Nachrichten & Themen
Mediathek & TV
Audio & Radio
KalenderGottesdiensteDorfkirchenJüdisches LebenKontakt

Ihr Browser unterstützt kein HTML5 Audio.

SachbuchBuchvorstellung: Jüdisches Leben in Anhalt

Bildband

Was vom "Jüdischen Leben in Anhalt" übrig blieb

von Hartmut Schade, MDR KULTUR

Stand: 29. August 2021, 17:08 Uhr

Nur zwei Synagogen gibt es noch auf dem Gebiet des einstigen Fürstentums Anhalt. In Wörlitz und in Gröbzig. Dass jüdisches Leben einst zum Alltag auch in dem ländlich geprägten Anhalt gehörte, zeigt der Bildband "Jüdisches Leben  in Anhalt". Die Idee dazu hatte der inzwischen pensionierte Dessauer Pfarrer Dietrich Bungeroth, der sich seit Jahrzehnten für ein lebendiges Erinnern daran einsetzt. Doch nicht nur ein wertschätzender Blick zurück soll das Buch sein.

Als Dietrich Bungeroth Ende der Fünfziger, Anfang der Sechziger Jahre die Schule in Dessau besuchte, kannte er selbstverständlich den Vesta-Tempel im Wörlitzer Park. "Das war der Name aus der Nazi-Zeit", erinnert er sich:

Synagoge im Landschaftspark Wörlitz Bildrechte: Torsten Lüders

"Es gibt kein Gebäude im Wörlitzer Park, dass so oft den Namen gewechselt hat wie dieser Tempel am Ende der Amtsgasse – Synagoge,  Vestatempel, Judentempel. Heute heißt der nach römischen Vorbild erbaute Tempel wieder Synagoge." Aus dem Dessauer Schüler wurde ein – mittlerweile pensionierter – Pfarrer, den die Spuren jüdischen Lebens in Anhalt nicht mehr losließen: "In Bernburg sind wir 1987/88 das erste Mal auf Spurensuche gegangen. Das heißt, ich war mit Gemeindegliedern auf dem dortigen verwilderten jüdischen Friedhof."  Nun hat Dietrich Bungeroth den Sammelband "Jüdisches Leben in Anhalt" herausgegeben. Fokussiert auf das Gebiet des einstigen Fürstentums Anhalt liefert das Buch einen spannenden Einblick in ein nahezu ausgelöschtes und verdrängtes Kapitel regionaler Geschichte.

Impressionen: Spurensuche in Anhalt

Der Toleranzblick im Wörlitzer Park: "Wähle Wanderer Deinen Weg mit Vernunft", heißt es an einer Weggabelung im Wörlitzer Park. Seinen Weg mit Vernunft und in Glaubensdingen mit Toleranz zu wählen, das war Programm der Aufklärer des 18. Jahrhunderts, zu dem sich auch Fürst Franz, der Ideengeber des Parks, bekannte. In Erinnerung an seine totgeborene Tochter ließ Fürst Franz die Goldene Urne aufstellen. Von dort aus geht der Blick auf Synagoge (l.) und Stadtkirche (r.). Bildrechte: KSDW Bildarchiv, Foto: Heinz Fräßdorf
Synagoge im Landschaftspark Wörlitz: Heute gibt es dort eine Ausstellung zur Geschichte der jüdischen Gemeinden in Anhalt. Bildrechte: Torsten Lüders
1301 erwähnt der "Codex Diplomaticus anhaltinus" mit "Michel aus Bernburg" erstmals einen Juden für Anhalt. Eine dauerhafte Ansiedlung gab es erst nach dem Dreißigjährigen Krieg. Von 1800 bis Anfang des 20. Jahrhunderts lebten in Bernburg etwa 200 Jüdinnen und Juden. Der Jüdische Friedhof am Rößeberg in Bernburg wurde 1826 erbaut. Erhalten sind etwa 400 Grabstellen. Bildrechte: Torsten Lüders
Das Grab des Landesrabbiners Dr. Salomon Herxheimer (1801-1884) auf dem Jüdischen Friedhof in Bernburg. Er galt als Reformer und war Mitglied in Abraham Geigers Verein jüdischer Gelehrter. Bildrechte: Torsten Lüders
Eingangstor zum Jüdischen Friedhof an der Grünen Straße in Zerbst: Heute sind dort noch etwa 50 Grabstellen erhalten, das lange verwahrloste Gelände wurde nach 1980 wieder hergerichtet. Bildrechte: Torsten Lüders
In der Pogromnacht vom November 1938 wurde die Synagoge geschändet, geplündert und die Inneneinrichtung weitgehend verwüstet; wegen der Nähe zu anderen Gebäuden setzte man die Synagoge nicht in Brand. Bei einem Bombenangriff wurde sie im April 1945 jedoch komplett zerstört. Bildrechte: Torsten Lüders
In Gröbzig gab es nachweislich ab Anfang des 18. Jahrhunderts eine jüdische Gemeinde. In der Synagoge befindete sich heute ein Museum zur Geschichte und Tradition des Judentums. Bildrechte: Kai Flemming
Gräber auf dem Jüdischen Friedhof in Nienburg, zu DDR-Zeiten wurde ein Wohnblock gleich dahinter errichtet. Bildrechte: Torsten Lüders
Ein letzter Mauerrest der Synagoge von Ballenstedt Bildrechte: Torsten Lüders
Der Jüdische Friedhof von Ballenstedt überstand die NS-Zeit, verwahrloste aber danach. Zu DDR-Zeiten wurde ein Gedenkstein für die jüdischen Opfer von Terror und Gewalt aufgestellt. Heute erinnert zudem eine Gedenktafel an die Geschichte der jüdischen Begräbnisstätte. Bildrechte: Torsten Lüders
Der alte Jüdische Friedhof von Güsten überwuchert vom Wald. Bildrechte: Torsten Lüders

Fotoreise durch 18 Orte von Bernburg über Wörlitz bis Zerbst

Ganze zwei Synagogen gibt es noch auf dem Gebiet des einstigen Fürstentums Anhalt. In Gröbzig befindet sich darin heute ein Museum zur Geschichte und Tradition des Judentums. Bildrechte: Kai Flemming

1301 erwähnt der "Codex Diplomaticus anhaltinus" mit "Michel aus Bernburg" erstmals einen Juden für Anhalt. Doch erst nach dem Dreißigjährigen Krieg lässt sich von einem jüdischen "Leben" sprechen, als sich sich jüdische Familien in größerer Zahl in Nienburg, Ballenstedt, Radegast, Harzgerode, Coswig oder Zerbst ansiedelten. 18 Orte werden in dem Sammelband in Wort, Grafik und Bild vorgestellt: "Wir haben bei den beiden Fotoreisen 2019 mit Torsten Lüders versucht, ins Bild zu kriegen, was gab es früher mal und wie sieht es heute aus?"

Gräber vor DDR-Neubau, Grabsteine zum Hofpflastern

Verwitterte Grabsteine vor einem unsanierten DDR-Neubau in Nienburg Bildrechte: Torsten Lüders

Oft erschreckend sieht es heute aus. In Nienburg zeigt eine der Fotografien von Torsten Lüders eine frisch verputzte übermannshohe Mauer, darin ein morsches hölzernes Tor. Der Eingang zum Friedhof. Blättert man im Buch um, so sieht man verwitterte Grabsteine und direkt hinter der letzten Reihe einen unsanierten DDR-Neubau mit halb heruntergelassenen Rollläden vor den Fenstern. Lakonische Bildunterschrift: Grabstellen im hinteren Teil des jüdischen Friedhofes Nienburg. So wird schnell der Bruch in der jüdischen Geschichte Anhalts deutlich. Das Verdrängen und Vergessen. In Wulfen wird der jüdische Friedhof heute als privater Garten genutzt. In Ballenstedt sind Synagogenreste zum Teil einer Gartenmauer geworden, Vogelhäuschen inclusive. Und in Zerbst erstreckt sich ein DDR-typischer Garagenhof dort, wo bis 1938 die Synagoge stand. Noch geschichtsvergessener und pietätloser geht es in Wörlitz, weiß Bungeroth: "Dort waren es Grabsteine, die einer privat zum Hofpflastern benutzt hatte."

"Ja, die Gedenkkultur ..."

"Judenbusch": Der alte Jüdische Friedhof von Güsten überwuchert vom Wald. Bildrechte: Torsten Lüders

Die 18 anhaltinischen Orte werden immer nach der gleichen Gliederung vorgestellt: Einem kurzen historischen Abriss folgen Informationen über Synagoge und Friedhof, Handel und Wirtschaft, bedeutende jüdische Persönlichkeiten und abschließende Bemerkungen zur Gedenkkultur: "Ja, die Gedenkkultur in den anhaltinischen Orten ist recht unterschiedlich ausgeprägt", bemerkt Bungeroth, "An manchen Orten sind Tafeln angebracht. Das hing dann aber damit zusammen, dass die Geschichtsvereine, die Kommunen oder Protagonisten, die sich schon lange dieser Geschichte annahmen, dafür gesorgt haben."

Neben Kirchgemeinden waren es auch in den 1980er-Jahren auch Schülerinnen und Schüler, die wie in Ballenstedt unter Leitung einer engagierten Geschichtslehrerin die lokale jüdische Geschichte aufzuarbeiten begannen.

Doch das meiste wurde erst in den letzten 20 Jahren erforscht. Oder eben auch nicht, wie Bungeroth immer wieder feststellen musste: "Meine Überraschung war, dass wir an so vielen Orten gar keinen Hinweis haben. Nicht selten sind sie völlig verborgen und überwuchert. Und diese Orte werden wohl nicht wieder kenntlich gemacht." Der Judenbusch bei Güsten ist einer dieser Orte. Ein jüdischer Friedhof, der 1942 mit Pflaumenbäumen bepflanzt wurde.

Der Sammelband zum "Jüdischen Leben in Anhalt" versucht, sie diesem Vergessen zu entreißen. Auch indem die Publikation deutlich macht, dass jüdisches Leben einst zum Alltag selbst in den kleineren Orten Anhalts gehörte. Die Fotografien von Torsten Lüders zeigen eindrucksvoll, was davon noch geblieben ist.

Die Absicht des Werkes liegt nicht allein im wertschätzenden Rückblick, sondern ist auch als vehementes Zeugnis gegen aktuellen Antisemitismus und jede Intoleranz zu verstehen. Aus der Erinnerung an jüdisches Leben und seiner immensen gesellschaftlichen Bedeutung weit über die Region hinaus erwächst daher nicht nur Trauer über den Verlust, sondern idealerweise die Motivation, unser gegenwärtiges und zukünftiges Miteinander zu gestalten.

Joachim Liebig | Präsident Evangelische Landeskirche Anhalts

Angaben zum BuchJüdisches Leben in Anhalt
Hrsg.: Kirchengeschichtliche Kammer der Ev. Landeskirche Anhalts
Redaktion: Dietrich Bungeroth, Johannes Killyen, Fotografien: Torsten Lüders, Grafik: Wolf-Erik Widdel
240 Seiten, Dessau-Roßlau 2020
ISBN: 978-3-9819215-5-7
Preis: 15 Euro

Aufgeführte Orte: Bernburg, Großmühlingen, Nienburg, Ballenstedt, Harzgerode, Gernrode, Hoym, Köthen, Wulfen, Radegast, Güsten, Dessau, Sandersleben, Gröbzig, Jeßnitz, Großalsleben, Wörlitz, Coswig und Zerbst

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 10. Januar 2021 | 09:15 Uhr