Schabbat Schalom: Pekudej | MDR Kultur | 04.03.2022 Rabbiner Alexander Nachama über Geduld und Empathie als Schlüssel

Was tun, wenn sich andere zurückziehen, nicht mehr offen mit uns sprechen? Bei gestörter Kommunikation helfen nur Geduld und Einfühlungsvermögen, meint Rabbiner Alexander Nachama in seiner Auslegung des Wochenabschnitts "Pegudaj".

Rabbiner Alexander Nachama 5 min
Bildrechte: Paul-Philipp Braun
5 min

Was tun, wenn sich andere zurückziehen, nicht mehr offen mit uns sprechen? Bei gestörter Kommunikation helfen nur Geduld und Einfühlungsvermögen, meint Rabbiner Alexander Nachama.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 04.03.2022 15:30Uhr 04:38 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

In zwischenmenschlichen Beziehungen mag es Phasen geben, in denen es schwer erscheint, den jeweils Anderen zu erreichen. Nicht etwa aufgrund einer defekten Telefonleitung oder einer instabilen Internetverbindung, sondern weil wir merken, dass diese Person gerade verschlossen ist, nur oberflächlich kommuniziert oder vielleicht gar keinen Kontakt möchte. Im übertragenen Sinn versuchen wir, die Tür zum anderen zu öffnen, merken aber, dass diese verschlossen ist.

Die Wolke über dem Stiftszelt

In dieser Woche, im Abschnitt Pekudej, lesen wir, wie Mosche das Stiftszelt vollendet. Darin heißt es: "Als Mosche das Werk vollendet hatte, da bedeckte die Wolke das Stiftszelt und die Herrlichkeit des Ewigen erfüllte die Wohnung. Mosche konnte nicht in das Stiftszelt hineingehen, denn die Wolke ruhte darauf."

Mosche hatte dem Ewigen ein Haus, ein Heiligtum eingerichtet, er konnte es aber nicht betreten, wenn die Wolke das Stiftszelt bedeckte und die Herrlichkeit des Ewigen die Wohnung erfüllte. Aber ist das so? Warum durfte Mosche das Stiftszelt nicht betreten?

Elie Munk, ein Rabbiner des 20. Jahrhunderts aus Frankreich, schreibt: "Man könnte annehmen, dass Mosche in das Heiligtum (das Stiftszelt) treten konnte, so wie er auch auf dem Sinai mitten in der Wolke war."

Kurz erklärt: Der Berg Sinai galt für die Dauer der Offenbarung der Tora als Heiligtum, das Mosche als einziger der Israeliten betreten durfte. So kann man das tragbare Heiligtum, das Stiftszelt, durchaus mit dem Sinai vergleichen.

Nicht eintreten, ohne gebeten zu sein

Munk setzt fort, dass Mosche jedoch wusste, dass er das Stiftszelt nicht betreten durfte, "bis er dazu von Gott aufgefordert worden war."

Auch das trifft auf die Offenbarung am Sinai zu, lesen wir doch, dass Mosche aus der Wolke gerufen worden ist. Erst danach bestieg er den Berg. Es heißt in der Tora: "Als sich nun der Ewige auf den Berg Sinai, nämlich auf die Spitze des Berges, herabgelassen, rief der Ewige den Mosche auf den Berg hinauf. Mosche stieg hinauf."

Nachmanides, ein bedeutender jüdischer Gelehrter, Arzt und Philosoph aus dem 13. Jahrhundert, kommt zu dem Schluss: Mosche könnte eigenständig in das Stiftszelt gehen, doch er tut dies nicht, bis er von Gott dazu aufgefordert bzw. eingeladen worden ist.

Mosche richtet das Haus für den Ewigen ein und überlässt dieses dann Gott. Er übt sich in Geduld, bis er, wie Raschi in seinem Kommentar aus dem 11. Jahrhundert feststellt, von Gott dazu eingeladen wird, das Stiftszelt zu betreten. So kann Mosche im weiteren Verlauf der Tora das Stiftszelt betreten, während die Präsenz Gottes  darin weilte.

Nachmanides zählt drei Schritte, die dazu führen, dass Mosche in die Präsenz Gottes aufgenommen wird:

1. Mosche ruft den Ewigen.

2. Der Ewige gestattet Mosche zu kommen.

3. Mosche wird in die Präsenz Gottes aufgenommen.

Verständnis, Geduld und Empathie

Dieses Prinzip kann man auch auf Menschen anwenden, die, wie aus der Schöpfungsgeschichte hervorgeht, im Ebenbild Gottes erschaffen worden sind: Wir signalisieren dem Anderen, dass wir da sind. Wir tun dies mit viel Empathie. Etwa in einem Gespräch oder – wenn ein Gespräch nicht möglich ist – durch eine Nachricht. Möglichst jedoch keine Nachricht, die mit einem Vorwurf verbunden ist.

So zeigen wir der anderen Person an, dass wir für sie da sind, dass sie nicht alleine ist. Dennoch können wir manchmal vor verschlossenen Türen stehen, wie es Mosche in diesem Abschnitt tut. Es mag schwer sein, dies zu akzeptieren, schließlich wollen wir dem anderen Menschen helfen, ihm nahe sein. Hätte Mosche sich hingestellt und angefangen zu sinnieren, wie ungerecht es doch sei, dass er nach dem ganzen Aufwand nicht in das Stiftszelt darf, während Gottes Herrlichkeit in ihm wohnt, so bin ich mir nicht sicher, ob er später hineingekommen wäre.

Verständnis, Geduld und Empathie mögen dagegen die Schlüssel sein, wie wir eine Tür auch in schweren Zeiten ganz vorsichtig öffnen können.

Schabbat Schalom!

Zur Person: Alexander Nachama Geboren 1983 in Frankfurt am Main. 2005 erhielt er von Rabbiner Zalman Schachter-Shalomi, dem Gründer der Rabbiner- und Kantorenschule "Aleph", eine Urkunde als Kantor. 2008 erhielt er einen Bachelor in Judaistik (Freie Universität Berlin), 2013 einen Master (Universität Potsdam).

Ab 2007 absolvierte er eine Ausbildung am Abraham Geiger Kolleg mit Studienaufenthalten in Israel, die er 2013 mit der Ordination zum Rabbiner abschloss. 1998 - 2011 amtierte Alexander Nachama zunächst als ehrenamtlicher Vorbeter, später als Kantor in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.

In den Jahren 2012 - 2018 war er Gemeinderabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Dresden. Seit 2018 ist er Landesrabbiner der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen.

Schabbat Schalom bei MDR KULTUR Die Sendung bezieht sich auf die jüdische Tradition, die fünf Bücher Moses im Gottesdienst der Synagoge innerhalb eines Jahres einmal vollständig vorzulesen. Dabei wird die Thora in Wochenabschnitte unterteilt. Zugleich ist es häufige Praxis, die jeweiligen Wochenabschnitte auszulegen.

Bei MDR KULTUR geben die Autorinnen und Autoren alltagstaugliche Antworten auf allgemeine Lebensfragen, mit denen sie auch zur persönlichen Auseinandersetzung anregen. Zugleich ist "Schabbat Schalom" eine Einführung in die jüdische Religion, Kultur und Geschichte.

"Schabbat Schalom" ist immer freitags um 15:45 Uhr bei MDR KULTUR zu hören sowie online abrufbar bei mdr.de/religion.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr aus Religion und Gesellschaft im MDR

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR | 04. März 2022 | 15:45 Uhr