MDR Kultur | 20.05.2022 Schabbat Schalom mit Ruth Röcher: "Behar" - Am Berg

Ein Schabbatjahr – das ist heute die Auszeit von der Alltagsarbeit. Zeit fürs Reisen, für neue Entdeckungen oder Forschungsprojekte. Ruth Röcher blickt in ihrer Auslegung des Wochenabschnitts auf den Ursprung des Schabbatjahres. Alle sieben Jahre soll der Landwirt seine Felder brach liegen lassen.

Unser Wochenabschnitt heißt "Behar", zu Deutsch "am Berg". Da G’tt am Berg Sinai mit Moses spricht wird die Parascha auch "Behar Sinai", "am Berg Sinai", genannt. "Behar" handelt von g`ttlichen Geboten, die Moses den Israeliten verkünden soll.

Gebote zum Umgang mit dem Land, das G’tt den Israeliten geben wird, und Gebote zum Umgang mit Eigentum, das die Israeliten besitzen werden. Das jüdische Volk ist immer noch auf der Wüstenwanderung, die Vorschriften, die erlassen werden, sind ein Vorgriff auf das Leben im verheißenen gelobten Land.

Die Vorschriften im Schabbatjahr

Der Wochenabschnitt ist kurz. Im Kapitel 25, Vers 2 bis 7 wird das Schabbatjahr eingeführt. Die Verse 8-31 beziehen sich auf das Jubeljahr und die dafür geltenden Vorschriften ein. Im deutschen wird für das Jubeljahr auch der Begriff Erlassjahr verwendet. Vers 32 bis 34 enthalten Sonderbestimmungen für die Leviten.

Die Verse 35 bis 54 erlassen soziale Vorschriften und Vorschriften über den Umgang mit Sklaven. Und zum Schluss werden die Israeliten in Kapitel 26, Vers 1 und 2 ermahnt, keine Götzenbilder aufzustellen und die Schabbatgebote, die sich hier auch auf das Schabbatjahr beziehen, einzuhalten.

Wie immer ist die Zeit zu kurz, um auf alle Aspekte der Parascha einzugehen. Ich beschränke mich deshalb auf das Schabbatjahr.

Verantwortungsvoller Umgang mit den Ressourcen im "Schmittajahr"

Die Ähnlichkeit des Schabbatjahrs mit dem allwöchentlichen Schabbat ist offensichtlich. Der siebte Tag der Woche wurde dem Menschen gegeben um zu ruhen. Nun soll auch das Land, in seinem Jahresrhythmus bestimmt von Säen und Ernten, alle sieben Jahre ruhen.

Obwohl vor tausenden von Jahren formuliert, ein durchaus moderner Ansatz, der unseren heutigen ökologischen Vorstellungen entspricht. Der Ewige hat die Welt erschaffen und ist Herr der Welt. Uns hat er die Welt überlassen, damit sie uns mit dem versorgt, was wir zum Leben brauchen. Aber die Welt ist uns nur geliehen. Das Schmittajahr fordert uns auf, mit den Ressourcen verantwortungsvoll umzugehen und sie nicht im Übermaß auszubeuten. Was für Menschen gilt, soll auch für das Land gelten.

Keinen Ertrag aus dem Boden ziehen

Im Schabbatjahr ist der Bauer nicht mehr der "Besitzer" seines Ackers. Aus allem, was in einem Schmittajahr auf seinem Boden wächst, darf er keinen wirtschaftlichen Nutzen ziehen. Mehr noch, er hat im Schmittajahr keine Eigentumsrechte am zufällig wachsenden Ertrag. Er und jeder andere dürfen aber für die Ernährung notwendiges, zufällig wachsendes Getreide oder Früchte sammeln. Auch darf der Landwirt während des Schmittajahrs den Boden nicht für das nachfolgende Jahr vorbereiten.

Das Schabbatjahr fordert G`ttvertrauen. Was werden wir essen, wenn wir nicht sähen und ernten dürfen? Die Sorge um das alltägliche Auskommen ist nur allzu menschlich und vielen vertraut. G´tt kennt die Nöte der Menschen. Er versichert eine reichliche Ernte im sechsten Jahr. Eine Ernte, die ausreicht, um im Schabbatjahr und dem darauffolgenden Jahr versorgt zu sein.

Übertragung des Bodens für ein Jahr

Im heutigen Israel lassen nur etwa drei bis fünf Prozent der Landwirte im Schmittajahr ihre Felder ruhen. Sie erhalten Beratung durch das Rabbinat und einen finanziellen Ausgleich durch das Landwirtschaftsministerium. Andere Praktiken, um die Regelungen des Schabbatjahrs abzumildern, sind unter den Namen "Otzar Beit Din" und "Hetter Mechira" bekannt.

Beide Praktiken basieren auf einer zeitlich begrenzten Übertragung des Bodens, meistens für ein Jahr. Im Fall von "Otzar Beit Din" an das rabbinische Gericht oder im Fall von "Hetter Mechira" an Nichtjuden. Der eigentliche Eigentümer, der Landwirt, ist dann nur Lohnarbeiter. Beide Praktiken sind in religiösen Kreisen umstritten und werden von orthodoxen Juden abgelehnt.

In unserer Zeit hat das "Schabbatjahr" eine weitere Deutung erhalten. Es beschreibt die Idee, sich für eine bestimmte Zeit, meistens für ein Jahr, aus der Arbeitswelt zurückzuziehen. Ursprünglich im Umfeld von Hochschulen in den USA praktiziert, ist der Gedanke mittlerweile verbreitet. Die Motivationen, ein Schabbatjahr einzulegen sind vielfältig: Weiterbildung, Steigerung von Motivation und Kreativität, Reisen, im Hochschulbereich Zeit für konzentrierte Forschung, berufliche Neuorientierung oder auch, um einem Burnout vorzubeugen.

Schabbat Schalom!

Zur Person: Ruth Röcher Geboren 1954 in Israel. Seit 1976 in Deutschland. Studium der Pädagogik und Judaistik an der GHS Siegen und GHS Duisburg. Promotion zum Thema "Die jüdische Schule im nationalsozialistischen Deutschland 1933–1942". Von 1994 bis 2019 Religionspädagogin für den Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden, der die Gemeinden in Chemnitz, Dresden und Leipzig umfasst. Seit 2006 Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Chemnitz. Mutter von zwei Kindern.

Schabbat Schalom bei MDR KULTUR Die Sendung bezieht sich auf die jüdische Tradition, die fünf Bücher Moses im Gottesdienst der Synagoge innerhalb eines Jahres einmal vollständig vorzulesen. Dabei wird die Thora in Wochenabschnitte unterteilt. Zugleich ist es häufige Praxis, die jeweiligen Wochenabschnitte auszulegen.

Bei MDR KULTUR geben die Autorinnen und Autoren alltagstaugliche Antworten auf allgemeine Lebensfragen, mit denen sie auch zur persönlichen Auseinandersetzung anregen. Zugleich ist "Schabbat Schalom" eine Einführung in die jüdische Religion, Kultur und Geschichte.

"Schabbat Schalom" ist immer freitags um 15:45 Uhr bei MDR KULTUR zu hören sowie online abrufbar bei mdr.de/religion.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR | 06. Mai 2022 | 15:45 Uhr