Buchvorstellung "Wir sind da!": Uwe von Seltmann vergegenwärtigt jüdische Geschichte

Deutschland ist das einzige Land in Europa, in dem Juden seit der Antike ununterbrochen gelebt haben. Das schreibt Uwe von Seltmann in seinem Buch "Wir sind da!", das gerade aus Anlass des Jubiläums "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" erschienen ist. Inspirieren ließ er sich vom russisch-jüdischen Historiker Simon Dubnow, der das Judentum als 4.000 Jahre alte Familiengeschichte auffasste. Seltmann versteht es, sie in seinem erzählenden, reich illustrierten Sachbuch zu vergegenwärtigen. Lesenwert und lehrreich.

Der Buchtitel "Wir sind da!" erinnert an den jiddischen Dichter Leyb Rozenthal, der kurz vor Kriegsende bei einem Todesmarsch ums Leben kam. Geschrieben hat er das Lied "Mir lebn eybik" 1943 im Ghetto Wilna. Die heute 96 Jahre alte Sängerin Esther Bejarano, eine Überlebende der Schoah, beendete damit immer wieder ihre Konzerte. Der Publizist und Dokumentarfilmer Uwe von Seltmann entlehnt sie jetzt für seine bereits viel gelobtes Buch der Geschichten über 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland:

'Wir leben trotzdem, wir werden leben und erleben und schlechte Zeiten überleben, wir leben  trotzdem, wir sind da!' Diese Worte waren für mich wie eine Überschrift für das gegenwärtige deutsche Judentum.

Uwe von Seltmann

Über 30 Jahre Recherchen

Buchcover: „Wir sind da!“: Uwe von Seltmanns jüdische Geschichte
1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland Bildrechte: homunculus Verlag

Seit über 30 Jahren befasst sich Uwe von Seltmann mit jüdischer Geschichte und Kultur. Aufgewachsen ist der in Westfalen geborene Publizist mit Literatur jüdischer Schriftsteller wie Joseph Roth oder Stefan Zweig. Beim Theologiestudium in Jerusalem lernte er den aus München stammenden Religionsphilosophen Schalom Ben-Chorin, der sich für den christlich-jüdischen Dialog einsetzte, noch persönlich kennen. Er beschäftigte sich immer mehr mit jiddischer Sprache und Kultur, die ihn bereits als Jugendlicher fasziniert hatte. 

Das Jiddischland, das keine Grenzen kennt und dessen Bewohnerinnen und Bewohner auf allen Kontinenten leben, ist zu meinem Heimatland geworden – egal, wo ich gerade lebe.

Uwe von Seltmann

Von der Spätantike an: Miteinander, Nebeneinander, Gegeneinander

In sechs Kapiteln beschreibt Uwe von Seltmann, wie sich jüdisches Leben seit der römischen Spätantike an Rhein und Donau etablierte. In Städten wie Köln oder Regensburg lebten Juden schon vor der Ersterwähnung durch Kaiser Konstantin im Jahre 321. Sie besaßen die gleichen Rechte wie die Christen. Dann schweigen die Quellen über ein halbes Jahrtausend. Erst um 900 tauchen jüdische Händler wieder in Urkunden auf, als Reisende zwischen Orient und Okzident. In der Zeit Kaiser Ottos I. gelangten einzelne Juden auf den Handelswegen sogar bis nach Magdeburg und Merseburg.

Deutschland ist das einzige Land in Europa, in dem Jüdinnen und Juden ohne Unterbrechung seit der Antike leben. Sie waren vor den Deutschen da – und auch vor den Christen. Es gab Zeiten des gedeihlichen Miteinanders mit der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft, des Nebeneinanders und auch des Gegeneinanders.

Uwe von Seltmann

Mit den Kreuzzügen ab dem Jahre 1096 setzten die ersten Pogrome ein. Fortan lebten Juden in ständiger Gefahr, verfolgt zu werden.

Geschichte, Religion & Bräuche, Porträts

In Von Seltmanns Buch erfährt der Leser nicht nur etwas über jüdische Geschichte, sondern auch über Religion, über die Heiligkeit des Schabbat, über Tora, Talmud und Feiertage. Auch mit der hebräischen und jiddischen Sprache beschäftigt sich der Autor. In kurzen Einschüben stellt er mittelalterliche Rabbiner wie Moses Maimonides oder Raschi vor, die bis heute wichtig für die religiöse Praxis geblieben sind. Porträts jüdischer Persönlichkeiten ergänzen den historischen Diskurs.

Mir war es wichtig zu zeigen: Das Judentum ist kein monolithischer Block. Das eine Judentum gibt es nicht. Das Judentum hat viele Gesichter.

Uwe von Seltmann

Wie die Kauffrau Glückel von Hameln, die Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim oder Rosa Luxemburg, die 1919 von Rechtsextremem in Berlin ermordet wurde.  

Inspiriert von Dubnow: "Eine 4.000 Jahre alte Familiengeschichte"

Uwe von Seltmann hat sich auch inspirieren lassen vom russisch-jüdischen Historiker Simon Dubnow und seinem umfangreichen Werk über die "Jüdische Geschichte": "Dubnow erzählte die jüdische Geschichte als die einer 4.000 Jahre alten und weitverzweigten Familie – als Familiengeschichte. Und für ihn gehörten zu dieser Familie auch Juden, die sich vom Judentum losgesagt hatten, wie Karl Marx, oder zum Christentum übergetreten waren, wie Heinrich Heine und Ludwig Börne.

Von Seltmanns Buch ist aber auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte, besonders in der Nazizeit. Schon 2004 hatte er für sein Buch "Schweigen die Täter, reden die Enkel" das Leben seines Großvaters recherchiert, der zum Nazi-Kriegsverbrecher geworden war. Jetzt erzählt er auch von der anderen Seite, von den verschwiegen jüdische Spuren in seiner Familie.

'Wir sind da!' habe ich daher den österreichisch-ungarischen Seltmanns und den hessisch-westfälischen Marburgers gewidmet, die in der Schoah ermordet wurden. Einfache Landjuden wie die Marburgers haben vor der Schoah das jüdische Leben in Deutschland ebenso geprägt wie die Einsteins, Bubers und Baecks.

Uwe von Seltmann

Lesenswert und lehrreich

"Wir sind da!" – das Buch über 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland ist ein sehr lesenswertes und vor allem auch lehrreiches Buch geworden – mit informativen Abrissen der Geschichte, eindrucksvollen Zitaten und Porträts jüdischer Persönlichkeiten sowie zahlreichen historischen und aktuellen Bildern.

Zur Person: Uwe von Seltmann Seit über 30 Jahren beschäftigt er sich sowohl mit der jüdischen Geschichte und Kultur und das auch aus familiären Gründen.

Zu seinen wichtigsten Werken zählt das Standardwerk "Schweigen die Täter, reden die Enkel" (2004). Er ist zudem Regisseur und Co-Produzent des preisgekrönten Dokumentarfilms "Boris Dorfman – A mentsh" (2014). Zuletzt erschien im homunculus verlag die erste deutschsprachige Biografie des jiddischen Dichters Mordechai Gebirtig (1877–1942) "Es brennt" (2018). Sie wurde international als
"Pionierarbeit gegen das Vergessen" gewürdigt.

Der Autor stammt aus Westfalen, lebte nach der Wende viele Jahre in Sachsen. Von Dresden und Görlitz zog er nach Krakau, wo er die von den Nazis zerstörte Welt des Ostjudentums kennenlernte. Von Seltmanns Buch über den Dichter Mordechai Gebirtig gehört zu den wichtigsten Publikationen über die Geschichte der Juden in Deutschland.

Angaben zum Buch Uwe von Seltmann
Wir sind da! 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland
344 Seiten
homunculus verlag
ISBN 978-3-946120-81-0

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. Mai 2021 | 08:15 Uhr