Geschichte vergegenwärtigen Neue Zeitzeugen – Wie Jugendliche in Halle gegen Antisemitismus mobil machen

Vor einem Jahr und sechs Monaten wurde sein bester Freund erschossen. Beim Terroranschlag von Halle. Max Hirsch weiß damals nicht, wie er mit dem Geschehenen umgehen soll. Er findet den Weg zu anderen Jugendlichen in Halle, die sich "Die neuen Zeitzeugen" nennen. Schon vor dem Anschlag auf die Synagoge hatten sie begonnen, gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit mobil zu machen. Sie gehen seit Jahren auf Spurensuche, verfolgen die Schicksale deportierter Familien aus Halle, putzen Stolpersteine, besuchen die KZ-Gedenkstätte Auschwitz. In einem "Tagebuch der Gefühle" und via Youtube geben sie Auskunft über ihren eigenen Zugang zur NS-Geschichte. So wollen sie andere Jugendliche erreichen, damit sie nicht in Vergessenheit gerät, wenn die letzten lebenden Zeitzeugen nicht mehr da sein werden.

Was die "Neuen Zeitzeugen" in Halle antreibt
Max Hirsch in Halle an dem Ort, an dem sein Freund Kevin starb Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sie nennen sich "Die neuen Zeitzeugen" – junge Frauen und Männer aus Halle, die gegen das Vergessen kämpfen. Nico Schuchardt gehört dazu und erklärt: "Wir sind die neuen Zeitzeugen, indem wir die Geschichte weiter aufarbeiten, die geschehen ist und wir sind die neuen Zeitzeugen für das, was heute hier und jetzt in Deutschland passiert." Das sagt der 18-jährige natürlich auch mit Blick auf den Anschlag vom 9. Oktober 2019 in seiner Heimatstadt, als ein rechtsextremistischer Attentäter versucht, am höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur, in die Synagoge einzudringen, um dort "möglichst viele Menschen" umzubringen.

Wir sehen rechtsextremistische Attentate, wir müssen darüber aufklären, das ist unser großes Ziel: Jetzt erst recht!

Nico Schuchardt

Damals sind die Jugendlichen nicht nur tief betroffen, sie produzieren auch ein Youtube-Video mit einer klaren Botschaft: "Kein Platz für Antisemitismus".

Wut und Hilfosigkeit: Wie Max Hirsch zum Projekt kam

Was die "Neuen Zeitzeugen" in Halle antreibt
Erinnerung an Jana Lange und Kevin Schwarze, die beiden Opfer des Anschlags von Halle 2019 Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als der Anschlag von Halle das Land erschüttert, arbeiten die Jugendlichen schon zwei Jahre an ihrem "Neue Zeitzeugen"-Projekt. Für Max Hirsch ist Antisemitismus da noch kein Thema. Er lebt unbeschwert, verbringt seine Freizeit beim Fußball, zusammen mit seinem besten Freund Kevin. Bis Kevin Schwarze am 9. Oktober 2019 erschossen wird. Er ist eins der beiden Opfer von Halle, die es zufällig trifft, nachdem der Attentäter an der Synagogentür gescheitert ist: die 40-jährige Jana Lange auf dem Heimweg, den 20-jährigen Malerlehrling Kevin Schwarze, als er seine Mittagspause im Kiez-Döner verbringt. Max Hirsch steht immer noch fassungslos am Ort des Geschehena. Kevin sei wie ein Bruder für ihn gewesen, sagt er: "Da drin hat er um sein Leben gewinselt."

Was die "Neuen Zeitzeugen" in Halle antreibt
Engagiert bei den "Neuen Zeitzeugen": Nico Schuchardt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wie so ein Anschlag überhaupt passieren kann, das habe er sich damals gefragt, erzählt er. Er will verstehen, was nicht zu verstehen ist, studiert jedes Detail der Tat. Was bleibt, ist Hilflosigkeit und die Wut, mit der er am liebsten den Attentäter konfrontiert hätte, um ihn zu fragen, was "diese Scheiße" soll. Zwei Tage nach der Tat schließt er sich den "Neuen Zeitzeugen" an, um aktiv etwas zu unternehmen gegen den von Antisemitismus und Rassismus befeuerten Hass. Nico Schuchardt erinnert sich an die Begegnungen: "Max war zu der Zeit wirklich sehr in Trauer. Ich habe viel mit ihm gesprochen und mir war klar, dass wir als Gruppe ihn unbedingt aufnehmen müssen." Die Jugendlichen fangen Max auf. Sie helfen gegen die Hilflosigkeit, teilen seinen Schmerz. Max Hirsch meint dazu rückblickend, sein Ausbilder habe ihm damals gesagt, er habe seinen besten Kumpel verloren, aber zwei Tage darauf sehr viele neue Freunde kennengelernt.

Spurensuche vor der Haustür

Was die "Neuen Zeitzeugen" in Halle antreibt
Vor der Synagoge von Halle Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Inzwischen hat er einiges über das Grauen des Nationalsozialismus erfahren und das in nächster Nähe: Beispielsweise im nahen Bernburg auf dem Gelände des heutigen Fachklinikums, wo psychisch Kranke von den Nazis umgebracht wurden, vergast in der Tötungsanstalt T-4. Rund 14.000 Patientinnen und Patienten aus Heil-und Pflegeanstalten sowie Häftlinge aus den Konzentrationslagern Buchenwald, Flossenbürg, Groß-Rosen, Neuengamme, Ravensbrück und Sachsenhausen starben in Bernburg, wo ab 1940 eine der sechs zentralen "Euthanasie"-Anstalten eingerichtet worden war.

Man sieht, was man früher nicht gelernt hat in Geschichte.

Max Hirsch

"Tagebuch der Gefühle": Spontan, authentisch, ungeschliffen

Was die "Neuen Zeitzeugen" in Halle antreibt
Sich Geschichte vergegenwärtigen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Insgesamt 36 Jugendliche aus sieben Bildungseinrichtungen sind beteiligt an dem "Neue Zeitzeugen"-Projekt, sie recherchieren in ihrer Freizeit zur Geschichte der jüdischen Bevölkerung in der Region, in Deutschland und Europa. Sie unternehmen Exkursionen, forschen im Stadtarchiv oder befragen noch lebende Zeitzeugen. Sie suchen nach Spuren dort, wo getötet wurde. So führte sie eine ihrer Reisen ins Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Das, was sie dabei empfinden, halten sie für sich fest in einem "Tagebuch der Gefühle". Spontan, authentisch, ungeschliffen. Ihre Sprache ist eine andere als die in den Geschichtsbüchern. So schaffen sie sich ihren Zugang abseits sachlicher Dokumentation: "Man muss ganz klar sagen, dass die Gefühle vor Ort ganz andere sind als die, die ich habe, wenn ich im Geschichtsbuch lese. Oft gehen einem komplett verrückte Sachen durch den Kopf", erklärt Nico Schuchardt.

Kein Schluss-Strich

Was die "Neuen Zeitzeugen" in Halle antreibt
Jeder Stoplperstein ein Schicksal Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ihm ist es wichtig, dass die "Neuen Zeitzeugen" viele andere Jugendliche erreichen. Sie wollen Schicksale enthüllen, die noch nie erzählt wurden. Auch direkt vor ihrer Haustür, in Halle und dem südlichen Sachsen-Anhalt. Was sie erfahren haben, erzählen sie weiter, lesen aus ihren Tagebüchern, offenbaren ihre Gefühle. Für ihn und seine Mitstreitenden ist es DER Weg, Aufmerksamkeit für ein Thema zu bekommen, unter das so manch einer gern den Schluss-Strich ziehen würde.

Das "Neue-Zeitzeugen"-Projekt in Halle

Vor rund 20 Jahren wurde das "Neue Zeitzeugen"-Projekt von der Stiftung Bildung und Handwerk (SBH Südos) in Halle ins Leben gerufen. Die Initialzündung kam vom pädagogischen Mitarbeiter Andreas Dose, nachdem er von einem Jugendlichen gefragt worden war, wann Hitler eigentlich die Mauer gebaut habe. Danach organisierte er die erste Bildungsfahrt nach Polen. Vor dem Besuch der KZ-Gedenkstätte Auschwitz bat er die Jugendlichen, ihre Gefühle festzuhalten. So entstand 2021 das erste "Tagebuch der Gefühle", inzwischen ist ein viertes in Arbeit. Über die Exkursionen wird heute auch in Videos via Youtube berichtet, die Jugendlichen erstellen sie selbst, um über ihre Gedanken und Gefühle Auskunft zu geben, es ist ihre Form, mit den Zeitzeugnissen in Dialog zu treten.

Im Rahmen des Projektes "OPENION - Bildung für eine starke Demokratie" der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung haben sich die Bildungseinrichtungen SBH Südost GmbH und die Kooperative Gesamtschule "Ulrich von Hutten" aus Halle gemeinsam auf Spurensuche begeben: Sie verfolgten die Schicksale deportierter Familien aus Halle. Sie suchten und putzten Stolpersteine, besuchten das Hallesche Stadtarchiv, das Gefängnis "Roter Ochse", die Synagoge und den jüdischen Friedhof der Stadt sowie die KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Die Erfahrungsberichte über das Erlebte wurden beispielsweise auch im Rahmen der Interkulturellen Woche 2019 in einer Lesung vorgetragen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 25. März 2021 | 22:40 Uhr