"Man hätte sich dem Thema früher widmen müssen" Die ungeklärte Arisierung von Hertie

Wer an der "Hertie School of governance" einen Studienplatz erhält, der schätzt sich normalerweise glücklich und dessen Jobaussichten sind bestens. Doch seit kurzem hat das Image der Hochschule einen Riss. Denn sie wird von der Hertie-Stiftung finanziert. Woher deren Stiftungskapitel stammt, ist noch offen. Historiker sind derzeit dabei, die Herkunft des Vermögens zu erforschen. Es geht um jüdisches Eigentum und um die Arisierung einer Kaufhauskette, die ihren Ursprung in Gera hat.

Blick auf das ehemalige Horten-Kaufhaus in der Geraer Sorge.
Blick auf das ehemalige Hertie-Kaufhaus in der Geraer Sorge. Bildrechte: dpa

Wer heute das erste Hertie-Gebäude in Gera betritt, ahnt wie es vor 100 Jahren ausgesehen haben könnte: Mehrere Etagen, eine ausladende Treppe. Großer Lichthof. 10.000 Quadratmeter - inklusive des Kellers. Auch während der DDR war hier ein Kaufhaus - damals als Konsumgenossenschaft.

Der originale Stuck, die ursprüngliche Holzvertäfelung, schmuckvolle Säulen wurden einfach verkleidet und sind heute darunter noch sichtbar. Das alte, separate Treppenhaus im Seiteneingang auch:

Unser Hausmeister und der ehemalige technische Leiter dieses Kaufhauses erzählen immer die Geschichte, dass der Herr Tietz die Möglichkeit hatte - mehr oder weniger ungesehen von seinen Mitarbeitern - direkt in sein Büro zu gelangen.

Stefan Fischer, Prokurist der Firma FAB aus Gera

Einige Fotos sind erhalten und zeigen das Gebäude im Wandel: So wie es einst war und so wie es stets und ständig verändert wurde. Auch nach der Arisierung. Und genau hier beginnt das Problem, dem sich heute die Hertie-Stiftung stellen muss.

Zwar sei die Familie Tietz nach 1945 entschädigt worden. Nach damals geltenden Recht, betont man - und es habe nach der Restitution auch keine weiteren Ansprüche gegeben.

Dennoch kommen jetzt - nach mehr als 80 Jahren - Fragen auf. Es sind unangenehme Fragen - auch mit Blick auf die Rolle der Banken damals. Und mit Blick auf Georg Karg, jenen Geschäftsführer, den die Nationalsozialisten ab 1934 eingesetzt hatten, nachdem man den jüdischen Inhabern zuvor die Kredite gesperrt und sie quasi enteignet hatte. Dass Georg Karg früher bei Tietz Chefeinkäufer war und dann zum Inhaber wurde, hat jahrelang niemanden stutzig gemacht. 

Was man sagen kann, dass es innerhalb der Familie sicherlich auch eine eigene Überlieferung gegeben hat.

John-Philip Hammersen, der Geschäftsführer der Hertie-Stiftung

So formuliert es vorsichtig John-Philip Hammersen, der Geschäftsführer der heute gemeinnützigen Hertie-Stiftung. In seinem Vorstand sitzt heute noch eine Enkelin von Georg Karg, die ihrerseits keine Interviews geben möchte.

Aufarbeitung gefordert

Vor allem Studierende und Alumni der "Hertie School of governance" hatten gefordert, den Ursprung der Stiftung - die Menge des Kapitals und die Rolle von Georg Karg, aber auch die der Banken im Nationalsozialismus, gründlich aufzuarbeiten. Zwei Studien dazu bleiben - aus sehr unterschiedlichen Gründen - bislang unter Verschluss. 

Dass der öffentliche Druck jetzt immer größer und eine Reputation der Stiftung auf dem Spiel steht, weiß auch John-Philip Hammersen.

John Philip Hammersen
John Philip Hammersen Bildrechte: imago/Becker&Bredel

Die Hertie-Stiftung hat sich mit ihren Themen, die sie in den vergangen Jahren bearbeitet und ausgebaut hat, wohlgefühlt. Möglicherweise ist das ein trügerisches Wohlfühlen gewesen - nach dem Motto: 'Das, was wir machen, kommt der Allgemeinheit zugute - das Geld, das wir verwalten, kommt der Gemeinnützigkeit zugute. Wir haben kein schlechtes Gewissen. Ja, man hätte sich dem Thema früher widmen müssen. Aber das wir schuldhaft gezögert hätten - wie das Juristen ausdrücken würden - das sehen wir nicht'.

John-Philip Hammersen

Derzeit analysieren zwei Historiker im Auftrag der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte alles zu Hertie - beginnend bei Oscar Tietz in Gera mit dem Fokus auf die Frage: Wie wurde in den 1930er Jahren arisiert. 

Das Kaufhaus Tietz in Gera

Die Firma Hermann Tietz, gegründet von Oscar Tietz mit dem Kapital seines Onkels Hermann Tietz, eröffnete ihr erstes Geschäft am 1. März 1882 in Gera. Es nannte sich "Garn-, Knopf-, Posamentier-, Weiß- und Wollwarengeschäft Hermann Tietz" und hatte bereits einige Merkmale moderner Warenhäuser, wie festgelegte Preise oder keine Stundung und ein vielfältiges, branchenübergreifendes Angebot. Die Kaufhauskette, die später unter der der Abkürzung Hertie firmierte, wurde in den 1990er-Jahren vom Konkurrenten Karstadt übernommen. An der Stelle des ersten Geschäfts in der Geraer "Sorge" wurde 1912 ein Neu- und Erweiterungsbau eröffnet - das bis heute erhaltene historische Kaufhausgebäude mit seinen monumentalen Säulen.

Neues Konzept für Nutzung

In Gera arbeitet man unterdessen an einem Konzept, das alte Haus wieder nutzbar zu machen. Vielleicht ziehen dort auch Teile der Stadtverwaltung ein. Immerhin: Knapp sechs Millionen Euro öffentliche Gelder stehen zum Sanieren bereit und auch die Kulturdezernentin der Stadt, Claudia Tittel, wünscht sich einen wertschätzenden Umgang mit diesem Haus in einer Straße, die früher zum Flanieren einlud, Glanz und Glamour bedeutete und damals wie heute den Namen "Sorge" trägt: 

Also dieses Kaufhaus ist das Herzstück der oberen Innenstadt, wo schon so viele Läden leer stehen, vor allem dieses riesengroße Kaufhaus. So ist die Geraer Sorge tatsächlich zu einer Sorge geworden - buchstäblich.

Während die Hertie-Stiftung ihre eigene Geschichte aufarbeitet, wird in Gera überlegt, wie man hier dem Erbe gerecht werden kann - dem baulichen - aber auch dem menschlichen. 

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Religion und Gesellschaft | 24. Januar 2021 | 09:15 Uhr