schritt in die richtige Richtung. Sie wünscht sich, dass jüdischer Religionsunterricht in Mitteldeutschland Schule macht.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 31. August 2020 | 09:15 Uhr