Schabbat Schalom: Schmot | MDR Kultur | 24.12.2021 Schabbat Schalom: Wer war dieser Moses?

Was macht eine echte Führungspersönlichkeit aus? Gerechtigkeitssinn, Empathie und Einsatz für die Benachteiligten, meint Ruth Röcher in ihrer Auslegung des Wochenabschnitts Schmot. Moses, der die Israeliten aus Ägypten führte, verkörpert aus ihrer Sicht genau diese Eigenschaften. Deshalb sei er zum Vorbild für sein Volk geworden.

Ruth Röcher
Religionspädagogin und Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Chemnitz: Ruth Röcher Bildrechte: Ruth Röcher

Mit unserem Wochenabschnitt Schmot beginnt das zweite Buch Moses, das auf Hebräisch auch Schmot genannt wird. Schmot bedeutet so viel wie "Namen". Mit der Auflistung der Namen der Söhne Jakobs entsteht eine erzählerische Verbindung zum Ende des ersten Buches. Dort wurde über die erste Generation, Jakob und seine Söhne, die nach Ägypten zogen, berichtet. Sie sind verstorben, wie auch der Pharao.

Welberühmte Geschichte: Gerettet aus dem Nil

Es beginnt ein neues Kapitel: Der neue Pharao sieht in den zahlenmäßig stark gewordenen hebräischen Sklaven eine Gefahr und sucht Wege, sie zu schwächen. Das letzte radikale und grausame Mittel ist, alle neugeborenen männlichen Kinder zu töten. Die daraus erwachsene Geschichte von der Rettung eines Neugeborenen in einem Körbchen auf dem Nil durch eine ägyptische Prinzessin ist weltbekannt und wurde mehrmals verfilmt. Die Prinzessin nennt das Baby Moses.

Wer war dieser Moses? Warum wurde gerade er auserwählt, das Volk aus Ägypten zu führen? Moses, der die Tora am Berg Sinai erhielt und das Volk Israel 40 Jahre durch die Wüste führte? Er, der als einziger den Ewigen von Angesicht zu Angesicht gesehen hat?

Die Tora ist allgemein sehr zurückhaltend in der Beschreibung ihrer Protagonisten. Gefühle und Gedanken der Handelnden sind eher selten zu finden. Die Gelehrten fanden trotzdem indirekte Hinweise auf Charakterzüge Moses in Kapitel 2, Vers 11- 18. Es geht um drei Episoden aus dem Leben Moses als junger Erwachsener. Schauen wir sie näher an.

Moses im Palast des Pharao und ein Mord

Die erste Episode erzählt aus der Zeit, als Moses im Palast des Pharao lebte. Moses verlässt eines Tages seine privilegierte Umgebung, den Palast, und sieht seine Brüder, das jüdisches Volk, als Sklaven arbeiten. Er sieht einen ägyptischen Aufseher, der einen Hebräer misshandelt. Nachdem sich Moses versichert hat, dass es keine Zeugen gibt, erschlägt er den Ägypter und verscharrt seine Leiche. Moses fragt nicht nach dem Hintergrund des Konflikts. Es ist ein Akt der Selbstjustiz, der in seinem späteren Leben Folgen haben wird.

Flucht nach Sinai

In der zweiten Geschichte verlässt Moses wiederum den Palast. Nun sieht er zwei hebräische Sklaven miteinander streiten. Er mischt sich ein und fragte Urheber des Streits, warum er sein Gegenüber schlägt. Dieser fragt zurück, was Moses zu seiner Frage berechtige – und ob er fürchten müsse, auch wie der Ägypter erschlagen zu werden. Moses weiß nun, dass sein Mord beobachtet wurde und er mit Bestrafung rechnen muss. Er entschließt sich, nach Midian zu fliehen, einem Gebiet auf der Sinaihalbinsel.

Rast am Brunnen

Dort findet die dritte Geschichte statt. Moses rastet an einem Brunnen. Er beobachtet wie Mädchen, die ihre Herde tränken, von anderen Hirten verjagt werden, damit sie als erste ihre Schafe tränken können. Moses mischt sich wieder ein und hilft den Mädchen, die ihre Tiere bis zum Ende mit Wasser versorgen können.

Auf der Seite der Unterdrückten unabhängig von deren Religion

Was zeigen uns diese drei Geschichten? Alle beschreiben Konflikte, in die sich Moses einmischt. Die Streitenden waren einmal Ägypter und Jude, einmal zwei Juden und beim dritten Mal sind die Parteien Nichtjuden. Unsere Toragelehrten lenken unsere Aufmerksamkeit darauf, dass Moses immer auf der Seite der Unterdrückten gestanden hat. Sein Handeln orientiert sich nicht an der Gruppenzugehörigkeit der Streitenden, sondern an Recht und Unrecht.

Die Rabbiner schließen daraus, dass Moses einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn hatte. Obwohl sein Handeln in den ersten beiden Geschichten harte Konsequenzen für sein Leben nach sich zog und ihn zur Flucht zwang, mischte sich Moses auch ein drittes Mal ein und unterstützte die Hirtinnen.

Moses als Vorbild für das jüdische Volk

An der Seite der Unterdrückten zu stehen, Empathie zu haben mit Benachteiligten, Mitgefühl zu zeigen – das sind wichtige Charaktermerkmale einer Führungspersönlichkeit. Moses, eine der zentralen Persönlichkeiten im Judentum, wurde so zum Vorbild für das ganze jüdische Volk.

Schabbat Schalom!

Zur Person: Ruth Röcher Geboren 1954 in Israel. Seit 1976 in Deutschland. Studium der Pädagogik und Judaistik an der GHS Siegen und GHS Duisburg. Promotion zum Thema "Die jüdische Schule im nationalsozialistischen Deutschland 1933–1942". Von 1994 bis 2019 Religionspädagogin für den Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden, der die Gemeinden in Chemnitz, Dresden und Leipzig umfasst. Seit 2006 Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Chemnitz. Mutter von zwei Kindern.

Schabbat Schalom bei MDR KULTUR Die Sendung bezieht sich auf die jüdische Tradition, die fünf Bücher Moses im Gottesdienst der Synagoge innerhalb eines Jahres einmal vollständig vorzulesen. Dabei wird die Thora in Wochenabschnitte unterteilt. Zugleich ist es häufige Praxis, die jeweiligen Wochenabschnitte auszulegen.

Bei MDR KULTUR geben die Autorinnen und Autoren alltagstaugliche Antworten auf allgemeine Lebensfragen, mit denen sie auch zur persönlichen Auseinandersetzung anregen. Zugleich ist "Schabbat Schalom" eine Einführung in die jüdische Religion, Kultur und Geschichte.

"Schabbat Schalom" ist immer freitags um 15:45 Uhr bei MDR KULTUR zu hören sowie online abrufbar bei mdr.de/religion.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR | 24. Dezember 2021 | 15:45 Uhr