Schabbat Schalom | 17.09.2021 "Ha’azinu": Was die Antwort des Talmud auf Unheil ist

Was passiert, wenn Menschen Unheil widerfährt? Wie kann Gott dann barmherzig und gerecht sein, lautet die Frage. Rabbiner Elischa M. Portnoy verweist auf die Antwort des Talmud, dass alles letztlich zum Guten ist. Geboren in der Ukraine, kam Portnoy 1997 nach Deutschland. Der studierte Elektrotechnikingenieur absolvierte das Rabbinerseminar in Berlin, er ist heute tätig als Gemeinderabbiner in Dessau und Halle.

Rabbiner Elischa M. Portnoy 4 min
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Wie weiter glauben, wenn einem großes Unheil widerfährt? Wie kann Gott dann barmherzig und gerecht sein? Rabbiner Elischa M. Portnoy verweist auf die Antwort des Talmud, dass alles letztlich zum Guten ist.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 17.09.2021 15:30Uhr 03:49 min

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Der vorletzte Wochenabschnitt der Tora "Ha‘azinu" besteht fast nur aus einem Lied. G’tt hat Mosche geboten, dieses Lied zu lehren. Deshalb verlangt Mosche von den Juden, ihm gut zuzuhören. "Höret ihr Himmel, ich rede!", heißt der erste Vers von Ha‘azinu. (Dtn.32,1) Er erinnert das Volk an die Rettung der Israeliten am Schilfmeer zu Beginn der Wüstenwanderung und warnt die Juden vor Konsequenzen ihres Handelns, sowohl im Guten als auch im Schlechten.

Der Text dieses Wochenabschnittes klingt sehr schön, wenn man genauer hinter die Poetik der Verse blickt, entdeckt man sehr wichtige Ideen, die auch für uns heutzutage hilfreich sind:

 "Der Felsen, untadlig ist sein Werk; denn All Seine Wege sind recht; ein G‘tt der Treue, nicht Trug, gerecht und gerade ist Er", heißt es im vierten Vers unseres Wochenabschnittes. In diesen Worten sahen unsere Weisen eines der Grundprinzipien jüdischer Weltanschauung. Dieser Vers besagt, dass alles, was G’tt macht, gerecht ist. Selbst wenn in unserem Leben etwas falsch läuft, wenn wir gerade Rückschläge erleben, kommt auch das von G’tt, und auch das ist gerecht.

Im Talmud steht, dass alles, was einem Menschen passiert, zum Guten ist.

Manchmal tun wir uns schwer, das zu akzeptieren. Wenn man wegen Überschwemmung oder wegen Feuer das Haus, die Ernte oder viele wichtige Dokumente verloren hat, fällt es schwer daran zu glauben, dass es "zum Guten" sein soll. Unsere Weisen betonen jedoch, dass wir mit unserem begrenzten Verstand und innerhalb der kurzen Zeitspanne, in der wir leben, kaum große Zusammengänge sehen und verstehen können. Sie nennen dafür ein Beispiel: Wenn man einen Menschen, der irgendwo im Wald geboren wurde und keine Bildung bekommen hat, in den OP-Saal eines Krankenhauses bringt, wird er von den Geschehnissen dort schockiert sein. Er wird sehen, wie ein Mensch im weißem Kittel ein Messer nimmt und einen anderen Menschen, der auf dem Tisch liegt, aufzuschneiden beginnt. Unser Gast aus dem Wald würde sofort schreien, man solle den Mörder stoppen! Erklärt man ihm dann, dass der Mann mit dem Messer ein Chirurg ist, der gerade dabei ist, eine Operation durchzuführen, um dem Patienten auf dem Tisch das Leben zu retten, wird er ganz anders auf das Geschehen blicken.  

Das Gleiche gilt auch für uns. Sehr oft verstehen wir vieles erst im Nachhinein. Manches werden wir in unseren Lebzeiten nie verstehen, weil wir eben nicht G’tt sind.

Unsere Weisen sagen: Nach unserem Ableben werden wir vor G’ttes Gericht stehen. Uns wird dann gezeigt, was wir im Leben auf dieser Welt Gutes und Schlechtes getan haben. Wir werden auch erfahren, warum manches so war, und wie wir in bestimmten Situationen durch kleinen Ärger vor großen Tragödien und Katastrophen geschützt wurden.

Wie oft haben wir uns geärgert, wenn wir um Sekunden einen Zug verpasst haben, wegen eines Bahnstreiks verspätet zu einem wichtigen Treffen in einer anderen Stadt kamen oder wegen eines Lockdowns eine Urlaubsreise nicht antreten konnten. Doch erst nach unserem Ableben wird uns G’tt zeigen, was hätte passieren können, wenn wir den Zug nicht verpasst hätten. Erst dort, in dieser Welt der Wahrheit, werden wir verstehen, wie barmherzig G’tt mit uns war.

Deshalb sollten wir lernen, schon jetzt, in dieser Welt bei kritischen Situationen Ruhe zu bewahren und daran glauben, dass selbst Ärgernisse zu unserem Besten sind. Gewiss werden Geschehnisse mitunter so heftig sein, dass es schwer sein wird, an G’ttes Barmherzigkeit zu glauben. Doch wenn wir sogar dann die Nerven behalten, wird die Ruhe uns schon mal helfen, die richtige Lösung für das Problem zu finden, was schon viel wert ist.

In diesem Sinne Schabbat Schalom!

Zur Person: Rabbiner Elischa M. Portnoy Rabbiner Elischa M. Portnoy wurde 1977 in Nikolaev in der Ukraine geboren. Seit 1997 lebt er in Deutschland. 2007 machte er sein Diplom als Ingenieur für Elektrotechnik an der TU Berlin. 2012 schloss er seine Ausbildung am Rabbinerseminar zu Berlin ab und erhielt die Smicha. Seit 2014 ist er als Gemeinderabbiner in Dessau-Roßlau tätig, seit 2018 fungiert er auch als Gemeinderabbiner in Halle.
Portnoy ist Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschlands (ORD).

Schabbat Schalom bei MDR KULTUR Die Sendung bezieht sich auf die jüdische Tradition, die fünf Bücher Moses im Gottesdienst der Synagoge innerhalb eines Jahres einmal vollständig vorzulesen. Dabei wird die Thora in Wochenabschnitte unterteilt. Zugleich ist es häufige Praxis, die jeweiligen Wochenabschnitte auszulegen.

Bei MDR KULTUR geben die Autorinnen und Autoren alltagstaugliche Antworten auf allgemeine Lebensfragen, mit denen sie auch zur persönlichen Auseinandersetzung anregen. Zugleich ist "Schabbat Schalom" eine Einführung in die jüdische Religion, Kultur und Geschichte.

"Schabbat Schalom" ist immer freitags um 15:45 Uhr bei MDR KULTUR zu hören sowie online abrufbar bei mdr.de/religion.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. September 2021 | 15:45 Uhr