Preisgekrönter Film in der ARD-Mediathek "Masel Tov Cocktail": Jung und jüdisch in Deutschland

"Masel Tov Cocktail" erzählt davon, was es heißt, als Jude in Deutschland aufzuwachsen. Dabei werden antisemitische Anfeindungen ebenso seziert wie Klischees. Nicht belehrend, sondern in einer Coming- of-Age-Geschichte, die wie im Zeitraffer und als rasanter Roadtrip erzählt wird. Eindringlich, dabei komisch und höchst unterhaltsam, in nur 30 Minuten. Preisgekrönt und jetzt in ARD- und ARTE-Mediathek zu sehen.

"Masel Tov Cocktail" von Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch
Dimitrij Liebermann (Alexander Wertmann) startet den Roadtrip zuhause, in seiner Hochhaussiedlung mitten im Ruhrgebiet. Bildrechte: SWR/Filmakademie Baden-Württemberg

Der 16-jährige Dima ist Sohn russischer Einwanderer, Schüler am Gymnasium und – Jude. Das wäre aus seiner Sicht nicht der Rede wert, wenn nicht alle ständig darüber reden würden. So auch sein Klassenkamerad Tobi, der ihn eines Tages in der Toilette mit einem ziemlich schlechten Witz über das Schicksal der Juden in Deutschland und Holocaust-Opfer provoziert. Dima könnte darüber hinweggehen, tut er aber nicht, er schlägt zurück ... Dies hat eine gebrochene Nase und einen Schulverweis zur Folge, verbunden mit der Auflage, sich bei Tobi zu entschuldigen.

Ich soll vor versammelter Klasse meine Opfergeschichte erzählen, sieht man ja, wozu das führt. Unter uns: Was für eine Opfergeschichte eigentlich? Wir kommen aus der fucking UdSSR. Meine Familie wurde nicht aus dem KZ befreit. (Es gab) 500.000 Juden in der Roten Armee. Aber ich glaube, mein Uropa passt nicht ganz in Frau Jachthubers Unterrichtskonzept.

Dima in: "Masel Tov Cocktail"

Rasanter Roadtrip

"Masel Tov Cocktail" von Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch
Dimas Lehrerin Frau Jachthuber (Petra Nadolny, li.) hat Verständnis für Dima (Alexander Wertmann, re.) und seine Wut gegenüber Tobi. Allerdings nervt sie ihn ein bisschen: "Warum eigentlich immer Holocaust, warum soll ich nicht mal reden über Gefilte Fisch?" Bildrechte: SWR/Filmakademie Baden-Württemberg

Aus dem Weg durch die Stadt auf der Suche nach Tobi wird ein rasanter Roadtrip, verbunden mit einer Vielzahl von Begegnungen mit Menschen, die alle eine Haltung zu Juden, zum Judentum haben. Vom naiven Philosemitismus, über Ignoranz bis hin zu Antisemitismus – Dima erlebt die Facetten all dessen, was in Deutschland gedacht und laut oder leise gesagt wird.

Am Ende trifft er an unerwarteter Stelle wieder auf Tobi, beim "Stolperstein-Putzen" in einer Sozialstunde, erneut geraten sie aneinander, reden über die Juden. Könnte diesmal alles gut werden?

Antisemitismus ist wie Herpes. Niemand kennt 'n Heilmittel gegen den Scheiß, man klebt kleine Pflaster auf die Eiterblasen und hofft, dass er schnell wieder verschwindet.

Dima in: "Masel Tov Cocktail"

Ausgezeichnet: CIVIS-Medienpreis, Publikumsliebling - Preisgeld gestiftet

"Masel Tov Cocktail" von Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch
Für Dimas Opa (Moisej Bazijan, li.) steht fest: Sein Enkel muss eine Jüdin heiraten. Er wird nicht müde das seinem Enkel beizubringen. Auf Dimas Bar-Mizwa nutzt er wieder einmal die Gelegenheit. Bildrechte: SWR/Filmakademie Baden-Württemberg

Nachdem "Masel Tov Cocktail" Mitte September den mit 4.000 Euro und vom MDR gestifteten Publikumspreis beim Filmfest Dresden bekam sowie beim Max-Ophüls-Festival und dem Jüdischen Filmfestival Berlin und Brandenburg abräumte, konnten sich die Regisseure Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch sowie Drehbuch-Ko-Autorin Merle Teresa Kirchhoff jetzt auch über den mit 15.000 Euro dotierten CIVIS TOP AWARD und den Young C freuen.

Khaet sagte bei der Verleihung am vergangenen Freitag, dass im Team beschlossen wurde, das Preisgeld zu stiften: "Filme über Juden gewinnen Preise in Deutschland. Das ist toll. (...) Wir würden das Preisgeld aber gern weiterleiten an zwei Organisationen, wo Menschen arbeiten, die nicht so sehr im Mittelpunkt der Öffentlichkeit stehen, an das democ - das Zentrum Demokratischer Widerspruch e.V. und an den Opferfonds CURA der Amadeu-Antonio-Stiftung für Betroffene von rechter Gewalt.

69 Prozent aller Deutschen glauben, dass ihre Vorfahren im Zweiten Weltkrieges nicht unter den Tätern waren. 29 Prozent glauben, dass ihre Vorfahren Opfern geholfen haben, zum Beispiel indem sie Juden versteckten. Tatsächlich waren es unter 0,1 Prozent.

Faktencheck mit Dima in "Masel Tov Cocktail"

Dass es leider nicht mehr allein um die so genannte Vergangenheitsbewältigung geht, bringt Dima in "Masel Tov Coctail in direkter Ansprache so auf den Punkt:

Gucken Sie nach vorne, bewältigen Sie die Gegenwart!

Dima in: "Masel Tov Cocktail"

Im Team

Arkadij Khaet (re.) und Mickey Paatzsch (li.) bei den Dreharbeiten.
Arkadij Khaet (re.) und Mickey Paatzsch (li.) bei den Dreharbeiten. Bildrechte: SWR/Filmakademie Baden-Württemberg

Der Film entstand als Koproduktion der Filmakademie Baden-Württemberg mit SWR und Arte. Die Regisseure Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch kennen sich seit ihrem Film- und Fernsehstudium in Köln, seither schreiben sie zusammen Drehbücher und führen gemeinsam Regie. Khaet studiert derzeit Spielfilmregie an der Filmakademie Baden-Württemberg, während Paatzsch gerade sein Studium der Philosophie an der Universität zu Köln abschließt. Ihre Kurzfilme liefen weltweit auf Filmfestivals und gewannen zahlreiche Preise.

Mediatheks-Tipp "Masel Tov Cocktail" ist jetzt und für sechs Monate in der ARD Mediathek zu sehen. Außerdem in der ARTE-Mediathek.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | 04. Oktober 2020 | 23:35 Uhr