Wiedereröffnung der Görlitzer Synagoge Wächst eine jüdische Gemeinde?

In der Pogromnacht 1938 ist die Görlitzer Synagoge als einzige auf dem Gebiet des heutigen Sachsens nicht in Brand gesteckt worden. Doch die Nazis rissen den Davidstern auf dem Kuppeldach ab und demolierten die Inneneinrichtung. Zu DDR-Zeiten wurde der Bau als Lagerraum genutzt. Stadt, Land und Bund haben in den letzten 30 Jahren mehr als 12 Millionen in die Sanierung investiert. Nun wurde sie als Kulturforum wiedereröffnet.

Alex Jacobowitz, steht mit einer Torarolle vor der Synagoge.
Kantor Jacobowitz mit einer Torarolle vor der Görlitzer Synagoge. Bildrechte: dpa

Kantor Alex Jacobowitz steht genau unter dem Auge der gold ausgemalten Kuppel im großen Saal der Synagoge:

Trotz der 500 Plätze hier hat man das Gefühl, direkt mit Gott zu sprechen, und er hört mit.

Alex Jacobowitz Kantor der Görlitzer Synagoge

Die Stuck-Bögen in der Kuppel erinnern an die Gesetzestafeln, die Mose auf dem Berg Sinai empfangen hat. Der Fries mit den acht Löwen Judas greift die oktogone Form der Kuppel auf, die bis zur Pogromnacht 1938 von einem Davidstern gekrönt war. Für dessen Rekonstruktion hat der aus New York stammende Alex Jacobowitz zehntausend Euro gesammelt. Als Mitgründer des Fördervereins setzt er sich bereits seit 15 Jahren für die Restaurierung der Görlitzer Synagoge ein. Jacobowitz geht ein paar Schritte in Richtung des Toraschreins. "Hier gab es einen Vorhang, aber die Architekten haben dazwischen eine massive Schiebetür gebaut. Das alles hat seit hundert Jahren überlebt."

Spuren bleiben sichtbar

Die Schiebetüren lassen sich tatsächlich noch öffnen. Aber ihre Bemalung ist abgeblättert. Sie wurden nicht restauriert. Auch an den Wänden finden sich immer wieder Spuren des ursprünglichen Putzes und der Ausmalung, einer Mischung aus spätem Jugendstil und Neoklassizismus.

Diese Synagoge sollte ihre Geschichte erzählen, die Narben zeigen von den Nazis, von den Sozialisten, von der allgemeinen Vernachlässigung.

Alex Jacobowitz Kantor der Görlitzer Synagoge

Viele Details erzählen, wie groß und bedeutend die jüdische Gemeinde einmal war. Der farbige Marmorboden, die Messinglampen, die geschwungene Frauenempore über dem Eingang. Sogar eine große Orgel gab es in der Görlitzer Synagoge. Der Kantor weist auf ein paar runde Vertiefungen in der Nische des ehemaligen Toraschreins. Dort passen fünf Torarollen hinein. Normalerweise werden für den Gottesdienst nur drei Torarollen gebraucht. Doch die Görlitzer Gemeinde konnte sich mehr leisten:

Dass es fünf Torarollen gegeben hat, zeigt die Opulenz dieser Gemeinde.

Alex Jacobowitz Kantor der Görlitzer Synagoge

Kultur im Kuppelsaal, Gebet in der Wochentagssynagoge

Ganz selbstbewusst wollten die Görlitzer Gemeindemitglieder deutsche Bürger jüdischen Glaubens sein. Viele von ihnen waren am wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt Ende des 19. Jahrhunderts beteiligt. So stiftete der Vorsitzende des Gemeindevorstandes, Kommerzienrat Emmanuel Alexander Katz, den Bauplatz der Synagoge. Nach deren Weihe am 7. März 1911 waren Schabbat- und Festgottesdienste im Kuppelsaal große gesellschaftliche Ereignisse.

Der Kuppelsaal wird künftig für kulturelle Veranstaltungen genutzt, etwa für Konzerte und Vorträge, aber auch Schulklassen können ihn ihm Religionsunterricht besuchen.

Die Synagoge ist erst mal ein Ort für alle.

Benedikt Hummel Kulturforum

Gottesdienste und Gebete finden künftig in der restaurierten Wochentagssynagoge statt. Das ist ein kleiner Raum hinter dem Kuppelsaal. Vor deren Tür befindet sich ein kleines Edelstahl-Becken. Hier können sich Gläubige die Hände waschen und den Segen sprechen. Wie der Leiter des Kulturforums, Benedikt Hummel, sagt, soll die Synagoge im Gegensatz zu anderen Räumen, die vielseitig genutzt werden können, bewusst ein Raum für das Gebet und die Erinnerungskultur sein.

Bislang gibt es nur einen Verein

In der nach Osten ausgerichteten Wochentagssynagoge brennt bereits das ewige Licht. Auf der Bima, also dem Tisch zur Lesung der Tora, liegen zwei Gebetbücher, ein liberales und ein orthodoxes. Darin ein Aufkleber: Jüdische Gemeinde Görlitz. Doch die gibt es offiziell noch gar nicht.

Bislang existiert nur ein Verein mit knapp 30 Mitgliedern aus ganz verschiedenen Ländern, sagt Alex Jacobowitz: "Wir haben ein paar Leute aus Russland, wir haben ein paar Israelis, ein paar Leute sind, wie ich, Amerikaner. Es sind geborene Deutsche dabei und ein paar Polen."  Doch der Kantor hofft, dass hier schon bald eine jüdische Gemeinde wachsen kann.