Glaubwürdig Henriette Kretz: "Niemand wird als Mörder geboren"

Henriette Kretz hat als Jüdin den Holocaust überlebt. Gerade so. Wenn sie über ihre Erinnerungen redet, schwingt keine Verbitterung mit. Heute spricht sie als Zeitzeugin vor Schülern, damit sich die Geschichte nicht wiederholt.

Henriette Kretz 5 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR+ Mo 28.09.2020 11:10Uhr 04:44 min

https://www.mdr.de/glaubwuerdig/video-henriette-kretz-glaubwuerdig100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Henriette Kretz war ein glückliches Kind. Doch das war abrupt vorbei, als deutsche Truppen ihre polnische Heimat besetzten. Ihre Eltern wurden vor ihren Augen erschossen. Damals war sie 10 Jahre alt.

Die Soldaten begannen den Revolver zu ziehen, mein Vater schrie mir zur: 'Lauf!' Ich begann zu laufen, hörte Schüsse, dann hörte ich meine Mutter schreien, dann hörte ich weitere Schüsse: Und dann nichts mehr. Da wusste ich, dass ich keine Eltern mehr habe.

Henriette Kretz
Henriette Kretz
Henriette Kretz ist auch in Sachsen an Schulen unterwegs so wie hier in Plauen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Henriette Kretz überlebte damals in einem Waisenhaus und wurde später Lehrerin. Heute ist sie 82 Jahre alt und lebt in Antwerpen. Sie will, dass die Grausamkeiten nicht vergessen werden. Als eine der letzten Zeitzeugen spricht sie so oft sie kann über ihre Erlebnisse während der deutschen Besatzung. Sie reist durch Polen und durch Deutschland. So war die agile Dame im vergangenen Jahr vor allem in Sachsen unterwegs.

Ihre Zuhörer sind zumeist Teenager - junge Leute, die sich kaum noch vorstellen können, was Krieg bedeutete und immer noch bedeutet.

Trägerin des Bundesverdienstkreuzes

Für ihr Engagement als Zeitzeugin und für die Offenheit, mit der sie mit ihrer Lebensgeschichte umgeht, hat Henriette Kretz im Dezember 2020 das Bundesverdienstkreuz erhalten. In einem persönlichen Brief von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier heißt es, sie trage "wesentlich dazu bei, die junge Generation vor einem neu aufkommenden Antisemitismus zu warnen und demokratische Grundwerte zu stärken."

Die Frage nach dem Warum

Wenn Henriette Kretz über ihre Erinnerungen redet, schwingt keine Verbitterung mit.

Niemand wird als Mörder geboren. Aber man kann Menschen dazu bringen, für eine Idee oder eine Religion zu töten. Durch Gehirnwäsche! Das ist fatal und sehr, sehr gefährlich.

Zuhause in Antwerpen, einer Stadt mit einer der größten jüdischen Gemeinden Europas, bekommt sie Besuch von ihren beiden Söhnen und den Enkeln. Sie heranwachsen zu sehen, ist für sie das Schönste, wurde ihre eigene Kindheit doch durch den Tod der Eltern zerstört. Ihre Eltern haben kein eigenes Grab. Sie wurden irgendwo verscharrt. Henriette geht trotzdem immer wieder auf Friedhöfe. Zu fremden Gräbern. Ihr Ritual zu Erinnerung: Kleine Kiesel. Eine jüdische Tradition.