Porträt der jüdischen Schriftstellerin Svetlana Lavochkina "Weißt du, ich bin Jüdin"

Das Leben war für Juden in der Sowjetunion nicht leicht. Offiziell gab es zwar keinen Antisemitismus im Sozialismus, und doch existierte er. Auch in der Ukraine, wo die jüdische Schriftstellerin Svetlana Lavochkina aufgewuchs. Seit gut 20 Jahren lebt sie in Leipzig. Wie blickt sie auf ihre Geschichte und die jüdische Identität? Linda Schildbach hat sie besucht.

Porträt der ukrainischen Schriftstellerin Svetlana Lavochkina
Svetlana Lavochkina Bildrechte: Pavel Gitin

Bis ganz nach oben an die Decke ragen die dunkelbraunen Bücherregale im Schlafzimmer von Svetlana Lavochkinas Leipziger Altbauwohnung. Literatur und Sprachen waren für die 47-Jährige schon immer der Schlüssel zu einer größeren, vernetzten Welt gewesen.

Mit der englischen Literatur bin ich aufgewachsen. Und das ist für mich immer so eine Leidenschaft gewesen, die englische Sprache. Das ist für mich die Sprache der Kunst. Auf Russisch würde ich nie etwas schreiben, das wäre mir peinlich.

Svetlana Lavochkina

Lyrik ins Russische und Ukrainische zu übersetzen ist dagegen kein Problem für sie. Doch die Sprache ihres literarischen Schaffens ist und bleibt Englisch. In britischen und US-amerikanischen Anthologien sowie Literaturmagazinen werden Svetlana Lavochkinas Texte veröffentlicht.

Buchcover Puschkins Erben
Buchcover Puschkins Erben Bildrechte: Verlag Voland & Quist

2013 erhielt sie für ihre Novelle “Dam Duchess” den Pariser Literaturpreis, ihr Debütroman “Zap” erschien vier Jahre später unter dem Titel “Puschkins Erben” bei dem Leipziger Verlag Voland und Quist. In die Geschichte über eine ukrainisch-jüdische Familie in den 1970er Jahren webte sie auch Elemente aus ihrer eigenen Biografie ein - allerdings überspitzt, ins Groteske gezogen, erzählt Lavochkina.

Leben und Literatur haben ganz verschiedene Gesetze. Man kann nicht das, was im Leben passiert direkt in die Literatur übertragen. Das wird nicht glaubwürdig sein, weil das Leben so viel spannender ist.

Svetlana Lavochkina

Auch das von Svetlana Lavochkina. Doch wie war das mit dem Jüdischsein in der Ukraine?  Besonders religiös seien ihre Eltern nicht gewesen, erzählt die 47-Jährige.

Nachdem Stalin Ende der 1940er Jahre alles “Jüdische” offen verfolgen ließ, hatten sich spätestens in den 60er Jahren die meisten Juden dem sowjetischen Lebensstil angepasst.

Svetlana Lavochkina wächst als einziges Kind ihrer Eltern in der Südostukraine auf, in der Industrie-Großstadt Saporischschja. In der kleinen Plattenbauwohnung ist es oft voller Verwandten und Bekannten.

Pessach hat man bei uns gefeiert. Man hat so diese spezielle Hühnersuppe gekocht und Mazzes gegessen. Die mag ich immer noch. Und das jüdische Neue Jahr wurde auch gefeiert.

Svetlana Lavochkina

"Wir sind Juden - sag’s niemandem! "

Was das mit ihrer eigenen Identität zu tun hat, lernt Svetlana Lavochkina bereits im Kindergarten. Als dort ein Fest gefeiert wird, das die sowjetischen Nationalitäten ehrt - mit hübschen Puppen in Trachten aus Kirgistan, Usbekistan, der Ukraine oder Russland und so weiter - fragt sie ihre Oma zu Hause: Wer sind denn wir?

Und dann hat meine Oma eine Pause gemacht und hat mir ins Ohr geflüstert: Wir sind Juden - sag’s niemandem! Und dann dachte ich: Okay. Natürlich habe ich das am nächsten Tag mit meinem besten Kindergartenkumpel geteilt: Weißt du, ich bin Jüdin. Und dann hat er mir zugeflüstert: Ich auch!

Svetlana Lavochkina

Glück habe sie da gehabt, findet die Autorin heute. Denn Antisemitismus habe es in ihrer Heimat gegeben, auch wenn sie es in ihrer Kindheit nicht direkt gespürt habe. Ihre Mutter durfte nicht Medizin studieren und wurde stattdessen Klavierlehrerin. Ihr Vater war Ingenieur und Fotograf. Sie selbst musste sich sieben Mal bewerben, bevor sie an einer pädagogischen Fachhochschule Sprachen studieren durfte.

Ich wollte wirklich Weltbürgerin sein, und ich wollte mehr Sprachen lernen. Ich wusste damals noch nicht, dass ich schreiben werde, ich habe relativ spät damit angefangen.

Svetlana Lavochkina

Deshalb und wegen der besseren medizinischen Versorgung verlässt sie mit 26 Jahren ihre geliebte Heimat. Sie ist schwanger, als sie mit ihrem Mann ihrem Mann nach Deutschland geht. Als sogenannte Kontingentflüchtlinge können sie wählen, ob sie in Dresden, Chemnitz oder Leipzig leben wollen.

Blick auf die Synagoge in Halle 28 min
Bildrechte: dpa

Ein Jahr ist seit dem Anschlag auf die Synagoge in Halle vergangen. Wie hat sich das Leben der Betroffenen verändert? MDR KULTUR erkundet jüdisches Leben in Mitteldeutschland und blickt auf die wechselvolle Geschichte.

MDR KULTUR - Das Radio Do 08.10.2020 18:00Uhr 27:38 min

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Die Messestadt sei Liebe auf den ersten Blick gewesen, erzählt sie mit einem Leuchten in den Augen. Und wie war das für sie als Jüdin, als sie nach Deutschland kam? Hat sie sich hier anders mit ihrer Identität auseinandergesetzt?

Naja, diese Angst sitzt bei unseren Landsleuten noch immer sehr tief. Die mögen nicht unbedingt erwähnen, wie sie hierher gekommen sind. Dass sie jüdische Zuwanderer sind, dass sie Kontingentflüchtlinge sind, das verheimlichen sie oft. Ich tue das nicht.

Svetlana Lavochkina

Buchtipp: Svetlana Lavochkina
Puschkins Erben

Roman
368 Seiten
Verlag Voland & Quist
ISBN 978-3-863912-42-0
EUR 24.00

Stolz auf ihre jüdische Herkunft

Sie und ihre Familie hätten sich eine neue Identität erarbeitet, sagt Lavochkina: sie seien Weltbürger, Kosmopoliten. Dennoch ist sie stolz auf ihre jüdische Herkunft.

Zudem ist sie Mitglied der jüdischen Gemeinde und redet mit ihren beiden Söhnen darüber, was es bedeutet jüdisch zu sein. Auch die wichtigen Feiertage zelebrieren sie in der Familie - darunter natürlich die Bar Mitzvah:

Gerade das sind die Augenblicke, wo man diese Zugehörigkeit spürt. Wo gesungen, gebetet, getanzt wird. Diese wunderschöne Musik, die einem das Innere erklingen lässt. Das klingt in den Genen.

Svetlana Lavochkina

Svetlana Lavochkina hofft, dass sich das jüdische Leben in Mitteldeutschland weiter entfalten und entwickeln wird und dass sich mehr junge Menschen engagieren. Und sie hat noch einen anderen Wunsch.

Dass mehr Vielfalt reinkommt. Ich würde schon träumen, dass hier eine Rabbinerin tätig sein wird, so wie es in Amerika typisch ist.

Svetlana Lavochkina

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Religion und Gesellschaft | 18. Oktober 2020 | 09:00 Uhr