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Religionspädagogin und Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Chemnitz: Ruth Röcher Bildrechte: Ruth Röcher

Schabbat Schalom | MDR Kultur | 14.01.2022"Beschalach" - Über die tägliche Auseinandersetzung mit G`tt

Stand: 23. Dezember 2021, 14:49 Uhr

Beziehungen entstehen nicht durch ein Wunder. Sie sind manchmal harte Arbeit. Das gilt auch für die Beziehung zwischen Gott und dem Menschen, wie es der Wochenabschnitt vom Auszug des Volkes Israel aus Ägypten anschaulich beschreibt.

Der Wochenabschnitt "Beschalach" hat interessante und wichtige Aspekte. Ich habe lange mit mir gerungen, welche ich Ihnen näherbringen möchte. Der Name "Beschalach" bedeutet "als er ziehen ließ". Mit "er" ist der Pharao gemeint. Anders formuliert: "nachdem der Pharao das jüdische Volk gehen ließ". Die Parascha berichtet über erste Ereignisse während der 40-jährigen Wanderung durch die Wüste.

Als die Israeliten realisieren, dass sie durch eine Streitmacht des Pharaos verfolgt werden, bekommen sie Angst. Sie hatten genug einschlägige Erfahrungen gesammelt um zu wissen, wie brutal die ägyptische Herrschaft sein konnte. Gegenüber Moses erheben sie Vorwürfe, warum er sie aus Ägypten geführt hat. Denn ein Leben als Sklaven erscheint ihnen im Angesicht der Verfolger besser, als den Tod in der Wüste zu finden.

Ein Wunder geschieht

Moses fordert sie auf, dem Ewigen zu vertrauen. Die Parascha berichtet, wie die Israeliten durch die Teilung des Meers gerettet und die ägyptische Streitmacht vernichtet wird. Das Volk Israel wird zum Zeugen eines übernatürlichen Ereignisses, eines Wunders.

Emotional bewegt stimmen Moses und das jüdische Volk ein Lob- und Danklied an, um G´tt zu preisen. Miriam, Moses Schwester, nimmt ihr Tamburin und beginnt mit anderen Frauen zu tanzen. "Und Jisrael sah die gewaltige Hand, welche der Ewige betätigt an Mizrajim (Ägypten), und das Volk fürchtete den Ewigen, und sie glaubten an den Ewigen und an Mosche, seinen Diener." So übersetzt Rabbiner Zunz Vers 31 aus dem 2. Buch Mose Kapitel 14. Die letzten Worte sind die entscheidenden: und sie, das Volk Israel, glaubte nach dem Wunder der Spaltung des Schilfmeers an den Ewigen.

Ein Lied als Ausdruck des Glaubens

Ein fantastisches Bild. Das ganze Volk Israel glaubt an G´tt, tanzt und singt zu seinem Ruhm. Deswegen wird der Wochenabschnitt auch mit einem zweiten Namen bezeichnet: Schabbat – Schirah, Schabbat des Liedes. Das Lied, das die Israeliten als Ausdruck des Glaubens an G´tt anstimmten, wurde im 6. Jahrhundert in den Siddur, das Gebetbuch, aufgenommen und gehört bis heute zum täglichen Morgengebet.

Der anschließende Teil unseres Wochenabschnitts beschreibt die bittere Realität des Alltags nach der wundervollen Rettung. Hunger und Durst begleiten die Israeliten. Sie klagen wieder über ihre Situation, zweifeln trotz des erlebten Wunders an G`tt und wünschen sich abermals die Rückkehr nach Ägypten.

In Kapitel 15, Vers 22 steht: "Und Moses ließ aufbrechen Israel vom Schilfmeer …" Nur ein einziges Mal während der Wüstenwanderung kommt die Aufforderung weiter zu gehen nicht direkt von G´tt, sondern von Moses. Grund genug für unsere Gelehrten, sich mit dieser Formulierung auseinanderzusetzen.

Rückkehr in die Sklaverei?

Midrasch Rabah erzählt, dass das Volk die Vernichtung der ägyptischen Reiter und Streitwagen erst jetzt realisierte. Die ägyptischen Soldaten, noch einige Wochen zuvor die Herren über Israel, waren nun tot. Da sagten die Israelitin zueinander: "In Ägypten ist kein Mensch geblieben. Lass uns zurückkehren." Offensichtlich hatten die Israeliten Angst vor der Zukunft. Obwohl sie wissen konnten, dass Ägypten natürlich nicht menschenleer war, schien die Rückkehr in das Land der Sklaverei eine bessere Option als eine ungewisse Zukunft in der Wüste.

Der Kommentatur Raschi erklärt dazu: Das Volk war beschäftigt mit der Sammlung des Gold- und Silberschmucks der Pferde der ägyptischen Streitmacht. Sie waren mit dem Sammeln noch nicht fertig, und daher trieb Moses sie sogar mit seinem Stock an, sich nun auf den Weg zu machen.

Beide Erklärungen lassen Zweifel an der Reife der Israeliten anklingen und animieren zum Nachdenken. Die einen wollen nach Ägypten zurückkehren, die anderen nutzen die Gelegenheit sich zu bereichern, statt der Freiheit entgegenzuziehen.

Was lehrt uns die Parascha? Die Israeliten erlebten ihre Errettung durch G`tt. Doch es sind nicht die großen, einmaligen und einzigartigen Wunder, die den Glauben an den Ewigen festigen. Die Beziehung zwischen dem Ewigen und dem einzelnen Menschen ist eine ständige innere Aufgabe, mit der wir uns täglich, auch im grauen Alltag, auseinandersetzen und an ihr arbeiten müssen.

Schabbat Schalom!

Zur Person: Ruth RöcherGeboren 1954 in Israel. Seit 1976 in Deutschland. Studium der Pädagogik und Judaistik an der GHS Siegen und GHS Duisburg. Promotion zum Thema "Die jüdische Schule im nationalsozialistischen Deutschland 1933–1942". Von 1994 bis 2019 Religionspädagogin für den Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden, der die Gemeinden in Chemnitz, Dresden und Leipzig umfasst. Seit 2006 Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Chemnitz. Mutter von zwei Kindern.

Schabbat Schalom bei MDR KULTURDie Sendung bezieht sich auf die jüdische Tradition, die fünf Bücher Moses im Gottesdienst der Synagoge innerhalb eines Jahres einmal vollständig vorzulesen. Dabei wird die Thora in Wochenabschnitte unterteilt. Zugleich ist es häufige Praxis, die jeweiligen Wochenabschnitte auszulegen.

Bei MDR KULTUR geben die Autorinnen und Autoren alltagstaugliche Antworten auf allgemeine Lebensfragen, mit denen sie auch zur persönlichen Auseinandersetzung anregen. Zugleich ist "Schabbat Schalom" eine Einführung in die jüdische Religion, Kultur und Geschichte.

"Schabbat Schalom" ist immer freitags um 15:45 Uhr bei MDR KULTUR zu hören sowie online abrufbar bei mdr.de/religion.

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Gespräch zur letzten Sendung mit Rabbiner Joel Berger

Europäischer Tag der jüdischen Kultur am 5. September

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR | 14. Januar 2022 | 15:45 Uhr