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Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Thüringen Bildrechte: dpa

Festakt und Themenjahr

Jüdisches Leben in Mitteldeutschland

Stand: 26. April 2021, 16:19 Uhr

1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland - dieses Jubiläum wurde am Sonntag mit einem Festakt in Köln begangen. Ein Edikt des römischen Kaisers Konstantin von 321 gilt als frühester schriftlicher Nachweis für jüdisches Leben nördlich der Alpen. Es erlaubte reichsweit, Juden in den Stadtrat zu berufen. Wir erkunden die jüdische Geschichte in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, die ein Jahrtausend alt ist.

Die Spuren jüdischen Lebens in Mitteldeutschland lassen sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen. Damals erhielten jüdische Kauflaute kaiserlichen Schutz gegen Bezahlung.

Ansiedlung entlang der Handelsrouten

Ab dem 8. Jahrhundert siedelten sich jüdische Kaufleute vor allem entlang wichtiger Handelsrouten an.

Auf den Handelsstraßen Via Regia und Via Imperii reisten die Kaufleute von den oberrheinischen SchUM-Städten Speyer, Worms und Mainz bis nach Kiew. Dabei gelangten sie nach Erfurt, Leipzig, Görlitz, Magdeburg und Zwickau. Davon zeugen eine Urkunde des Kaisers Otto I. aus dem Jahr 965 und der "Erfurter Judeneid", den der Mainzer Erzbischof Konrad I. um 1183 ausstellte.

SchUM-Städte

Als SchUM-Städte wird der Verbund bezeichnet, den die jüdischen Gemeinden der oberrheinischen Städte Speyer, Worms und Mainz im MIttelalter bildeten. In hebräischen Quellen werden die drei Gemeinden seit dem 12. Jahrhundert erwähnt.

Vertreibung aus Mitteldeutschland

Allerdings verloren die Erfurter Juden den kaiserlichen Schutz im Jahr 1212. Daraufhin waren sie auf das Wohlwollen der Kirche angewiesen. Doch diese sah in ihnen Christus-Mörder und kündigte den Schutz 1458 endgültig auf. Immer wieder wurden Juden im Mittelalter verfolgt.

Pest und Pogrome

Bei einem Pogrom am 26. Juni 1221 in Erfurt starben 26 Juden. Bei dem Pest-Massaker von 1349 wurden in der Stadt 100 Juden ermordet. Die Überlebenden begingen Suizid oder flüchteten aus der Stadt. Behauptet wurde, die Juden hätten die Brunnen vergiftet, weil die Zahl jüdischer Pestopfer geringer war. Der Grund dafür sind aber die Reinheitsgebote, zu denen das morgendliche Händewaschen und das Bad in der Mikwe gehören. Fünf Jahre nach dem Pest-Massaker siedelten sich zwar wieder Juden in Erfurt an, der Stadtrat wurde aber zunehmend judenfeindlich.

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FeatureJüdisches Leben in der Thüringer Rhön und im Grabfeld

"Danach ist Erfurt für Jahrhunderte eine Stadt, in der keine Juden leben dürfen", erklärt die Historikerin Maria Stürzebecher. Luthers Hetzschrift "Von den Juden und ihren Lügen" von 1543 befeuerte die Judenfeindlichkeit zusätzlich.

Ein Großteil der Juden flüchtete nach Osteuropa. Andere zogen sich in ländliche Gebiete zurück. So entstand Ende des 16. Jahrhunderts das Landjudentum mit zahlreichen Gemeinden in Hessen, Franken und in Südthüringen.

Gegen Schutzgeld geduldet

Auch in Residenzen ließen sich vereinzelt Juden nieder. Sie siedelten sich etwa an Fürstenhöfen an. "Sie dienten hier als Kapitalbeschaffer und als Heereslieferanten. Dabei verfügten sie über bestimmten Privilegien, sahen sich aber wiederholt antijüdischen Anfeindungen und Justizwillkür ausgesetzt", sagt der Dresdner Historiker Daniel Ristau.

Berend Lehmann: Bankier, Münzagent und Heereslieferant

Einer der bekanntesten Hoffaktoren war der Bankier, Münzagent und Heereslieferant Berend Lehmann. Sein jüdischer Name ist Jissachar ben Jehuda haLevi, geboren 1661 in Essen, gestorben 1730 in Halberstadt. Er beschaffte Kurfürst August dem Starken das nötige Geld für die Wahl zum König von Polen und Litauen. Daraufhin durften sich seit 1700 wieder Juden in Dresden ansiedeln. Jüdisches Dienstpersonal traf sich fortan in privaten Betstuben. Ihre Toten mussten sie jedoch über den Erzgebirgskamm hinweg nach Teplitz in Böhmen schaffen. Einen eigenen Friedhof bekam die Gemeinde erst 1751, angelegt außerhalb der Stadtmauer. Der alte jüdische Friedhof in der Äußeren Neustadt gehört zu den bedeutendsten Zeugnissen jüdischer Kultur in Sachsen. 

Zentraler Treffpunkt für jüdische Händler war die Messe in Leipzig. Zwischen 1686 und 1764 ließen sich dort rund 82.000 jüdische Besucher registrieren. 1710 durfte sich der Hamburger Unternehmer Gerd Levi in Leipzig niederlassen. Er belieferte die Messe mit Silber.

Davon profitierten Stadt und Kurfürsten, sagt Daniel Ristau: "Diese Besuche in Leipzig waren mit höheren Abgaben, dem sogenannten Judenleibzoll verbunden. Und doch diente diese Messe nicht nur dem Austausch von Handelswaren oder Geldern. Sondern hier wurden nachweislich auch Gottesdienst und Feste gefeiert wie das Laubhüttenfest."

"Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit"?

Nach der Französischen Revolution weckte Napoleons Judendekret von 1806 große Erwartungen, die sich allerdings nicht bewahrheiteten. Stattdessen setzten sich beim Wiener Kongress 1815 antijüdische Kräfte durch. Trotzdem etablierte sich in Dresden und Leipzig ein reges jüdisches Gemeindeleben. 1826 wurde in Dresden in einer Privatsynagoge erstmals auf Deutsch gepredigt.

Auf persönliche Initiative des sächsischen Königs Johann durften Juden ab 1837 auch öffentlich Synagogen bauen. Daniel Ristau erklärt: "1840 wurde die Semper-Synagoge als Zeichen neuen Selbstbewusstseins der sächsischen Juden geweiht. Und der neue Oberrabbiner Zacharias Frankel sprach davon, dass der sächsische Israelit nunmehr ein Vaterland habe."

Das volle Bürgerrecht erhielten Juden in Sachsen 1869. Die neu gewonnene Bildungs-  und Gewerbefreiheit nutzten sie häufig, um Unternehmen in den Städten zu gründen. Dadurch wuchsen die jüdischen Gemeinden in Großstädten wie Erfurt, Magdeburg, Dresden und Leipzig, aber auch in Kleinstädten wie Suhl und Meiningen rasant.

Jüdische Persönlichkeiten in Mitteldeutschland

Moses Simson, ehemaliger Landjude aus Schwarza, begründet 1848 die späteren Simson-Werke in Suhl.

Joseph Bondi gründet 1853 das gleichnamige Bankhaus in Dresden.

Der zum Protestantismus konvertierte Komponist Felix Mendelssohn Bartholdy wirkte bis zu seinem Tod 1847 in Leipzig.

Rabbiner Ephraim Carlebach gründete 1912 die private Höhere Israelitische Schule in Leipzig.

Der Philosoph Walter Benjamin lernte als Schüler nach der Jahrhundertwende am Landerziehungsheim von Herman Lietz in Haubinda bei Hildburghausen.

Die Gebrüder Salman und Simon Schocken schufen von Zwickau aus eine ganze Kaufhauskette in Deutschland.

Gerhard Neumann, der 1917 in Frankfurt/Oder geborene spätere Strahltriebwerkkonstrukteur und Vize-Präsident von General Electric, studierte bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten am Technikum Mittweida . Er war einer von über 100 jüdischen Studenten an der 1864 gegründeten privaten Hochschule.

Unternehmer wie Georg Arnhold machten sich bis zur Nazi-Zeit als Mäzene für das öffentliche Leben verdient. Nach ihm ist bis heute ein Frei- und Hallenbad am Dresdner Hygiene-Museum benannt.

Neubeginn nach dem Holocaust

Die Nationalsozialisten zerstörten das reiche und vielfältige jüdische Leben, das sich seit der Emanzipation im 19. Jahrhundert entwickelt hatte. Die jüdischen Landgemeinden in Südthüringen löschten sie für immer aus, ebenso Gemeinden in kleineren Städten wie Bautzen, Meiningen oder Halberstadt.

Nur ein paar hundert Juden kehrten nach dem Zweiten Weltkrieg zurück, befreit aus den Konzentrations-und Vernichtungslagern. Dazu kamen Überlebende im Untergrund, jüdische Partner gemischter Ehen. Ihnen fehlte es wie der übrigen Bevölkerung an Lebensmitteln und Wohnraum, selbst rituelle Gerätschaften für den Gottesdienst gab es nicht. Historiker Steffen Heidrich: "Viele waren keine gläubigen Juden in eigentlichen Sinn, sondern eher säkulare Juden. Sie begriffen ihr Judentum eher als Tradition oder als Herkunftsbekenntnis."

Jüdisches Leben in der DDR

Nach der stalinistischen Säuberungswelle von 1950 bis 1952 während des Slánský - Prozesses in Prag flüchtete etwa die Hälfte der jüdischen Gemeindemitglieder in der DDR erneut.

Slánský - Prozess

Der Slánský-Prozess war ein Schauprozess in der damaligen Tschechoslowakei gegen 14 Mitglieder der Kommunistischen Partei im Jahr 1952. Unter den Mitgliedern waren elf Juden. Die Angeklagten wurden wegen der Teilnahme an einer trotzkistisch-titoistisch-zionistischen Verschwörung zum Tode beziehungsweise zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt.

Dabei habe es mit dem Umbau der Trauerhalle in Dresden 1950 zur Synagoge und dem Neubau in Erfurt 1951 hoffnungsvoll begonnen, sagt der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde in Thüringen, Reinhard Schramm: "Die hat ja noch der stellvertretende Ministerpräsident Otto Nuschke, CDU, und der einzige Rabbiner der DDR, Martin Riesenburger eingeweiht. Und ein halbes Jahr später waren die Juden weg. Das war natürlich eine Situation, wo es ganz schwer war weiter zu machen. In der DDR hat es dann nur noch wenige Juden gegeben."

Zum Ende der DDR-Zeit gab es noch acht Gemeinden: In Ost-Berlin, Leipzig, Dresden, Magdeburg, Halle, Erfurt, Schwerin und Karl-Marx-Stadt. Als Helmut Aris, Präsident des Verbandes der jüdischen Gemeinden in der DDR, 1987 in Dresden starb, schien sich auch das Ende der jüdischen Gemeinden anzudeuten.

In Dresden war die Gemeinde 1989 auf ganze 60 Mitglieder geschrumpft. In Chemnitz, Leipzig, Erfurt und Magdeburg war die Situation nicht besser.

Neue Synagoge in Dresden Bildrechte: dpa

Doch durch Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion wuchsen alle Gemeinden wieder. In Nordhausen, Jena oder Dessau wurden sogar neue Gemeinden gegründet. Und in Dresden konnte am 9. November 2001 erstmals seit 50 Jahren wieder eine neue Synagoge eingeweiht werden – an jenem Ort an der Brühlschen Terrasse, an dem vor dem Zweiten Weltkrieg die berühmte Semper-Synagoge stand.

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 21. Februar 2021 | 09:15 Uhr