MDR Kultur | 27.05.2022 Schabbat Schalom mit Alexander Nachama: "Bechukotai" – Vertrauen und handeln

Wo müssen wir selbst aktiv werden – und wo dürfen wir auf Gott vertrauen? Beides, menschlicher Gestaltungswille und das Hoffen auf Gottes Hilfe, greift ineinander, meint Rabbiner Alexander Nachama in seiner Auslegung des Wochenabschnitts.

Rabbiner Alexander Nachama
Rabbiner Alexander Nachama legt "Bechukotai" aus. Bildrechte: Paul-Philipp Braun

Es gibt die Geschichte eines Geschäftsmanns, der nur höchst unregelmäßig in die Synagoge ging. Eines Tages fragte ihn der Rabbiner: "Wieso kommst Du so unregelmäßig in die Synagoge?" Der Geschäftsmann antwortete: "Ich komme immer dann, wenn ich in der Woche einen Gewinn gemacht habe." Daraufhin schaute der Rabbiner sehr traurig. Der Geschäftsmann fragte ihn: "Was ist denn plötzlich los?" "Ach, Du tust mir leid", antwortete der Rabbiner. „So selten, wie ich Dich sehe, scheinst Du wirklich nur sehr wenig Gewinn zu machen!"

Wie ist es eigentlich mit dem Vertrauen, das wir Gott schenken? Ist es abhängig von bestimmten Erlebnissen? Vertrauen wir Gott, wenn es uns gut geht und zweifeln wir an Gott, wenn wir eine schwierige Phase in unserem Leben durchmachen?

Gottvertrauen bringt Segen

In der Haftara, dem Prophetenabschnitt zu Bechukotai, heißt es: „Gesegnet sei der Mensch, der sich auf den Ewigen verlässt." Es ist ein Vers, der gerne in der jüdischen Liturgie zitiert wird, so beispielsweise im Tischgebet. Dort lesen wir diesen Vers immer zum Schluss, im letzten Abschnitt. Derjenige, der sich auf Gott verlässt, sei gesegnet. Oder anders ausgedrückt: Vertrauen ist wie ein Segen.

Stellen wir uns die folgende Situation vor: Ein Kind, das keine guten Zensuren in der Schule schreibt, das diesen Vers hört und sagt: "Das ist ja prima. Ich werde aufhören für die Schule zu lernen und fortan all mein Vertrauen in Gott setzen! Dafür sprechen zwei gute Gründe: Erstens kann ich dann viel mehr Zeit für meine Hobbys aufbringen. Zweitens werde ich dann, wie mir dieser Vers verspricht, ein gesegneter Mensch sein. Die guten Zensuren werden dann schon folgen."

Aber wäre das wirklich im Sinne dieses Verses? Schauen wir uns den Kontext an, in dem dieser Vers steht. Es geht darum, dass sich Menschen Gottheiten machen. Es heißt: "Verflucht sei der Mensch, der sich auf einen Menschen verlässt." Es ist das genaue Gegenteil von dem Vers, den wir eben besprochen haben. Auf Menschen vertrauen bringt Fluch. Gott zu vertrauen bringt dagegen Segen.

Der Segen, nicht alleine zu sein

Offen bleibt die Frage, was es konkret bedeutet, auf Gott zu vertrauen. Ideal wäre es sicherlich, wenn das Vertrauen bedingungslos wäre: Weniger abhängig von Erfolg oder Misserfolg, beziehungsweise Ergebnis unseres Wohlergehens in der Gegenwart. Aber ist das wirklich realistisch? Haben wir nicht alle mit vielen unterschiedlichen Gefühlen zu tun? Gehören Zweifel manchmal nicht auch dazu?

In der Haftara heißt es zu Beginn, dass Gott "meine Macht, meine Feste, meine Zuflucht am Tage der Not sein" wird. Gott zu vertrauen, wenn es nicht so gut läuft, "am Tage der Not" – auch das bringt einen Segen. Es bringt den Segen, nicht alleine zu sein, eine Zuflucht zu haben. Wir sind nicht über alles erhaben, aber wir lassen uns auch nicht alles nehmen: Wir vertrauen Gott.

Also anders, als das Kind, das aufhört für die Schule zu lernen: Der Segen würde darin liegen, für die Schule zu lernen und gleichzeitig auf Gott zu vertrauen. Eigener Einsatz ist jedoch erforderlich.

Unsere Fähigkeiten im Leben anwenden

Das ist so wie mit einem neuen Buch, das wir geschenkt bekommen. Ein Buch das uns interessiert, ein Buch, das viele interessante Informationen enthält. Bis wir dieses Buch gelesen haben, wird es uns kaum weiterhelfen, es sei denn, wir benutzen es vielleicht, um einen wackligen Tisch auszugleichen.

So ist es allgemein. Solange wir die Fähigkeiten, die wir besitzen, nicht in unserem Leben anwenden, werden sie uns nicht viel bringen. Wenden wir unsere Fähigkeiten an und schenken Gott unser Vertrauen, so stehen wir auf zwei Beinen, weil der Glaube an Gott uns hoffentlich die Sicherheit gibt, auch schwierige Situationen zu überstehen.

Schabbat Schalom!

Schabbat Schalom!

Zur Person: Alexander Nachama Geboren 1983 in Frankfurt am Main. 2005 erhielt er von Rabbiner Zalman Schachter-Shalomi, dem Gründer der Rabbiner- und Kantorenschule "Aleph", eine Urkunde als Kantor. 2008 erhielt er einen Bachelor in Judaistik (Freie Universität Berlin), 2013 einen Master (Universität Potsdam). Ab 2007 absolvierte er eine Ausbildung am Abraham Geiger Kolleg mit Studienaufenthalten in Israel, die er 2013 mit der Ordination zum Rabbiner abschloss. 1998 - 2011 amtierte Alexander Nachama zunächst als ehrenamtlicher Vorbeter, später als Kantor in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. In den Jahren 2012 - 2018 war er Gemeinderabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Dresden. Seit 2018 ist er Landesrabbiner der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen.

Schabbat Schalom bei MDR KULTUR Die Sendung bezieht sich auf die jüdische Tradition, die fünf Bücher Moses im Gottesdienst der Synagoge innerhalb eines Jahres einmal vollständig vorzulesen. Dabei wird die Thora in Wochenabschnitte unterteilt. Zugleich ist es häufige Praxis, die jeweiligen Wochenabschnitte auszulegen.

Bei MDR KULTUR geben die Autorinnen und Autoren alltagstaugliche Antworten auf allgemeine Lebensfragen, mit denen sie auch zur persönlichen Auseinandersetzung anregen. Zugleich ist "Schabbat Schalom" eine Einführung in die jüdische Religion, Kultur und Geschichte.

"Schabbat Schalom" ist immer freitags um 15:45 Uhr bei MDR KULTUR zu hören sowie online abrufbar bei mdr.de/religion.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR | 27. Mai 2022 | 15:45 Uhr