Jüdisches Leben in Mitteldeutschland Wie 2021 Pessach feiern: "Es wird keiner vergessen"

Mit Sonnenuntergang beginnt am 27. März nach jüdischem Kalender das Pessach-Fest. Ein Fest, das an den Auszug aus Ägypten erinnert. Einige Rituale gehören dazu, um diesen Gewinn der Freiheit in großer Gemeinschaft zu feiern: Der Seder-Abend und vorher das gründliche Reinigen vor allem der Küche. Und natürlich das ungesäuerte Mazze-Brot. Doch wie Pessach feiern, wenn auch die jüdischen Gemeinden mehr oder weniger im Lockdown sind?

Ungesäuertes Brot
Ungesäuertes Brot gehört zu Pessach. Diese Tradition geht darauf zurück, dass die Israeliten vor ihrem Auszug aus Ägypten keine Zeit mehr hatten, Hefe- oder Sauerteig anzusetzen. Um die Wohnung von allem Gesäuerten zu befreien, findet vor Pessach ein gründlicher Hausputz statt. Bildrechte: Colourbox.de

Vor der Kleinen Synagoge in der Erfurter Altstadt steht Lutz Balzer, Musiker und Mitglied der jüdischen Gemeinde. Für ihn ist Pessach eigentlich ein glückliches Familienfest. Doch auch in diesem Jahr wird es wieder nichts mit einer großen Feier, bedauert er. So wie bereits im vergangenen Jahr, als gerade der erste Lockdown eingeläutet worden war und sich die "alljährliche Gastgeberin gerade in Quarantäne" befand. Da zog Lutz Balzer kurzerhand mit seiner Frau und der Gitarre los, um wenigstens im Hof ein paar Lieder zu singen.

Feiern: Im kleinen Kreis

Ein lächelnder Mann
Musiker und Fotograf Lutz Balzer Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Normalerweise feierten sie Jahr für Jahr mit der deutsch-israelischen Familie das Pessach-Fest - gemeinsam mit anderen Gästen, erzählt er. Eine lange Tafel werde gedeckt mit den vorbereiteten rituellen Speisen. Seine Aufgabe sei es, die Pessachlieder zu singen: "Das werden jedes Jahr mehr", lacht er.

Pessach fällt dieses Jahr nicht aus, wird aber anders gefeiert, auch beim Rabbiner der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Alexander Nachama. Er feiert im engsten Kreis der Familie, die in Erfurt wohnt und "leider nicht im Kreise der Gemeinde, wie wir das sonst getan hätten und auch nicht im Kreise der großen Familie, die in Berlin oder anderswo wohnt."

Gemeindeleben

Weil zu seiner Gemeinde vor allem viele ältere Menschen gehörten, sei die Situation derzeit nicht leicht. Die Mitarbeitenden im Büro seien zwar immer ansprechbar. Sie versuchten per Telefon mit vielen Mitgliedern Kontakt zu halten und ihnen auch jederzeit zu helfen. Selbst wenn es - wie derzeit sehr oft - um die Frage der Impftermine gehe.

Es werde keiner vergessen, versichert auch Lutz Balzer. Auch nicht jene, die alleine und auf den Zusammenhalt in der Gemeinschaft angewiesen seien. Gerade zu den Feiertagen: "Gemeindemitglieder können sich Mazza abholen - das ungesäuerte Brot - das wird extra bestellt und koscheren Wein." 

Was der "Auszug aus Ägypten" bedeutet

Das Fest Pessach dauert acht Tage und erinnert an die Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten. Und weil - so erzählt es die hebräische Bibel - damals in der Eile einfach keine Zeit blieb, um den Brotteig säuern zu lassen, isst man bis heute zu Pessach ungesäuertes Mazzebrot. Der Ursprung des Festes, der "Auszug aus Ägypten" sei vor allem mit dem Gedanken der Freiheit verbunden, erklärt Rabbiner Nachama:

Freiheit ist nichts Selbstverständliches, und deshalb sagt die jüdische Tradition, man solle sich vorstellen, man wäre selbst aus Ägypten ausgezogen, man wäre selbst erst durch Gottes Hilfe in Freiheit gekommen.

Alexander Nachama Rabbiner

Dieser Gedanke erinnert an die heutige Situation, in der deutlich werde, dass Freiheit etwas Besonderes sei, etwas nicht selbstverständlich Vorhandenes, führt Nachama weiter aus. Der Rabbiner meint, das könne auch bedeuten, sie in bestimmten Zeiten einschränken zu müssen, "damit wir sie später umso mehr genießen können".

Es gibt Salziges, Süßes und Bitteres - und geputzt wird

In Pandemiezeiten kann etwa der große gemeinsame Sederabend in der Gemeinde nicht stattfinden. Bei diesem gemeinsamen Mahl haben viele Speisen Symbolcharakter. Es gibt Salziges, Süßes und Bitteres. Rohes Gemüse - wird in Salzwasser getunkt. Man reicht Nüsse und Früchte, aber auch gekochtes Ei. Jedem Lebensmittel wird ein Bild, eine Situation zugeordnet, um damit an jene zu erinnern, die einst den beschwerlichen Weg in die Freiheit antraten. 

Vorher wird traditionell die Wohnung vom Chamez befreit, von Schmutz und Staub, wie Alexander Nachama erläutert: "Also wir kommen aus dem Winter raus und säubern tatsächlich jede kleine Ecke, man soll alles untersuchen, ob da vielleicht doch noch irgendwelche Brotkrümel sind."

Suche nach dem Mazzebrot

Die letzten Krümel werden - meist zur Freude der Kinder - mit einer Feder weggewischt.

Und sie sind es auch, die ein kleines, verstecktes Stück Mazzebrot finden dürfen, um dann - zu Pessach - ein kleines Geschenk zu erhalten.

Jüdisches Leben in Thüringen

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. März 2021 | 09:15 Uhr

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