Amtseinführung | jetzt in der Mediathek Was Zsolt Balla als Militärbundesrabbiner vorhat

Als Ermutigung für jüdische Soldatinnen und Soldaten sieht Zsolt Balla sein Amt als erster Militärrabbiner der Bundeswehr. Dass es erstmals seit 100 Jahren wieder eine jüdische Militärseelsorge in einer deutschen Armee gibt, begrüßt Zentralrats-Präsident Josef Schuster als "Schritt zur Normalität jüdischen Lebens in Deutschland". In der Leipziger Synagoge, die Balla als Gemeinderabbiner betreut, waren neben Schuster auch Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer und die christlichen Militärbischöfe anwesend. Außerdem gehörten jüdische Soldatinnen und Soldaten zu den Gästen. Der MDR übertrug die Amtseinführung am Montag. Was bedeutet das Amt in einer Zeit, in der der Bundeswehr rechtsextreme Tendenzen im Inneren vorgeworfen werden?

Das Amt des Militärbundesrabbiners übernimmt Zsolt Balla zusätzlich zu seinen Aufgaben in der Leipziger jüdischen Gemeinde und im Land Sachsen. Der Vater von drei Kindern ist außerdem Vorstandsmitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz und Leiter des Instituts für Traditionelle Jüdische Liturgie Leipzig. Als Seelsorger wird er nicht der militärischen Befehlsgewalt unterstehen, wie er betont:

Wir sind als Militärrabbiner bei der Bundeswehr und trotzdem sind wir Zivilisten. Das ermöglicht uns, auf Augenhöhe mit jedem Soldaten, jeder Soldatin zu sprechen. Das verpflichtet uns auch, für jeden Soldaten da zu sein. Ich finde die Aufgabe spannend und ich bete, dass ich die Erwartungen erfülle und wir eine bessere Zukunft bauen können.

Zsolt Balla Militärbundesrabbiner

Sohn eines Offiziers, atheistisch erzogen, orthodox ordiniert

Rabbiner Shimon Langnas (re.) spricht anlässlich der Ordination von Rabbiner Zsolt Balla (li.) und Avraham Radbil (2.v.li.) in der Synagoge München
Zsolt Balla (r.) und Avraham Radbil bei der Ordination als Rabbiner Bildrechte: imago images / Astrid Schmidhuber

1979 in Ungarn als Sohn eines Offiziers geboren, wuchs Zsolt Balla atheistisch auf. Erst als Neunjähriger erfuhr er durch seine Mutter, dass er jüdisch ist. Nach dem Ingenieur-Studium in Budapest schrieb er sich 2002 am neu gegründeten orthodoxen Rabbinerseminar in Berlin ein. Er gehörte zu den ersten beiden Absolventen.

Judentum authentisch vermitteln

Seit zwölf Jahren lebt er in Leipzig. Seine Aufgaben als Gemeinderabbiner und Landesrabbiner in Sachsen will er weiter erfüllen, auch wenn er weiß, dass das "eine große Herausforderung" ist: "Das Modell, das der Zentralrat vorsieht, ist, dass ich als Bundesmilitärrabbiner eine Halbstelle einnehme. Ich muss also sehr viel von Leipzig nach Berlin pendeln. Das ist aber kein großes Problem."

Zsolt Balla, sächsischer Landesrabbiner, singt am Gedenkort der ehemaligen Großen Synagoge unter einem achtarmigen Chanukka-Leuchter.
Zsolt Balla am Gedenkort für die einstige Große Synagoge in Leipzig Bildrechte: dpa



Als Leiter des Militärrabbinats in Berlin werde Zsolt Balla schon bald die Arbeit weiterer Militärrabbiner und -Rabbinerinnen in der Bundeswehr an den Standorten koordinieren, sagt Josef Schuster. Wichtig ist dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland der Lebenskundliche Unterricht, den sich die Militärrabbiner mit christlichen und gegebenenfalls auch mit muslimischen Militärseelsorgern teilen. 

Im Lebenskundlichen Unterricht sollen alle Militärangehörigen Informationen über das Judentum, übers jüdische Leben bekommen. Und wer könnte so etwas authentischer machen als ein Rabbiner.

Josef Schuster Präsident Zentralrat der Juden in Deutschland

Schuster: Schritt zu mehr Normalität

Josef Schuster, Präsident des Zentralrat der Juden
Josef Schuster, Präsident des Zentralrat der Juden Bildrechte: IMAGO

Die Einführung des Militärbundesrabbiners ist für Josef Schuster ein längst überfälliger Schritt zu mehr Normalität jüdischen Lebens in Deutschland – und in der Bundeswehr. Er verweist auf die Geschichte. So habe es bereits vor mehr als 100 Jahren, nämlich im 1. Weltkrieg bereits Militärrabbiner gegeben.

Ich hoffe, es ist ein Schritt zur Normalität jüdische Lebens in Deutschland. Dazu gehören jüdische Militärangehörige in der Bundeswehr. Ich hoffe nicht, dass wir Feldrabbiner brauchen. Denn ich wünsche mir natürlich nicht, dass es zu kriegerischen Auseinandersetzungen kommt. Aber dass eine jüdische Militärseelsorge in der deutschen Armee selbstverständlich wird, das begrüße ich.

Josef Schuster Präsident Zentralrat der Juden in Deutschland

Judith Ederberg: Chance sich zu vernetzen

Diese Selbstverständlichkeit wünscht sich auch Judith Ederberg. Die 20jährige Tochter einer Rabbinerin und eines Rabbiner, hat sich schon als Schülerin für den Sanitätsdienst der Bundeswehr interessiert. Nach dem Freiwilligendienst in einem jüdischen Altersheim in Argentinien und dem Besuch einer Religionsschule in Israel studiert sie nun als Militärangehörige Medizin:

Es ist wirklich praktisch, einen jüdischen Seelsorger zu haben, um sich austauschen zu können, aber auch als direkten Ansprechpartner, um sich mit anderen jüdischen Soldatinnen und Soldaten besser vernetzen zu können.

Judith Ederberg

Konstantin Boyko: Militärseelsorge ist elementar

Konstantin Boyko kam 1998 mit seiner Familie aus der Ukraine nach Deutschland und erinnert sich, wie er vor zwölf Jahren zur Bundeswehr kam: "Ich bin deutscher Staatsbürger, ich musste und wollte damals meinen Grundwehrdienst leisten, die Bundeswehr hat mir gute Perspektiven eröffnet. Ich habe den Schritt bis heute nicht bereut." Der 33-Jährige ist inzwischen Hauptbootsmann und bei der Rettungsleitstelle der Marine im schleswig-holsteinischen Glücksburg eingesetzt. Er findet, dass die Seelsorge elementar ist für die Betreuung der Soldaten:

Wenn ein jüdischer Soldat oder eine jüdische Soldatin aus dem Einsatz zurückkommt oder Probleme am Standort hat, ist es klasse, wenn er oder sie mit jemandem reden kann, der denselben religiösen und kulturellen Hintergrund hat.

Konstantin Boyko Soldat

Ermutigung für jüdische Soldatinnen und Soldaten

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Zsolt Balla in der Leipziger Synagoge. Von dort meldet er sich auch via Livestream zum Gebet. Bildrechte: MDR/Anaïs Roth

Zsolt Balla möchte jüdische Soldatinnen und Soldaten ermutigen, offener mit ihrer religiösen Identität umzugehen.

Mit Sorge beobachtet er allerdings auch die Vorfälle mit rechtsextremem oder antisemitischem Hintergrund in der Bundeswehr.

Wir wissen, dass generell bei der rechtsextremistischen Szene eine größere Affinität zu den bewaffneten Kräften gibt und beim liberalen und linken Teil der Gesellschaft weniger Bereitschaft zu dienen. Wir müssen das wahrscheinlich auch ein bisschen ändern.

Zsolt Balla Bundesmilitärrabbiner

Es geht Zsolt Balla um eine Bundeswehr, in der demokratische Werte gelebt und antisemitische Vorurteile abgebaut werden. Dies sei für ihn ein wichtiges Motiv gewesen, die Aufgaben eines Militärbundesrabbiners überhaupt anzunehmen, sagt Zsolt Balla mit Blick auf seine Amtseinführung.

Stichwort: Amtseinführung des Militärbundesrabbiners

Zur feierlichen Amtseinführung in der Brodyer Synagoge werden am Montagnachmittag neben Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer auch die beiden Militärbischöfe der Bundeswehr, Franz-Josef Overbeck und Bernhard Felmberg, erwartet. Ebenso nehmen Vertreter der Orthodoxen und der Allgemeinen Rabbinerkonferenz sowie jüdische Militärangehörige an der Zeremonie teil. Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, überreicht Rabbiner Zsolt Balla einen Thoramantel, als Symbol für die künftige Reisethorarolle des Militär-Bundesrabbinats in Berlin.  

Bereits vor gut einem Jahr verabschiedete der Bundestag das Gesetz über die jüdische Militärseelsorge, analog zur christlichen Seelsorge. Damit setzten die Abgeordneten den 2019 unterzeichneten Staatsvertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Zentralrat der Juden um.

Bis zu zehn Militärrabbinerinnen und -rabbiner sollen in Außenstellen des Rabbinats in Nord-, Süd-, Ost- und Westdeutschland alle religiösen Ausrichtungen des Judentums in Deutschland repräsentieren, von orthodox bis liberal. Die künftigen Militärrabbiner sollen neben der Seelsorge auch lebenskundlichen Unterricht erteilen, um Soldatinnen und Soldaten mit dem Judentum vertraut machen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. Juni 2021 | 09:15 Uhr