Schabbat Schalom | MDR Kultur | 21.01.2022 Jitro – Zusammenhalt für ein höheres Ziel

Es ist gut, wenn sich Menschen gemeinschaftlich zusammenschließen. Dabei sollten sie sich aber nicht von Angst leiten lassen, sondern von einem gemeinsamen Ziel. Meint der Leipziger Rabbiner Zsolt Balla mit Blick auf den Wochenabschnitt, der von der Offenbarung der Zehn Gebote am Berg Sinai berichtet.

Zsolt Balla in der Leipziger Synagoge
Militärbundesrabbiner Zsolt Balla in der Synagoge in Leipzig. Bildrechte: MDR/Wolfram Nagel

Im Wochenabschnitt Jitro lesen wir von einem Ereignis, das den Lauf der Weltgeschichte veränderte: Die Offenbarung am Berg Sinai. Dort präsentierte sich der Ewige nach jüdischer Überlieferung nicht nur einzelnen Menschen in prophetischen Visionen, sondern offenbarte einer großen Gruppe von Menschen, den Kindern Israels, die Zehn Sprüche, den sogenannten Dekalog.

Sinai-Offenbarung: Grundlage europäischer Kultur

Wie die Thora beschreibt, kamen diejenigen, die das alles hörten, zusammen 'wie ein Mann mit einem Herzen, in völliger Einheit". Dieses Ereignis am Berg Sinai ist zur Grundlage unserer Kultur in Europa geworden. Alle drei abrahamitischen Religionen gründen ihre Existenz auf diese Offenbarung.

Der Talmud berichtet im Traktat Sewachim in einer predigthaften Unterweisung, die man nicht für bare Münze nehmen sollte, dass nicht nur das jüdische Volk dieses weltverändernde Ereignis erlebte. Überall auf der Welt wurde es demnach durch bebende Blitze und himmlische Klänge angezeigt.

Mit den Worten des Talmud:

Als die Thora dem jüdischen Volk gegeben wurde, drang die Stimme des Heiligen von einem Ende der Welt zum anderen, und alle Könige der Völker der Welt erschraken und sangen in ihren Palästen ein Loblied auf Gott.

Angst vor neuer Sinflut

Zu dieser Zeit versammelten sich alle Könige um Bileam, den größten nicht-jüdischen Propheten, und fragten ihn: Was ist das für Lärm, den wir gehört haben? Kommt vielleicht eine Flut, um die Welt zu vernichten? Bileam antwortete ihnen, dass der Heilige bereits nach der Flut geschworen habe, nie wieder eine Flut über die Welt zu bringen, wie es im Buch Genesis heißt: "Und die Wasser werden nicht mehr zur Flut werden."

Diese kryptische Aussage der Weisen bedarf einer Erklärung. Warum erschien die Offenbarung am Berg Sinai, die Übergabe der Thora, den Völkern als eine mögliche neue Sintflut?

Friedliches Zusammenleben von Mensch und Tier

Rabbi Meir Shapiro, der berühmte polnische chassidische Rabbiner des frühen 20. Jahrhunderts, erklärt diese talmudische Passage wie folgt: Wenn der Prophet Jesaja über die messianische Zeit spricht, sagt er:

Der Wolf wird mit dem Lamm wohnen, der Leopard wird zusammen mit dem Zicklein weiden, das Kalb, das Raubtier und das Masttier werden alle zusammen sein, und ein kleiner Junge wird sie hüten.

Diese Metapher beschreibt die Einheit und universelle Harmonie, die nur in jenen Tagen erreicht werden wird. Aber was ist das Neue an dieser Aussage?

Corona-Pandemie: Einheit aus Angst oder Einheit für gemeinsames Ziel?

Es gab bereits eine Zeit in der Geschichte der Menschheit, in der all diese Tiere friedlich nebeneinander lebten und in der jedes seinen Instinkt zu töten und zu fressen überwand. Das geschah während der Sintflut in den Tagen Noahs. Als die Menschheit aufgrund ihrer zahlreichen Sünden die Zerstörung verdient hatte, mussten die Überlebenden in der Arche in völliger Einigkeit zusammenkommen. Sie mussten ihre Instinkte überwinden, denn nur so konnten sie das Überleben der Menschheit und das Überleben des Tierreichs sichern.

Aber diese Art von Einheit ist nur auf eine Gefahr, eine Krise und eine Angst vor der Zukunft zurückzuführen. Es gibt eine andere Art der Einheit, die für ein gemeinsames, höheres Ziel gebildet wird. Als die Völker die Einheit sahen, die bei der Offenbarung am Sinai vorgestellt wurde, fragten sie, ob dies eine Einheit aus Angst vor der Zerstörung sei. Bileam antwortete ihnen, dass diese Einheit etwas anderes sei, nämlich eine Einheit für ein gemeinsames Ziel.

Zu Beginn der Coronavirus-Pandemie spürten wir eine gewisse Einheit, weil wir Angst vor dem Unbekannten hatten. Leider war diese Einheit nur von kurzer Dauer und ist längst verschwunden. Unsere Gesellschaft ist gespalten. Wir müssen begreifen, dass wir das nur überwinden können, wenn wir uns für ein gemeinsames Ziel zusammenschließen, wenn wir begreifen, dass die Impfung nicht nur für mich, sondern für uns alle gilt.

Mögen wir die wahre Einheit der Gesellschaft erleben, um gemeinsam für eine bessere Welt zu kämpfen.

Schabbat Schalom!

Zur Person: Zsolt Balla Rabbiner Zsolt Balla wurde in Budapest, Ungarn, geboren. Er hat einen Master of Science als Wirtschaftsingenieur. Früh sammelte er Erfahrungen als Dozent bei jungen jüdischen Lerngruppen. Im Jahr 2009 schloss er seine Ausbildung als Rabbiner am Rabbinerseminar zu Berlin ab und trat die Stelle als Gemeinderabbiner in der Israelitischen Religionsgemeinde in Leipzig an. Seit 2012 ist Zsolt Balla Vorstandsmitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland. Außerdem leitet er als Direktor das Institut für Traditionelle Jüdische Liturgie. Seit 2019 ist er Landesrabbiner in Sachsen, seit Juni 2021 Militärbundesrabbiner. Zsolt Balla lebt mit seiner Frau Marina und drei Kindern in Leipzig.

Schabbat Schalom bei MDR KULTUR Die Sendung bezieht sich auf die jüdische Tradition, die fünf Bücher Moses im Gottesdienst der Synagoge innerhalb eines Jahres einmal vollständig vorzulesen. Dabei wird die Thora in Wochenabschnitte unterteilt. Zugleich ist es häufige Praxis, die jeweiligen Wochenabschnitte auszulegen.

Bei MDR KULTUR geben die Autorinnen und Autoren alltagstaugliche Antworten auf allgemeine Lebensfragen, mit denen sie auch zur persönlichen Auseinandersetzung anregen. Zugleich ist "Schabbat Schalom" eine Einführung in die jüdische Religion, Kultur und Geschichte.

"Schabbat Schalom" ist immer freitags um 15:45 Uhr bei MDR KULTUR zu hören sowie online abrufbar bei mdr.de/religion.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR | 21. Januar 2022 | 15:45 Uhr