Festakt in Erfurt Themenjahr gestartet: Thüringen feiert 900 Jahre Jüdisches Leben

Eröffnungsveranstaltung des Themenjahres 2020/2021"Neun Jahrhunderte jüdisches Leben in Thüringen" 161 min
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MDR+ Do 01.10.2020 19:30Uhr 160:30 min

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Nicht nur die Historie, sondern auch das jüdische Leben heute soll im Themenjahr beleuchtet werden. Das betonte Thüringens Ministerpräsident Ramelow beim Festakt zur Eröffnung am 1. Oktober mit Blick auf die rund 150 Veranstaltungen, die unter dem Motto "Neun Jahrhunderte jüdisches Leben" im Freistaat geplant sind.

Schuster: "Juden nicht nur als Opfer darstellen"

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, spricht bei einem Festakt zur Eröffnung des Themenjahres "Neun Jahrhunderte jüdisches Leben in Thüringen" im Kaisersaal.
Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, beim Festakt zur Eröffnung des Themenjahres im Erfurter Kaisersaal Bildrechte: dpa

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, erinnerte daran, dass die älteste erhaltene Synagoge Mitteleuropas in Erfurt steht. "Das Judentum prägt seit langer Zeit dieses Land mit", betonte er weiter. Vielfach beschränke sich die Beschäftigung damit aber auf die Darstellung von Juden als Opfer von Hass und Verfolgung. Das gelte auch für Schulbücher. Zugleich warnte Schuster vor wachsenden Antisemitismus, der inzwischen auch in der Mitte der Gesellschaft zu finden sei. Seit 900 Jahren leben Juden in Thüringen - so lange hielten sich hartnäckig Vorurteile gegen sie.

900 Jahre jüdisches Leben machten jedoch Hoffnung, "dass es weitergeht". Bei der Bekämpfung des wachsenden Antisemitismus gehe es darüber hinaus "nicht nur um die Juden, sondern um die Verteidigung bürgerlicher Grundrechte".

Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde, Reinhard Schramm, würdigte das Engagement des Landes für das Themenjahr, aber auch das Eintreten vieler Landespolitiker gegen Antisemitismus. "Mit dem Themenjahr können von den Nazis geschlagene Lücken in das Wissen über die vielen Facetten jüdischen Lebens gefüllt werden", sagte Schramm. Er freue sich auf den Dialog.

Historie und Gegenwart

Bodo Ramelow (r., Die Linke), Ministerpräsident von Thüringen, und Reinhard Schramm (l), Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen
Ministerpräsident Ramelow mit Reinhard Schramm (l), Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen Bildrechte: dpa

Geplant sind bis Ende September 2021 Ausstellungen, Lesungen, Vorträge und Musik an verschiedenen Orten. Zu den Highlights zählt unter anderem eine Sonderschau zu jüdischen Hochzeiten in der Alten Synagoge Erfurt. Mit einigen Veranstaltungen soll auch auf das rechtsextreme Attentat auf eine Synagoge in Halle vor knapp einem Jahr reagiert werden.

Beispielhaft für das jüdische Lebern der Gegenwart stünden die drei Thüringer jüdischen Festivals, die sich teilweise seit fast drei Jahrzehnten für die interreligiöse Verständigung und Wissensvermittlung einsetzten, hatte Ramelow bei der Vorstellung des Programms vor einer Woche erklärt.

Im ganzen Land gebe es zudem herausragende Schätze jüdischen Lebens, erklärte Ramelow weiter und nannte als Beispiel die Alte Synagoge in Erfurt als "das älteste in Mitteleuropa bis zum Dach erhaltene jüdische Gotteshaus", das heute ein Museum ist. Direkt an der Krämerbrücke lasse sich ein Blick werfen auf eine Mikwe, ein Bad zur rituellen Reinigung, oder in die Kleine Synagoge auf der anderen Seite des Flusses. Nicht vergessen werden dürfe zudem die Synagoge am Ententeich, der einzige derartige Neubau zu DDR-Zeiten. Das ganze Jahr sei als Prozess zu verstehen. Ständig kämen neue Vorhaben dazu, betonte der Ministerpräsident weiter.

Stichwort: Alte Synagoge

Mitten in Erfurts Altstadt liegt die Alte Synagoge. Sie ist in mehrfacher Hinsicht einmalig: Mit über 900 Jahren ist sie die älteste erhaltene Synagoge Europas. Das Gebäude selbst ist Exponat. Dass es erhalten blieb, gleicht einem Wunder: Nach einem verheerenden Pogrom von 1349 wurde die Synagoge zum Lagerhaus umfunktioniert. Während der NS-Zeit war das Gebäude daher nicht mehr als Gotteshaus zu erkennen und die frühere Nutzung als solches auch nicht mehr bekannt.

Ausgestellt ist darin nun der Erfurter Schatz. Wahrscheinlich 1349 während des Pogroms vergraben, wurde der Schatz 1998 in der Nachbarschaft der Synagoge entdeckt. Neben dem großen Anteil an Silbermünzen und -barren fallen besonders die gotischen Goldschmiedekunststücke ins Auge. Das bedeutendste Stück darunter ist ein goldener jüdischer Hochzeitsring aus dem frühen 14. Jahrhundert.

Kinder-Stadtführer und Thüringen-Guide

Der Berliner Rabbiner Reuven Yaacobov schreibt den ersten Buchstaben der neuen Tora-Rolle für die jüdische Gemeinde in Thüringen.
Der Berliner Rabbiner Reuven Yaacobov schreibt den ersten Buchstaben der neuen Tora-Rolle für die jüdische Gemeinde in Thüringen. Bildrechte: MDR/Samira Wischerhoff

Er sei den beiden Kirchen, die das Themenjahr initiiert hätten, sehr dankbar, sagte der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde, Reinhard Schramm bei der Vorstellung des Programms. Dass Thüringens Christen der Erfurter Synagoge eine neue Tora-Rolle schenkten, "geht uns allen sehr nah", erklärte er. Er freue sich, dass die Entstehung der Tora, die vollständig von Hand geschrieben werde, in vielen christlichen Gemeinden begleitet werde.

Bei allem nötigen Erinnern an die Schrecken der Vergangenheit solle das Themenjahr zeigen, welche großen Beiträge Juden für die Geschichte ihrer Städte und Dörfer geleistet hätten, unterstrichen Ramelow und Schramm. Wissenslücken zu schließen, sei zugleich die beste Möglichkeit, Antisemitismus entgegenzutreten. Viele Projekte der nächsten Monate - wie etwa ein Kinder-Stadtführer zu den Spuren jüdischen Lebens in Erfurt - richteten sich deshalb auch direkt an Schüler.

Heute wieder drei jüdische Gemeinden im Freistaat

Pünktlich zu Beginn des Themenjahres stellte die Tourismus Gesellschaft des Landes die neue Imagebroschüre "Jüdische Kultur in Geschichte in Thüringen" vor. Darin wird zum Beispiel auch das vollständig erhaltene und inzwischen restaurierte jüdische Ensemble aus Mikwe, Schule und Synagoge in Berkach, einem Dorf im Landkreis Schmalkalden-Meinigen, vorgestellt. 34 jüdische Gemeinden habe es in Thüringen - gerade entlang der alten Königsstraße "Via Regia" - gegeben, erinnerte Schramm. Inzwischen seien es - wieder - drei.

Dieses Thema im Programm: MDR+ | 01. Oktober 2020 | 19:30 Uhr