Glaubwürdig-Porträt Reinhard Schramm: "Man muss seine Geschichte kennen"

Hinter Reinhard Schramm schließt sich einmal im Monat die schwere Stahltür der Jugendhaftanstalt Arnstadt. Der 71-jährige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Thüringen trifft dort Jugendliche, die wegen rechtsmotivierter Straftaten im Arrest sitzen.

Reinhard Schramm 5 min
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MDR+ Mo 28.09.2020 11:13Uhr 04:44 min

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Einmal im Monat reist Reinhard Schramm in die Jugendstrafanstalt in Arnstadt. Er trifft dort Jugendliche, die wegen rechtsmotivierter Straftaten im Arrest sitzen. Der 71-Jährige ist Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Thüringen und will mit ihnen über die NS-Zeit sprechen. Er selbst entkam im Februar 1945 selbst nur knapp der Deportation.

Trotz all der Zeit ist die Hürde für ihn denkbar groß, sich Jugendlichen zuzuwenden, die Nazi-Gedankengut weitertragen und wieder aufleben lassen. Dennoch überwindet er sich immer wieder aufs Neue, ihn leitet eine Überzeugung:

Was sich herausstellt, ist, dass jede Generation, die nachwächst immer wieder zu Humanismus, zur Menschlichkeit erzogen werden muss. Damit diese Erziehung auch einen Erfolg hat, muss man seine Geschichte kennen.

Reinhard ist 17, als er anfängt, sich mit seiner Familiengeschichte auseinander zu setzen. Seine Großmutter Emma wird im Konzentrationslager Ravensbrück umgebracht. Ihre Briefe hat Reinhard Schramm in einem Buch veröffentlicht, daraus liest er den Jugendlichen vor. Schnell kommt er mit ihnen auch zu aktuellen Themen wie der Flüchtlingsfrage ins Gespräch. Er hört, dass viele unberechtigt hier seien, es ihnen zu gut gehe und vielen Deutschen schlecht, er antwortet, dass er das aus seiner persönlichen Erfahrung heraus anders sehe und Flucht manchmal die einzige Möglichkeit zum Überleben sei.

Ich glaube, persönliche Erfahrungen, persönliche Schicksale können helfen zu überzeugen und auch im Gedächtnis verbleiben.

Ein Brandanschlag auf die Erfurter Synagoge als Auslöser

Auslöser für seine Besuche im Jugendgefängnis war ein Brandanschlag auf die Erfurter Synagoge im Jahr 2000. Am 20. April, Hitlers Geburtstag, attackierten drei Jugendliche das jüdische Gotteshaus. Der Ilmenauer Professor sucht den Kontakt und trifft einen der Straftäter, der vor ihm sitzt "wie ein Häufchen Unglück" und ihm Leid tut. Er unterhält sich mit ihm und versucht, ihn zu überzeugen, dass er auf einem falschen Weg ist. Das Gespräch zeigt Wirkung. Nur wenige Monate später bekommt Reinhard Schramm einen Brief, in dem der junge Mann schreibt "einer idiotischen Lüge" aufgesessen zu sein. Die Zeilen ermutigen den 71-Jährigen, weiter zu machen -auch gegen Widerstände in seiner Gemeinde.

Reinhard Schramm geht immer seinen eigenen Weg. Auch privat. Vor 50 Jahren heiratete er Barbara, eine Katholikin, die allerdings nicht mehr in die Kirche geht. Reinhard Schramm besucht regelmäßig die Synagoge – natürlich auch freitags zum Sabbat. Hier findet er Energie für seine Arbeit mit den Jugendlichen.