Buchneuerscheinung "Ultraorthodox" - Rabbiner Akiva Weingarten über die strenge Welt chassidischer Juden

"Unorthodox", das Buch der deutsch-amerikanischen Schriftstellerin Deborah Feldman, schaffte es weltweit auf die Bestseller-Listen. Und es wurde von Netflix verfilmt: Die Geschichte einer Aussteigerin aus der strengen Welt chassidischer Juden. Der Dresdner Rabbiner Akiva Weingarten hat Ähnliches erlebt. Auch er hat nun ein Buch über seinen Weg geschrieben: "Ultraorthodox" heißt es. Andreas Roth hat es gelesen.

Rabbiner Akiva Weingarten 4 min
Bildrechte: Norbert Millauer, Dresden

Es ist die Melodie eines chassidischen Liedes, die Akiva Weingarten seit seiner Kindheit begleitet. Er singt sie noch heute in seinem engen Dresdner Büro – auch wenn er sich vom ultraorthodoxen Judentum seiner Herkunft gelöst hat. Davon handelt sein Buch. Von einem Weg der Befreiung aus einer Welt voller Regeln, vom morgendlichen Aufstehen an.

"Wir mussten die Hände waschen, bevor wir die Füße auf den Boden gestellt haben. Und gleich danach gab es mehrere Gebete, die man sagen musste, mehrere Segen. Und dann, was man anzieht, welchen Schuh man zuerst anzieht", so der Dresdner Rabbi.

Buchcover "Ultraorthodox" Akiva Weingarten
Buch "Ultraorthodox" von Akiva Weingarten Bildrechte: Penguinrandomhouse Verlagsgruppe

Der 37-jährige Rabbiner nimmt seine Leser mit in die Welt chassidischer Juden an der amerikanischen Ostküste. Eine fremde Welt – sie ist ihm selbst fremd geworden. Aber er skandalisiert sie nicht. Er zeigt und erklärt. Auch mit den Fotos aus seiner Kindheit.

Ein Buch über die Enge von Regeln

Die 365 Verbote und 248 Gebote der Thora werden in der Gemeinschaft der Satmarer Juden, in der Akiva Weingarten aufwächst, besonders streng befolgt. Es ist eine Reaktion auf die Erfahrung der Shoah. 

Weil die Satmarer geglaubten und immer noch glauben, dass die Shoah eine Strafe für die Juden war, die nicht genug fromm waren. Und die einzige theologische Reaktion darauf konnte nur sein: Wir müssen frommer werden.

Akiva Weingarten

Die Großeltern sind ungarische Juden. Die Großmutter überlebte Auschwitz, der Großvater das KZ Bergen-Belsen. In seinem Buch schreibt Weingarten über das Schweigen seiner Großeltern. Über den Versuch, mit all den Regeln das Trauma der Massenmorde zu bannen. Wenn gesprochen wurde in seiner Familie, dann Jiddisch.

Die Enge der Regeln aber hat auch ihre dunklen Seiten. Akiva Weingarten leuchtet sie in seinem Buch aus – und schont sich selbst dabei nicht. Er berichtet von seiner Jugend in orthodoxen Thora-Schulen. Von sexuellen Tabus unnd sexuellen Übergriffen.

Flucht nach Deutschland

Die Risse in Akiva Weingartens ultraorthodoxer Welt werden immer tiefer und breiter. Irgendwann kann er nicht mehr glauben, will so nicht mehr leben und steigt aus. Zuflucht sucht er ausgerechnet in Berlin, im Land der Shoah. Und ausgerechnet hier findet er im Gespräch mit Christen und Juden Gott wieder. In der alten biblischen Geschichte, in der Gott in einem brennenden Dornbusch Mose seinen Namen verrät.

JHWH, das ist mein Name: Ich werde sein, der ich sein werde. Das heißt: Gott sagt Mose selbst, dass er diese Frage offen lässt. Ich werde sein in der Zukunft.

Akiva Weingarten

In Dresden hat Rabbi Akiva Weingarten vor zwei Jahren eine Thora-Schule für ultraorthodoxe Aussteiger aus Israel gegründet. Gemeinsam singen sie chassidische Lieder – und suchen zugleich ein freieres jüdisches Leben. Auch für sie hat er sein Buch geschrieben. Der 25-jährige Moshe Barnett ist einer von ihnen.

Der Grund, warum uns Rabbi Weingarten sehr geholfen hat, ist seine Idee: Du musst nicht aus dem Judentum aussteigen, auch wenn du aus der ultraorthodoxen Welt aussteigen möchtest.

Moshe Barnett

Akiva Weingarten will das Schöne und Tiefe seines Glaubens aus Fesseln befreien – und leuchten lassen. Auch für Menschen, die keine Juden sind.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Religion und Gesellschaft | 27. März 2022 | 09:05 Uhr

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