Klinik auch für jüdische Patienten in Thüringen Eisenberg baut eine Synagoge und kocht koscher

Ein Krankenhaus in Thüringen will in Zukunft jüdische Patientinnen und Patienten aus der ganzen Welt behandeln. Doch damit die sich in Eisenberg auch wohlfühlen, muss sich bis zur Eröfnnung Ende Oktober noch einiges verändern: Eine Synagoge wird gebaut. Das Küchenteam lernt, wie man koscheres Essen zubereitet und nebenbei einiges über jüdische Traditionen.

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Motti Waitsman speist mit Alexander Mayrhofer. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Alexander Mayrhofer ist Hotelmanager und Christ. Noch in diesem Jahr will er in den Waldkliniken Eisenberg jüdische Patientinnen und Patienten aus aller Welt begrüßen. Damit die sich respektiert und wohlfühlen, muss sich im Thüringer Krankenhaus noch einiges verändern. Für die zukünftigen Gäste wird extra ein Gebetsraum eingerichtet und die Küche von Grund auf umstrukturiert, damit Speisen dort koscher zubereitet werden können – eine völlig neue Welt für den Großteil des Klinikpersonals.

Neuland in der Küche

Zwei Köche 7 min
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Nah dran Do 08.10.2020 22:40Uhr 07:25 min

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Küchenchef Nicolas Köber hat noch nie koscher gekocht. Sein Lehrer ist extra aus Berlin angereist: Motti Waitsman, ein sogenannter "Maschgiach", der über die Einhaltung der jüdischen Speisegesetze wacht. Zuallererst muss der koschere streng vom nicht-koscheren Bereich getrennt werden. In der vierten Etage des Klinikneubaus gibt es deswegen eine Küche mit eigenem Geschirr und Besteck. Denn Jüdinnen und Juden dürfen niemals das gleiche Besteck für Fleisch und Milchprodukte verwenden.

In unserer Tora steht geschrieben, dass wir Fleisch nicht mit Milch zusammen essen dürfen. Wenn Geschirr und Besteck nicht neu sind, haben wir ein Problem. Dann müssen wir die koscher machen.

Motti Waitsman

Kaschern – also koscher machen – ist kompliziert und hängt vom Gegenstand ab: Manche werden erhitzt, andere in kochendes Wasser gelegt. Die Klinik in Eisenberg hat daher extra neues Geschirr und Besteck angeschafft. Und auch beim Kauf der Lebensmittel muss das Küchenteam einiges beachten: Jede Zutat sollte mit einem Koscher-Stempel versehen sein.

Die jüdischen Speisevorschriften "Kaschrut"

  • Koscher – also "rein" und damit erlaubt – ist Geflügel, wenn es sich nicht um Raubvögel handelt, Fisch, der sowohl Schuppen als auch Flossen hat und Fleisch von Säugetieren, die Wiederkäuer mit gespaltenen Hufen sind, also zum Beispiel Rind, Lamm oder Ziege.
  • Auch andere Produkte, zum Beispiel Milch, von diesen Tieren ist koscher
  • Blut ist in der jüdischen Küche verboten. Beim Schlachten müssen die Tiere komplett ausbluten.
  • Milch- und Fleichprodukte dürfen nicht zusammen gelagert oder mit dem selben Besteck verzerrt werden.

(Quelle: Zentralrat der Juden in Deutschland)

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Nicolas Köber bereitet koscheres Essen zu Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nicolas Köber macht sich an die Zubereitung seiner ersten koscheren Mahlzeit – unter den wachsamen Augen von Motti Waitsman. Immer wenn koscher gekocht wird, muss ein Maschgiach dabei sein und die Einhaltung der rund 600 jüdischen Speisevorschriften prüfen. Außerdem darf nur er den Herd in einer koscheren Küche bedienen.

Eine Synagoge für die Patienten

Die Synagoge entsteht in der ersten Etage des Klinikneubaus. Manager Alexander Mayrhofer stimmt alles ab mit David-Ruben Thies, dem Geschäftsführer der Waldkliniken Eisenberg. Auch er ist kein Jude, hatte aber die Idee, Patientinnen und Patienten jüdischen Glaubens nach Eisenberg zu holen und damit eine Marktlücke zu schließen:

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Alexander Mayrhofer und David-Ruben Thies betrachten die Baupläne Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Viele wollen sich gern in Deutschland operieren lassen. Aber sie haben ein echtes Problem: Es gibt weder einen Raum zum Beten, noch respektiert irgendjemand das Thema Essen.

David-Ruben Thies

In der Synagoge ist noch viel Arbeit nötig, damit dort der jüdische Glaube praktiziert werden kann. Die Möbel werden in Israel gebaut und auch die Tora-Rolle fehlt noch. In Zukunft wird sie im Tora-Schrein aufbewahrt, über dem die zehn Gebote angebracht sind. Auch ein ewiges Licht wird in der Synagoge in Eisenberg brennen. Männer und Frauen werden getrennt voneinander sitzen. Die Klinik orientiere sich an orthodoxen Traditionen, damit sich alle jüdischen Patientinnen und Patienten wohlfühlen, sagt Mayrhofer.

Ich kenne mich noch nicht mit jüdischer Religion aus. Wir tauchen gerade in dieses Thema ein und lernen ganz viel, so dass ich etwas Bescheid weiß, wenn die ersten Patienten kommen.

Alexander Mayrhofer

Mayrhofer und sein Team haben sich ein ambitioniertes Ziel gesetzt:

Bald sollen jüdischen Patienten aus aller Welt in Eisenberg behandelt werden und in Thüringen ein Stückchen Heimat finden sollen.

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So soll der Gebetsraum in den Waldkliniken Eisenberg aussehen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Synagoge * In jeder Synagoge brennt Tag und Nacht ein ewiges Licht. Es symbolisiert die immerwährende Anwesenheit Gottes.
* Die heiligen Schriften, die Torarollen, werden in einem Toraschrein aufbewahrt. Er ist nach Osten, in Richtung Jerusalem, ausgerichtet und wird er durch einen Vorhang verdeckt.
* Die Tora beseht aus den fünf Büchern Mose und ist Teil der hebräischen Bibel. Die Torarolle besteht aus Rindshäuten und ist von Hand beschrieben. Sie ist sehr wertvoll und darf nicht mit bloßen Händen berührt werden.
* Auf der Bima, die oft neben dem Toraschrein steht, wird die Tora zum Lesen ausgerollt.
* In orthodoxen Gemeinden sitzen Männer und Frauen während des Gottesdienstes getrennt voneinander. In großen Synagogen gibt es eine Frauenempore, in kleineren Räumen werden die Geschlechter oft durch einen Vorhang getrennt.

Stichwort: Waldkliniken

Blick auf die Waldkliniken in Eisenberg
Blick auf die Waldkliniken in Eisenberg Bildrechte: bwpictures / Waldkliniken Eisenberg

Von außen sieht man es nicht gleich, dass das Thüringer Klinikum ein auch bundesweit angesehenes Orthopädie-Zentrum ist. Die alte Bausubstanz aus den Gründerjahren mischt sich mit Plattenbauten aus DDR-Zeiten und neuen Komplexen aus Glas, Stahl und Beton. Demnächst soll sich die Waldklinik zu d e m Zentrum der Orthopädie in Deutschland entwickeln.

Patienten gelten als Gäste. Sätze wie: Der Oberschenkelhalsbruch ist auf Station 55 verlegt worden, sind verboten. Umgekehrt wissen auch die Pflegekräfte und Physiotherapeuten in der Waldklinik um ihren Wert. Angestellte und Patienten, sowie der krankenhauseigene Kindergarten, werden vom Küchenteam der Waldkliniken täglich verköstigt.

An solche Bedingungen war zu Anbeginn des Eisenberger Klinikums nicht zu denken. Die Geschichte reicht zurück bis in den Zweiten Weltkrieg, zum Schutz vor Bombenangriffen wurde das erste Haus als Kriegslazarett mitten in den Wald gebaut. Der Mediziner und Klinik-Leiter, Rudolf Elle, richtete den Fokus bald auf Orthopädie und Prothetik. Der Bedarf nach einer "Zentrale für Körperversehrte" war nach dem Krieg enorm. Versorgt wurden vor allem Soldaten und ehemalige Gefangene aus aller Herren Länder, bisweilen unter unvorstellbaren Bedingungen: "Die Not war groß. Es kam vor, dass Patienten nicht entlassen werden konnten, weil keine Bekleidung vorhanden war, schrieb Elle 1947.

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Ein in der Mitte mit einem Davidstern verzierter achtarmiger Leuchter mit brennenden Lampen 30 min
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 08. Oktober 2020 | 22:40 Uhr