MDR Kultur | 17.06.2022 Schabbat Schalom mit Ruth Röcher: Wochenabschnitt "Behalotcha"

Moses ist die zentrale und außergewöhnliche Person in der Tora. Ihm wurde von G`tt die Tora und die Gesetzestafeln übergeben. Einzig er hat den Ewigen von Angesicht zu Angesicht gesehen. 40 Jahre führte er das jüdische Volk als Mittler zwischen Ewigen und Volk durch die Wüste. Ruth Röcher, Religionspädagogin und Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Chemnitz, hat sich darüber Gedanken gemacht für "Schabbat Schalom" bei MDR Kultur.

Ruth Röcher
Bildrechte: Ruth Röcher

Wir kennen aus der Tora einige, durchaus widersprüchliche Eigenschaften Moses. Moses empfand Mitleid mit den hebräischen Sklaven und stand Schwächeren zur Seite. Demgegenüber steht unbeherrschter Zorn, bis hin zu Mord an einem ägyptischen Aufseher, der einen hebräischen Sklaven misshandelt und dem Zerbrechen der vom Ewigen geschriebenen Gesetzestafeln. Unsere Wochenabschnitt Behaalotcha weist eine weitere Eigenschaft Moses in aller Deutlichkeit zu. Im Kapitel 12, Vers 3 steht nach der Übersetzung von Zunz:

"Und der Mann Moscheh war sehr sanftmütig, mehr als irgend ein Mensch auf dem Erdboden."

Das Wort "Anav" übersetzt Rabbiner Zunz mit "Sanftmut". Buber und Luther übersetzen das Wort mit "Demut". Das Hebräisch-Deutsche Wörterbuch bevorzugt das Wort "Bescheidenheit". Vielleicht das treffendste Wort. Bescheidenheit setzen unsere Gelehrten zwischen die Pole Selbstgeringschätzung und Hochmut und Überheiligkeit. Sie ist eine Charaktereigenschaft, die nicht nur in der jüdischen Religion geschätzt wird.

Wie kommt die Tora zu diesem besonderen Lob für Moses? Zwei kurze Geschichten aus unserem Wochenabschnitt geben Antwort.

Warum klagt das Volk?

In der ersten Begebenheit erzürnt das Volk den Ewigen durch Klagen, deren Gründe wir nicht kennen. Wenig später klagt das Volk wieder. Aufgestachelt von den Fremden, die sich dem Volk Israel angeschlossen hatten, bejammern sie die eintönige Versorgung mit Manna und Wachteln, trauern in nostalgischer Erinnerung Fleisch, Fisch und Gemüse aus den Töpfen der Ägypter nach.

Sie hatten vergessen, dass sie die vollen Töpfe der Ägypter nur gesehen, aber nie davon gegessen hatten. Moses hört die Klagen seines Volks, das die Wunder, die ihm durch G´ttes Hilfe geschehen waren, nicht würdigt. Befreit aus der Sklaverei erhält es die Tora am Berg Sinai und das Stiftzelt wird gemeinsam gebaut. Es muss keinen Hunger leiden, versorgt werden sie täglich von G´tt mit Fleisch und Brot.

Moses` Geduld wird auf die Probe gestellt

Die Situation bringt Moses an die Grenze seiner Belastbarkeit, an den Rand eines „burn-out“, um einen aktuellen Begriff zu verwenden. Er will nicht mehr Verantwortung für dieses widerspenstige Volk tragen, das den Wert der Freiheit nicht erkennt, sondern sie als Last empfindet. "Ich allein", sagte Moses zu G´tt, "kann dieses Volk nicht tragen, denn es ist mir zu schwer." (Kap. 11; 14). Die Antwort des Ewigen ist nüchtern und pragmatisch: "Sammle 70 weiße ältere Personen, die sollen dir helfen."

Die Situation bringt Moses an die Grenze seiner Belastbarkeit, an den Rand eines „burn-out“, um einen aktuellen Begriff zu verwenden. Er will nicht mehr Verantwortung für dieses widerspenstige Volk tragen, das den Wert der Freiheit nicht erkennt, sondern sie als Last empfindet. "Ich allein", sagte Moses zu G´tt, „kann dieses Volk nicht tragen, denn es ist mir zu schwer." (Kap. 11; 14). Die Antwort des Ewigen ist nüchtern und pragmatisch: "Sammle 70 weiße ältere Personen, die sollen dir helfen."

Die zweite Begebenheit beginnt in Vers 1 im Kapitel 12:

"Da redeten Mirjam und Aaron gegen Mose um seiner Frau willen, der Kuschiterin, die er genommen hatte. Er hatte sich nämlich eine kuschitische Frau genommen. Und sie sprachen: Redet denn der HERR allein durch Mose? Redet er nicht auch durch uns?"

Mirjam, Moses Schwester, und Aaron sprechen offensichtlich kritisch über die Beziehung zwischen Moses und seiner Frau, der Kuschiterin. Unklar ist, ob damit Zipora oder eine Nebenfrau gemeint ist, und der Inhalt des Gesprächs bleiben verborgen. Der zweite Vers verrät Neid und Missgunst gegenüber Mose als dem alleinigen Gesprächspartner G’ttes.

Moses wird verteidigt

Die Tora verteidigt Moses gegen den Angriff auf seine Integrität durch Mirjam und Aaron, indem sie ihm Sanftmut bescheinigt. Warum übernimmt hier die Tora die Verteidigung über Moses? Unsere Gelehrten meinen, Moses war so bescheiden, dass er sich nicht selbst verteidigt hätte.

Auch der Ewige greift in den Konflikt ein. Er bestellt Mose, Aaron und Mirjam an die Stifthütte ein. Er spricht zu ihnen und stellt die Positionen klar. Aaron und Mirjam können Propheten sein, aber nur Mose ist der vertraute, direkte Ansprechpartner des Ewigen.

Moses bittet für Miriam

Er bestraft Mirjam für ihre Sünde, die üble Nachrede, indem er sie aussätzig macht. Diese Torastelle ist im Übrigen die Basis umfangreicher Reglungen in der jüdischen Ethik, die üble Nachrede und Mobbing als Verderben für die Gesellschaft ächten. Statt die Bestrafung Mirjams zu akzeptieren, fleht der sanftmütige Mose G`tt an Mirjam zu heilen. Der Ewige mildert daraufhin die Strafe Mirjams auf sieben Tage Absonderung vom Lager.

Fassen wir zusammen: Moses verzweifelt über die Klagen des Volkes. Er ist müde und zermürbt, bereit aufzugeben, aus der Tora zu verschwinden. Als auch noch seine Familie ihn angreift, reagiert er milde und verteidigt sich nicht. Als der Ewige Miriam straft, betet Moses für sie um ihre Heilung.

Moses stellt die Aufgabe, die ihm vom Ewige übertragen wurde, in den Vordergrund. Dafür setzt er seine Kräfte ein. Persönliches ist für ihn nicht wichtig. Nicht er steht im Zentrum, sondern die Aufgabe.

Schabbat Schalom!

Zur Person: Ruth Röcher Geboren 1954 in Israel. Seit 1976 in Deutschland. Studium der Pädagogik und Judaistik an der GHS Siegen und GHS Duisburg. Promotion zum Thema "Die jüdische Schule im nationalsozialistischen Deutschland 1933–1942". Von 1994 bis 2019 Religionspädagogin für den Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden, der die Gemeinden in Chemnitz, Dresden und Leipzig umfasst. Seit 2006 Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Chemnitz. Mutter von zwei Kindern.

Schabbat Schalom bei MDR KULTUR Die Sendung bezieht sich auf die jüdische Tradition, die fünf Bücher Moses im Gottesdienst der Synagoge innerhalb eines Jahres einmal vollständig vorzulesen. Dabei wird die Thora in Wochenabschnitte unterteilt. Zugleich ist es häufige Praxis, die jeweiligen Wochenabschnitte auszulegen.

Bei MDR KULTUR geben die Autorinnen und Autoren alltagstaugliche Antworten auf allgemeine Lebensfragen, mit denen sie auch zur persönlichen Auseinandersetzung anregen. Zugleich ist "Schabbat Schalom" eine Einführung in die jüdische Religion, Kultur und Geschichte.

"Schabbat Schalom" ist immer freitags um 15:45 Uhr bei MDR KULTUR zu hören sowie online abrufbar bei mdr.de/religion.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR | 17. Juni 2022 | 15:45 Uhr